Two worlds. // Two feet off the ground. Part I

 

Nachdem ich heute morgen mit verschlafen in meine Docs gefallen, in einem Kreisverkehr beinahe von Autos aus beiden Richtungen überfahren worden wäre und die Füße in Sand, Muschelbrocken und den Atlantik gegraben habe, ist jetzt endlich Zeit für den ersten Teil der Magical Mystery Tour: Die Anreise.

Protagonisten: Mein zerschlissenes Nervenkostüm und ein sagenhaft schwerer Koffer.

Auf der Hamburger Treppe beschlich mich das erste Mal der Gedanke, dass das ganze vielleicht doch einfach eine hirnrissige Idee war. Der Koffer wurde von einem etwas sperrigen Accessoire zu einem selbstständig denkenden bockigen Persönchen, das von der Aussicht über einen Ozean geschleift zu werden, wenig hielt. Koffer war schon in Israel, auf Kreta, in Helsinki, Riga und Paris – aber von seiner neuen Aufgabe, meinen Hausstand sicher ans Ziel zu bringen nicht unbedingt begeistert. Koffer ist ein Typ für Strandurlaub, teilte er mir mit, als ich an der Central Bus Station Heathrow verzweifelt gegen eine der Rollen kickte. Für Sonne, Sambuca, Bikinis, für Sonnencreme, Strandlektüre und in Knisterfolie gewickelte Mitbringsel.

Am Wuppertaler Hauptbahnhof klopfte mein Nervenkostüm neurotisch an und fragte, ob es nicht doch die Möglichkeit gäbe, einfach in die S9 zu steigen, nach Essen zu fahren, meinen alten Job wieder anzunehmen und mich für einen Master in Irgendwas-ologie einzuschreiben. Aber der National Express, der uns später als Busservice noch mal begegnet, fuhr ein und brachte Koffer, Nervenkostüm, Mummy und mich sicher zum Kölner Flughafen.

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Auf der Suche nach dem verlorenen Terminal 1B (und ja, man kann schon am S-Bahn-Gleis den richtigen Schildern folgen, aber wo wäre dann der Spaß?) ließ ich Koffer, Mantel, Handgepäck und Fassung fallen und weigerte mich, auch nur einen Schritt weiter zu gehen. 50 Pfund Gepäck und die Aussicht, auf eine mir, außerhalb Londons völlig unbekannte Insel zu ziehen, schwappten in unregelmäßigen Wellen übers Gemüt, das sich nur mit einem großen Schokomuffin beruhigen ließen.

Ohne Mummy und meine Lieblingslaura, die sich zum Abschiedswinken dazu gesellt hatte, wäre Koffer wahrscheinlich in Deutschland geblieben – oder ich hätte versucht, ihm einen Flug auf die Canaren zu buchen, wo er ja eh lieber hinwollte – nur um meine Ruhe zu haben.

Über die letzten Minuten am Securitycheck senke ich den Mantel und Vorhang des Schweigens: „Don’t tell anybody anything. If you do, you start missing everybody.“

Es folgten das obligatorische Parfümtesten im Dutyfree-Bereich, ein Flugzeug und ein  Immigration Officer, der mich mit den Worten begrüßte: “Your face changed – try to look more like your picture next time.”  Forever 18 am Grenzposten.

Während ich den Flug mit einem klebrigen Käsetoast und dem journalistischen Hochglanzmagazin von Eurowings verbracht habe, hatte Koffer offensichtlich eine
spannendere Reise. Er lag offen auf dem Gepäckband, zumindest offen genug um mit einem flatternden Pulloverarm nach mir zu winken. Vielleicht war ihm im Flugzeugbauch schlecht geworden und wollte meine Socken auskotzen. Vielleicht war einfach der Reissverschluss kaputt. Vielleicht hatte ein schwitziger Bundespolizist, oder ein unterbezahlter outgesourcter Kollege die (beim Check-In verschlossene) Packung Einwegrasierer untersuchen wollen. Wisse man nicht genau, sagte ein ca. 14-Jähriger Heathrow-Baggage-Claim Mitarbeiter mit Schusswaffe. Wenn was fehle, solle ich an Eurowings schreiben. Bis jetzt fehlt nichts, außer dem Gefühl, nicht in einer kafkaesken Post-Sicherheits-Stasi-Welt zu leben.img_0011

Koffer, Nervenkostüm und ich stoppten für einen Snack am Arrival/Meet and Greet-Gate. Eine beträchtliche Anzahl distinktiv verliebter Menschen insznierte Love actually, ich aß eine Falafel.

An der Central Bus Station vertrieb ich mir anderthalbstündige Wartezeit mit Arrabiata-Nudeln von Nero-Coffee (Nicht zu empfehlen) und der Lektüre der ersten Seiten von John Burnsides Glister (but more on that later).

Endlich im Bus angekommen verschlief ich die ersten Stunden bis Bristol komplett.

Verschlafen aus unruhigen Träumen aufgewacht zog eine rauhe Stadt voller Skater und Business-Boys, die für London zu üben scheinen vorbei. Die Weihnachtsbeleutung hing schon oder noch. Durch Cardiff und Port Talbot schlief ich immer wieder ein, vom ständigen Wechsel der Lautstärke, des blauen und weißen Neonlichts an den Rand einer Migräneattacke geschoben. Von Swansea sah ich lange nichts, außer sehr kleinen Häusern am Stadtrand und einem großen Einkaufszentrum am Bahnhof.

Koffer und ich fielen mit heftigen Kopfschmerzen auf den Asphalt – müde, dankbar, ausgezehrt.

Roger, mein Vermieter, ein pensionierter Physikprofessor mit schütteren ocker-farbenen Haaren wartete in der Ankunftshalle. Ich hatte genug interkulturelles Training intus, Briten grundsätzlich Reserviertheit zu unterstellen. Er offenbar nicht:  “Good to see you, Lovely! You look like you could use a hug!” Recht hatte er, der Gute.

Und jetzt? Sitze ich auf einem exzentrischen Sofa in einem Haus voller Teppiche und Treppen und tippe am zweiten Teil dieses Abenteuers herum: eine Adele mitsingende SPAR-Verkäuferin wird darin vorkommen, ein bekiffter amerikanischer Austauschstudent und ein Krimi-Autor mit Paisleyteppichen…Next time, Kisses, XOXO!

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