4 Tage. // Thinking is one of those stressful things I’ve ever come across.

Eine literarische Panikattacke.

2010 hatte es in der heimatlichen Küche den Versuch gegeben, einen dieser vollkommen ungenießbaren englischen Weihnachtskuchen zu …backen /kochen /erschaffen. Ziel war meiner Meinung nach ein stiller, heiliger Besuch im Kreis der ganzen Familie in der zahnärztlichen Notaufnahme. Gloria in excelsis deo – das Experiment scheiterte und das bowlingsballförmige Ergebnis schaffte es nicht unter den Weihnachtsbaum, sondern auf den Kompost, wo es inzwischen wahrscheinlich zum König der Unterwelt gewählt wurde. Plumpudding, naja, unserer jedenfalls, besteht neben Teer, Marmite und anderen satanarchäolügenialkohöllischen Zutaten aus Rum. Wie alle anderen Bestandteile lag dieser in einer staubigen, angebrochenen Flasche bisher unberührt in einem Vorratsschrank und reifte beeindruckend vor sich hin.

Bis heute morgen.

Verkatert, hungrig, knatschig, unaugeschlafen, nervös, sentimental und euphorisch war ich wie üblich der Sonnenschein des Küchentischs. Es war noch nicht allzu spät als ich zum siebenundfünfzigsten Mal den Rand meiner großzügig nachgefüllten Kaffeetasse entlangkratzte und ernsthaft überlegte, das seit sechs Jahren unberührte Chemieexperiment „Back-Rum“ in meinen Soja-Milchkaffee zu schütten. Es sind nur noch vier Tage und diejenigen, die in den Genuss meiner Gesellschaft kommen, sind einem nicht endenden Strom aus Geplapper ausgesetzt, das sich letztlich so kondensieren lässt:

Modulhandbuch-Studiengebühren-Brexit-Hilfe-Wunderwelt! 

An dieser Stelle: Ein enormes Dankeschön. Die Momente, die ich in kaninchenhafter Schockstarre im Stall neben meinen Kaninchen hockend verbracht habe (Hamlet und Ophelia insistierten Pretty Little Liars binge-zu-watchen) wären ohne diese Gesellschaft weitaus zahlreicher.

Jedenfalls braucht es überschaubare Anweisungen („Halt mal bitte die Kellertür auf“) oder zumindest einen überschaubaren Rahmen (23kg Gepäck), um meinen stürmenden-drängenden Gedankenstrom zu stoppen. Letzteren lieferte heute dann auch die einzige Aufgabe, die ich halbwegs bei Trost erledigen konnte:

Das Literatur-Casting. 

Zu dramatischem Indierock habe ich eine ganze Weile vor meinem ohnehin brutal dezimierten Bücherregal gesessen. 90% des Katalogs liegen ja seit Wochen eingelagert im einjährigen Winterschlaf. Nur die absoluten Lieblinge haben es überhaupt in den Recall geschafft und trotzdem eine ganze Weinkiste gefüllt – während ich den gesamten Inhalt der Weinkiste gebraucht hätte, mich von all dem Trubel abzulenken, wäre sie nicht in leerem Zustand seit dreiundzwangzigeinhalb Jahren im Familienbesitz.

Statt staubigen Schnapps zu trinken, hielt mich erfolgreich davon ab, Die Suche nach der verlorenen Zeit (zweisprachig, bien sur!) vollständig unter meinem Regenmantel zu verstecken. Für bestimmt vier Minuten konnte ich die Problematik fallender Pfund-Kurse vollkommen ausblenden, um dem Kreischen einer snobistisch-chauvinistisch veranlagten Romanistikstudentin mit Baskenmütze in meinem Kopf zu lauschen. Nichts braucht man schließlich dringender im Ausland als 12kg Bücher, die man schon zuhause nie anfasst.

Zwischen Seitenrascheln und dem Brechen meines bibliophilen Germanistenherzchens über die Erkenntnis, dass ich in den nächsten Monaten weder den Zauberberg, noch den Mann ohne Eigenschaften durchlesen werde, kehrte eine gewisse meditative Ruhe ein. Das ewig schlechte Gewissen der Literaturwissenschaftler verstummte in relativer Entfernung zur Privatbibliothek. All die nie gelesenen Leseempfehlungen, tollen spanischen Krimiserien und Graphic Novels gaben Ruhe – das Äquivalent zum abbestellten Netflix-Probeabo.

Trotz allem mussten aus meinen fünf Stapeln angesichts dieser fiesen 23 (nicht mal dreiundzwanzigeinhalb) Kilo-Grenze also fünf Bücher werden, die ich im Zweifelsfall auch mit Paketband verschnürt im Handgepäck mitschmugglen würde:

1. Brontë – Wuthering Heights.

2. Kundera – Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.

3. Nabokov – Der Zauberer.

4. Tellkamp – Die Uhr.

5. Kelly – Love and Money.

Ersteres in der Ausgabe, die ich zum 12. Geburtstag geschenkt bekommen habe – nach nicht endenden Nachfragen, was es mit meinem Vornamen auf sich habe.

Nummer zwei als erste große belletristische Verliebtheit, Nummer drei als Schlüsselloch durch eine Tür zu einem literarischen Wunderwald.

Viertens in der wunderschönen Ausgabe, die mir eine wunderschöne Freundin zu Weihnachten geschenkt hat.

Und letzteres, weil es an Erinnerungen mehr wiegt, als diese 80 Seiten Gegenwartstheater auffangen könnten und nebenbei die schönste Liebeserklärung an die Liebe liefert, die man sich vorstellen kann.

Damit endete der produktive Teil des vor-vor-vorletzten Tages, der langsam in einen Cocktailabend übergeblendet wird. Zu Weihnachten bin ich übrigens wieder hier, aus Sorge, Doppelgängern des Plumpuddings über den Weg zu laufen.

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