Two Worlds // Livingroom Legends. Part II

Ab hier nimmt die Geschichte selbst den Füller in die Hand und schreibt sich lieber thematisch als chronologisch. Eigentlich bin ich vorgestern rückwärts aus einem Hausflur wieder auf die Straße gewankt, durch den Koffer (Link) nur im Profil und nicht in voller Breite passte. Eigentlich habe ich gestern bei einer nicht sonderlich gesangsbegabten SPAR-Mitarbeiterin Putzmittel zum Kilopreis gekauft – und heute am Blumenstand des Swansea Markets böse Blick dafür geerntet, länger als anderthalb Sekunden auf die anarchistischen britischen Münzen gestarrt zu haben.

Aber dies ist die Geschichte von 20 Langland Terrace und sie erzählt sich am besten ganz alleine.

Ein schmuckloses, blassgelbes Haus drückt sich zwischen ein sehr viel hübscheres rotes Backsteingemäuer und ein noch runtergerockteres weißes Exemplar auf einer engen Einbahnstraße in den Hang. Hier geben sich die Nachbarn mehr Mühe mit der Gestaltung ihrer Garagen als mit ihren Vorgärten voller Bauschutt. Hier gelten für jeden Tag der Woche andere Recycling-Regeln (bei Interesse: rosa-grün-schwarz-braun-blau im Wechsel).

Aber nichts davon interessiert groß, vom Fenster aus kann man nämlich sehen, ob gerade Ebbe oder Flut herrscht.

Ich wusste von nichts davon etwas, als ich das erste Mal einen Fuß in das Haus setzte, das ich nur von einer freundlichen Anzeige im Internet kannte und in engelsgleichem Vertrauen untergemietet hatte. Was soll man auch tun, außer um Fotos und Bestätigung der Student Union bitten? Profitipp voller Lebensweisheit für alle armen, verwirrten Kommilitonen: Benutzt das polizeiliche Führungszeugnis des Vermieters als Schmierpapier und fragt ihn lieber nach einer Stoffprobe des Teppichs per Post. In meinem Fall wäre ich wahrscheinlich zum Zoll bestellt worden, wo man mir angeekelt ein durchdringend nach Katze riechendes Päckchen überreicht hätte.  Da ich ohne diesen Tipp dreiundzwanzigeinhalb Jahre alt wurde, stand ich müde in einem Haus, das insgesamt wie eine Pension aus einem Wes Anderson-Film wirkte und aus nichts anderem als Teppich, Türen und Treppen zu bestehen schien.

Und Katzen. Lange, lange unter mysteriösen Umständen verstorbenen Katzen und ihre Geisterkatzenpisse.

Ich war müde, glücklich, erleichtert und mit oben erwähntem engelsgleichen Vertrauen in den Flur und dann ins Wohnzimmer gestolpert – beseelt von gleich mehreren wirren Gedanken. Dass egal was kommen mag, Teil eines Eat-Pray-Love-Selbstfindungstrips sein würde. Dass alles mit gutem Grund passiert. Dass man im Zweifelsfall Alles für eine begrenzte Zeit aushält. Oder, um Kimmy Schmidt zu zitieren: They alive dammit! It’s a miracle! Unbreakable! Females are strong as hell.

Das musste ich mir einige Male meditativ vorsummen, als ich mir am zweiten Abend eine Champignonpfanne zubereiten wollte. In einer Pfanne, die offensichtlich einer freundlichen, noch nicht allzu fetten Schnecke gehörte. Jetzt sind Champignons ja per se eher von amphibischer Konsistenz und ich wechselte zu Toast mit Hummus.

In aller Fairness: Ich liebäugle mit Polemik und wenn ich schreibe, dass die Toilettenspülung klingt, als würde gerade die Titanic am 200m entfernten Strand stranden, ist das möglicherweise übertrieben (aber nicht viel). Auch die Erfahrung, in einer Dusche zu stehen, der die vierte Wand fehlt (quasi wie bei Woody Allen), kann nur bis zur Spitze pointiert beschrieben werden. Aber dass das Hauses mir anfangs schmerzhaft die Kehle zugeschnürt hat, ist ungelogen wahr.

Mitbewohner: Schnecken, Koffer und Liam. 

Trotz allem ging in die erste Etage: Dicker stinkender Teppich, ein Wohnzimmer hinter einer zentnerschweren Feuerschutztür und eine Küche mit Schneckengeschirr.

Die zweite Etage besteht aus dickem stinkendem Teppich, drei Treppenschluchten Marke Eigenbau und Liam. Ein bisher nur schemenhaft in Erscheinung getretener (amerikanischer?) Austauschstudent, der aus unbekannten Gründen allein bis jetzt im Haus gelebt hat. Wenn morgen meine Mitbewohnerinnen aus China und Frankreich ankommen wird er sich wohl auflösen, in eine Wolke aus Eau de Toilette Marke „Ungeduschter Kiffer, dessen Hasch-Wolken die ganze zweite Etage volldampfen und schon einen Feueralarm ausgelöst haben“.

Die dritte Etage gehört dafür noch mir allein und ich habe angefangen, jeden Quadratzentimeter zu putzen, der nicht schnell genug unter den Schrank krabbelt. Meine Bilder aufzuhängen, Koffer auszupacken und Blumen aufzustellen. Welcome to my Crib:

 

Nach dem dicken Kloß im Hals, der vielleicht auch ein kleines bisschen heimwehinduziert war, habe ich mir die Augen gerieben und mich umgesehen: Im Zimmer stehen jetzt zwei Dufterfrischer neroli lime and basil von M&S. Die Schnecke lebt im Garten. Roger, der Vermieter, wirkt wie ein verschrobener Krimiautor im Ohrensessel und beendet jeden Satz mit einem sehr walisischen „…allright, deeeaar“.

Und vom Fenster aus kann man sehen, ob gerade Ebbe oder Flut herrscht. 

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…morgen gehts zum Strand, versprochen!

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