9 Tage. // Zwischen Null und Zero.

Ruhrgebiet, da wollten Sie nie hin? Tja, jetzt nun sind Sie einmal da.

So oder so ähnlich heißt es in einer unregelmäßig erscheinenden Kolumne in der ZEIT zum Thema „Ungewöhnliche, sehenswerte Orte“. Die sich dahinter versteckende Attitüde ist in etwa mit der der Tierheim-Rubrik „Räudige, altersschwache Kampfhunde mit Diabetes suchen ein Zuhause“ vergleichbar. Duisburg, Offenbach oder Braunschweig-Süd sind vermutlich unwesentlich weniger sexy als die Redaktionskantine.

In den verbleibenden zwölf, elf, zehn…Tagen bleibt zwischen letzten und allerletzten Bieren und Pack-Panik manchmal Leerlauf. Und Leerlauf befeuert eine imaginäre To-Do-Liste nach der man seine Kajalstifte anspitzen, Teepackungen nach Ablaufdaten sortieren und einen Schuhkarton mit Memorabilia der letzten Monate auf den Kopf stellen muss. Diesen einen Schuhkarton, den mit den Kinokarten, den witzigen Postkarten aus den Indienkaffees und den hingekritzelten Liebesbriefen auf den alten Zigarettenschachteln.

Mein Karton ist ein einziger nicht abgeschickter Liebesbrief ans Ruhrgebiet.
Seine Landschaft, seinen Schrott, seine Menschen.

Ich könnte eine Liste der Wunder liefern, die mir in den vier Jahren Studium dort begegnet sind, aber.…*
Auch Der perfekte kulinarische Tag in Essen muss nicht sein, es sei denn, man sucht nach einem möglichst delikaten Weg, 24.000 Kalorien zu sich zu nehmen.**
Alternativ würde ich gern eine komplette Dramatis personae  veröffentlichen, mit all den Menschen, die mir die acht Semester hartnäckig versüßt haben.***

Also: Da wollten Sie nie hin?

Stimmt nicht ganz, ohne Schimanksi-Sozialisation wusste ich vor allem einfach nichts über das Gebiet nördlich von Velbert. War mir recht sicher, dass lange nichts kommt und dann irgendwann Münster. Und dann die Nordsee.
Nach dem Abi habe ich also einen 30km-Zirkel ausgepackt, von vier Unis in der Nähe zwei ausgeschlossen und mich an den anderen beiden beworben, dieses Mal „für irgendwas mit Büchern“. Hingekommen, ausgekundschaftet und mich gemächlich und dann mit voller Wucht verknallt.

Jetzt lag ich also im besten Abschiedsblues und in bester Gesellschaft im für eine längst vergangene Gartenschau herausgeputzten Stadtpark und sinnierte über dieses Diorama der seltsamen Charaktere nach, die mir diese Ansammlung von immer noch pleitereren Städtchen so haben ans Herz wachsen lassen. Nur um dann doch wieder inne zu halten.

Mit einer trockenen Rotzigkeit, die man sonst nur von Wienern kennt, interessieren sich die meisten Ruhrgebietler dankenswerterweise kein Stück für den oktroyierten Kultstatus.
Niemanden, der das Glück hat, morgens vom Balkon aus auf die Rü zu gucken oder einen Steinwurf von Frohnhausens bester Eisdiele weg zu wohnen interessiert es besonders, wie anthropologisch großartig ich die letzten Jahre fand.

Und wer nicht vorhat, den nächsten Familienurlaub nach Bochum zu verlegen, interessiert sich bestimmt auch viel zu wenig dafür, was die Buchhandlung Proust eigentlich zur Weltrettung beiträgt.

Also habe ich zwischen Wildgänsen und in elf verschiedenen Sprachen schreienden Kindern auf einen Zeppelin am Himmel gestarrt. Mich an meine ersten Seminare und letzten Seminare erinnert („Das Drama der Schuld – Exemplarische Textanalyse“ hin zu „Hubert Fichte und der Beat von Hamburg“), an erste und letzte Clubnächte, erste und letzte Kaffeepausen vor der roten und ausschließlich der roten Cafete.

Und vor lauter Nostalgie aufgehört über die kommenden neun Tage und das große blaue Ungewisse danach zu denken.

 

*For the sake of the argument (was für eine schöne Formulierung ): …die Lichtburg, die Margarethenhöhe, die Ruhrtriennale, die Goldbar, die Zechen, die Villen, die Asbestbauten, Swing’n Beton im Bunker, Tee im Livres, Spaziergänge von Nord (Zollverein) bis Süd (Bredeneyer Kreisverkehr),die winzige französische Bibliothek, die irrsinnigen Öffnungszeiten von Bäckereien und HBB, die sich in einem ewigen Kreislauf perfekt ergänzen, das Unperfekthaus, der Rüttenscheider Markt – morgens um fünf, mit Trockeneisdampf in den Haaren, die Sofarsounds, das Grillo, dieses Lyonel Feininger-Gemälde im Folkwang, der abgefahrene Flohmarkt auf dem Uniparkplatz am Samstag, das Voodoo-Museum, die flirrende Hitze über Altenessen an diesem einen Samstagmorgen, der Alienlandeplatz am Thyssen-Krupp-Hauptquartier…..

**Finde den Fehler: Toscanafrühstück in der Zweibar, Eis bei Casal, Brunch im Unperfekthaus, Mittagessen in der Folkwangmensa, Froyo bei Sorellis, Fische-Pizza bei Zodiac mit Chilli-Cheese-Fritten von Toffino, zum Nachtisch ein Café Perfekt Törtchen…

***Aber ihr wisst es doch eh schon.

4 Kommentare

  1. Und bitte, am Ende aller zuvor zu Ende gegangenen Dinge ein Book. Ob e- oder g- ist wurscht (das g- steht für gebunden, aber diese Gutenberg’sche Volte steht uns noch bevor, sagt mein rückwärtsgewandtes, inneres historisches Ich).

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    • Merci, merci – gleich zwei mal für die beiden lieben Osterkommentare, die mir den Morgen sehr versüßt haben! Ob es ein Swansea- oder Wuppertal-Book wird, mal sehen…. All the best!

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