Man kann den Erwachsenen nicht trauen. // Freshers Week.

Nach meinem kurzen Ausflug in die Welt der Selbstfindungs-Outdoor-Jacken und Wurzelsuppenverkoster begann in den letzten Tagen die Uni. Also ein bisschen. Also im tieferen Sinne von: Viele Flyer, viele Freshmen-Party-Kids mit dem ersten und deshalb schlimmsten Kater ihres kurzen Lebens, viele neurotische Eltern auf der Suche nach potenziell verantwortlichen Erwachsenen (die sich auf den unzähligen Balkons herumdrücken, um eben diesen neurotischen Eltern zu entgehen.)

In dieser Mitte des eher UdSSR-igen Teils der Uni steht ein riesiges Zelt aus dem Beats und Kids quellen: Sie haben sich gerade dem Lacrosse-Team, der Dr-Who-Fandom Gruppe und dem Katalanischen Chor angeschlossen, weil es dafür gratis kalte Dominos-Pizza gab. Im Downtown-Abbey-Teil des Campus’ drücken sich ausdrücklich gelangweilte PHD-Studenten herum und warten darauf, die verkaterten Freshers in eine Ecke zu zerren, um die kalte Pizza zu klauen. Weshalb die neurotischen Eltern da sind, um die verantwortlichen Erwachsenen zu suchen, die von den Balkons das derzeit regennasse Meer beobachten.

Zwischen all dem habe ich versucht, die letzten zwei Tage mit sinnlosen bis –vollen Aufgaben zu verbringen:

  1. Pizza klauen
  1. Bankkkonto eröffnen, SIM-Karte suchen, NHS-Registrierung („Hatte jemand in Ihrer Familie schon mal MCD“ – „Was?“ – „Mad Cow Disease“ – „BSE?“ – „Whatever.“), Post verschicken, Wasserrechnungen zahlen, Internetinstallateure abfangen…
  1. Die Student Media Abteilung und die Hogwarts Society besuchen und mich vor den Lacrosse-Jocks verstecken

Heute morgen begann mein Einführungskurs mit den reizendsten Menschen, mit denen man verdonnert werden könnte, eine Marketing-Campagne für einen veganen Sandwich-Snack-Wagen am Campus zu entwerfen. 20 verdatterte Gesichter, die eigentlich damit gerechnet hatten, anderthalb Stunden mit Leselisten und Assignments beworfen zu werden und nicht einmal lustige Wollknäulspiele spielen durften, um sich kennen zu lernen, saßen also über einem fiktiven Budget und einem mit Kuli entworfenen Logo.

Namensvorschläge reichten von Healffy! (Walisisch ist übrigens omnipräsent und immer für einen Lacher auf Kosten wirrer Konsonantenkombinationen gut) bis Breadgelina – und am Ende waren sich inklusive der goldigen Dozenten („You are excatly the kind of girl anybody should sit next to on their first day“) alle einig, dass die Zeit reif für Wein und Chips sei. Chips (also, nur um nicht allzu bilingual snobby zu klingen, aber um sicher zu gehen: Kartoffelchips) sind hier übrigens ein Hauptgericht. Oder zumindest eine vollkommen adäquate Beilage zu: Sandwiches, Salat oder Alkohol. Auch der semi-hochherrschaftliche Empfang des Geisteswissenschaftlichen Instituts heute bestand aus Weißwein und Pringles.

Da die Kurse offiziell erst Montag beginnen (Glückwunsch an diejenigen, die sich auf ein deutsches langes Wochenende freuen!), gibt es von hier nur noch allgemeine Uni-Beobachtungen voller Ruhrgebietssentimentalität: Lustig, dass es anscheinend überall eduroam und diese monströsen Konic Minolta Druckstationen gibt. Bizarr, dass es ein e-Learning-System gibt, das Dozenten noch mehr hassen als moodle und ein Veranstaltungsverzeichnis, das noch irriger aufgebaut ist als LSF. Dass sich die rote und gelbe Cafeten-Front jetzt in Starbucks am College of Arts and Humanities und Costas (an der Bibliothek) verwandelt halt – zumindest wenn man als Master-Student aus dem Osten der Stadt, den Uplands oder Brynmill zum Campus läuft. Bachelorstudenten kommen von der anderen Seite und den Wohnheimen herunter und müssen sich deshalb zwischen JCs und Fultons entscheiden – auch keine echte Frage, Fultons mit knautschigen dunkelroten Sofas und durchgeknallten Tapeten gewinnt.

Am stärksten wurde die Sentimentalität jedoch in der Bibliothek, die ihren Job als lebendiges Archiv der 70er sehr ernst nimmt. Jeder, der schon mal in Essen eine Signatur gesucht hat, wird sie auch in Swansea finden – versprochen. Er muss nur verstehen, warum das Erdgeschoss 3. Stock heißt und dass man in der vierten unterirdischen Katakombenebene exakt genug Sauerstoff zur Verfügung hat, drei Titel aufzuspüren, bevor einem schwarz vor Augen wird. Von wunderschönen Silent Study Areas schwärmte die Bibliothekarin, gerade auf -3, traumhaft sei es. Vielleicht sind sie Folianten unterirdisch besser vor der Meeresbrise, dem Salz und der Feuchtigkeit geschützt, die den Rest der Architektur langsam anknabbert – oder vor Studierenden.

Die Freshers Week dauert noch bis Sonntag, das heißt mehr Pizza, mehr Kulis, Flyer und mehr Robin Schulz-Beats als jemand bei Sinnen ertragen kann. Die charmantesten Menschen haben die am weitesten hochgezogenen Augenbrauen über die Revolution gegen Schuluniformen und elterliche Prohibition. Und ich? Genieße den Zirkus, partizipiere in T-Shirt-Quatsch und nutze die freie Zeit, all die hochgezogenen Augenbrauen bei Wein ins Herz zu schließen. Ab Montag sind wir die Erwachsenen – aber gerade stehen wir geklaute Pizza futternd auf dem Balkon und gucken aufs Meer.

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