Miss Missing you. // Cardiff.

Ich komme von einem Spaziergang mit Mumbles Pale Ale nach Hause, in Gedanken bei Derjenigen, die mich daran erinnert hat, trotz Kälte und Wind noch ein Bier am Strand zu trinken. Mit kalten Händen und Haaren, die nach Herbst und Oktober riechen. Die letzten Tage vergingen so schnell, dass ich noch nicht mal dazu komme mich zu erinnern. Aber mit viel Anstrengung bleiben da Bilder aus Cardiff und Erinnerungen an einen Ikea-Trip mit überkandidelten 18-Jährigen.

Ich erwähnte uns eingebildete Postgrads, die über die wuseligen Partykids nur gelassen gähnen? Und die olfaktorische Katastrophe, die mein Zimmer am Anfang bewohnte? Diese beiden Puzzleteile ergeben die grandiose Geschichte, wie ich mit der allzeit bereiten Student Union in die walisische Hauptstadt fuhr.

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Die unerträgliche Geruchssituation sollte mit der vollen Bandbreite aus Ikeakerzen bekämpft und die noch viel anstrengendere Matratzensituation durch – naja, eine neue Matratze gelöst werden. Mit im Reisebus saß allerdings eine wilde Meute der übernächtigten Snapchatkids, für die der Trip eigentlich gedacht war.

“Mum hat vergessen dir Küchenhandtücher einzupacken – fear no more, Ikea is coming.”

Mit an Bord war eine meiner Media&Communication-Kommilitoninnen, Charlotte, die als Welfare Warden in einem der Studentenwohnheime arbeitet. Das bedeutet für sie Mietfreiheit, aber auch ein ganzjähriger Job als Babysitterin einer wilden Meute Postpubertierender, die das erste mal Zugang zu Alkohol haben. Man huldige ihren stählernen Geduldsfäden – die Gute hatte Mittwochabend einen 17-Jährigen Jurastudenten in ihrem Zimmer stehen. Mit zitternder Unterlippe erklärte er ihr die ausweglose Situation, dass das kalte Wasser seine Nudeln nicht in der magischen Art und Weise koche, wie er es von zuhause gewöhnt sei. Fazit: “The pasta is broken”.

Für die Kulturwissenschaftsstudenten unter uns: Das britische Ikeakonzept unterscheidet sich nur unwesentlich vom kontinentaleuropäischen. Alles ist ein bisschen kühler, aufgeräumter und insgesamt sieht es weniger nach Candy Crush auf Speed mit schwedischem Akzent aus. Ansonsten: Riecht gleich, schmeckt gleich, ist teurer. Viva la globalisátion.

 Aber eigentlich ist das gar nicht der Beitrag, den ich schreiben wollte.

Den ich gelangweilt auf Charlotte und ihre broken-pasta-Kids wartend im Ikeashop skizziert habe. Er handelte von Vermissen und bezog sich vage auf ein Gespräch, das ich vor fast einem Monat an einem Bahnsteig spät in der Nacht hatte. Nach einem schönen Abend, dem der unschöne Abschied auf unbestimmte Zeit am Gaumen klebte, wurde ich gefragt, was ich wohl am ehesten vermissen würde.

“Tja”, sagte ich, unwissend. “Keine Ahnung. Brot? Alle Erasmusmenschen vermissen Brot und lassen sich verschweißtes Pumpernickel um die Welt schicken.” Aber es gab wichtigeres zu besprechen und dann kam mein Zug und der Gedanke versank in einem Tumult aus Packlisten und Bachelorabschlussparty.

Die Tage kam er noch mal hoch, der Gedanke an das Vermissen.

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Eine Weile waren es nur Gesichter, Gespräche, Umarmungen, durchtanzte Nächte, Küsse, Uni-Geplauder, Spaziergänge und die dazugehören Protagonisten, die mir in den Sinn kamen. Das war schmerzhaft und wahrscheinlich ist es das, was mit Vermissen gemeint war. Ein knautschiges Unwohlsein, ein Ruck in der Magengrube, ein unzufrieden Stirnrunzeln, das Objekt der Begierde nicht ins Café Squirrel apparieren zu können.

 

 

Aber könnte ich eine Clickbait-Liste füllen?

“5 Dinge, die du erst vermisst, wenn du aus dem Ruhrgebiet nach Wales ziehst, OMG”

  1. Die Essener Kinos sind schön. Im Astra zu sitzen und einen uralten französischen Noir-Film zu schauen, das ist schon kuschelig.
  2. sattgrün, Zweibar und Zodiac machen wirklich gutes Essen und wenn man zu faul ist, aus den 5000 Schokoriegeln und zwei Gemüsesorten, die Swansea zu kennen scheint, ein gehaltvolles Abendessen zu zaubern, wirkt das doch verlockend und schrecklich weit weg.
  3. Und wie war es noch gleich zu duschen, ohne sich auf Temperaturschwankungen von 30 Grad einzustellen?
  4. Bier trinken ohne zu verarmen – Stauder bei HBB für 89 ct, hab ich das geträumt?
  5. Im letzten Abendsonnenschein auf einem Hügel liegen, mit Weißwein und Blick über eine vertraute Schwebebahnstadt?

Aber das ist noch kein Vermissen, das ist höchsten Nostalgie und ein Anflug von Herbstmelancholie. Der Sommer ist vorbei, in Essen, Wuppertal, Swansea. Hände werden kälter und Haare riechen nach Oktober. Da fällt Knatschen sehr leicht.

Aber am Wochenende gibt es Theater, Silent Disco und zwischendrin muss ich noch erzählen, mit wem ich eigentlich das Hexenhaus teile und übermorgen ist wahrscheinlich schon der erste Advent. Wer hat eigentlich Zeit Brot zu vermissen?

 

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