No superman.// Mental Health Day.

Dienstagnachmittag, Ruhe in der Jura-Bibliothek. „Aber du studierst doch gar nicht…“ Vollkommen richtig, 5 Punkte und ein Sternchensticker. In Swansea haben die Juristen einen, zwar recht kommunistisch anmutenden, aber mit seinen düsteren Regalen und uralten Sekretären (den Möbeln, nicht den Menschen, wobei…) recht attraktiven, oberirdischen Lernsaal zur Verfügung. Und die Studierzimmer in den Katakomben verpassen mir regelmäßig schwitzige Hände und klaustrophobische Zitteranfälle.

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Apropos Komisches Zeugs, das der Kopf mit einem anstellt: ich würde die friedliche Stille im diesigen Sonnenlicht gern für ein paar kulturwissenschaftliche Beobachtungen nutzen, die sich in den letzten Tagen angesammelt haben. Zuletzt war auf den deutschen Facebook-Walls zwar Welthundetage angesagt – die Briten begingen den Mental Health Day.

Nicht gegen Bernhardiner, um Himmels willen.

Aber die überwältigende Anzahl meiner walisischen Facebookfreunde, die ihre eigenen Erfahrungen mit psychischen Krankheiten aller Art posteten, oder einfach nur Solidarität (was für ein geschmackloses Wort in dem Kontext – viel mehr, einfühlsame Offenheit, Interesse, awareness) zeigten, bewegte sich in anderen Dimensionen. BBC sendete den ganzen Tag Interviews mit Ärzten, Erkrankten und Angehörigen – locker, ehrlich und individuell.

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Einer der Ersten, mit dem ich beim Sektempfang des Instituts ins Gespräch kam, studiert Politik und Internationale Beziehungen. Nach dem obligatorischen Woher kommst du und Was für eine Katastrophe ist denn bitte Trump erzählte er von seinem Bachelorstudium und wie er im ersten Semester plötzlich schwindelerregend apathisch, gefühlstaubstumm und beschissen unglücklich – kurz, grenzwertig depressiv wurde.

Mit Chips im Mund plauderte er von seinem persönlichen Tutor, der ihn innerhalb von zwei Tagen an die Klinik der Uni (nicht die Uniklinik, die Arztpraxis inklusive Facharztkonsultationen für alle Studierenden) überwies und er mit der richtigen Mischung aus Therapie und Medikamenten zwar sicherlich kein ideales, sorgenloses, aber doch ein sicheres erstes Jahr an der Uni schaffte.

Ich kaute nachdenklich an meinem Sektglas herum.

Tief in Gedanken an endlose Warteschleifen und –Listen am Telefon, die große, aber schweigende Mehrheit meiner Bekannten, die mindestens eines seiner Symptome schon beschrieben und durchlitten hat, ohne Hilfe zu suchen oder sie zu finden. img_0387

An die aufgerissenen Augen und Münder, die mit der Erwähnung von Medikamenten einhergehen, die nicht als Ibuprofen oder Breitbandantibiotikum gegen Mandelentzündung daherkommen. An das abfällige Narrativ von Stärke und Schwäche, Kampf und Sieg gegen unsichtbare und deshalb dubiose Krankheiten. Und damit einhergehend an die simple Tatsache, selten mit Freunden, noch seltener mit der Familie und dezidiert überhaupt nicht mit Fremden und flüchtigen Bekannten darüber zu sprechen.

Hier wird schon bei der Einschreibung dezidiert nach der medizinischen Vorgeschichte gefragt  (physical and psychological). Dass Rollstuhlfahrer, seh- und hörbehinderte Studierende auch in Deutschland einigermaßen unterstützt werden (angeblich, ich hatte wenig Gelegenheit nachzufragen – vielleicht werden sie so gut unterstützt, dass nur wenige studieren wollen…ähem.), ist hoffentlich Standard.

Swansea, und ich falle hier nicht in PR-Sprech, sondern rekonstruiere verblüfft den Inhalt mehrerer verpflichtender Infoveranstaltungen und E-Mails, Swansea hat eine Beratungsstelle mit 35 psychologisch geschulten Mitarbeitern einrichtet, die bei Leistungsdruck, Prüfungsangst, Aufmerksamkeitsproblemen hilft, Einzelbetreuung für Studierende mit ADS(H) anbietet, ebenso wie angeleitete Gesprächsgruppen zum Thema Gewalt und Missbrauch.

Ich könnte hier ausholen über den Zustand des NHS und die Finanzierung des ganzen Vorsorge-Feuerwerks, aber darum geht es nicht – es geht schlicht um Präsenz im Alltag, um das Gefühl, mit einem Problem und der tickenden Uhr hinter Deadlines und Karriereplanung nicht allein zu sein. Um die konstante Bemühung der Uni, ihren Studierenden und Mitarbeitern das Gefühl zu nehmen, Depressionen-Burnout-Angststörungen-Traumata seien weniger wert, wichtig oder dringlich als eine Bronchitis.

Beinahe zeitgleich wurde am Wochenende ein Gesetz verabschiedet, das nur indirekt damit zusammenhängt – aber im Zuge des Erstaunt-Guckens ganz gut passt:

Jede Form von Mobbing, Beleidigung oder sonstirgendwie ekelerregender Hetze im Internet kann ab jetzt rigoros bestraft werden. Ein ehemaliges Mobbing-Opfer hatte zuvor einen irren Marathonlauf zu Gunsten von Schulen und Hilfseinrichtungen absolviert und im Zuge dessen wurden mehrfach Selbstmorde gequälter Schüler medial diskutiert. Am gleichen Tag stand eine Kommilitonin in meinem Kurs zum Thema „Risk Reporting“ auf und antwortete auf die Frage, wovon sie sich persönlich im Alltag bedroht fühle: „Ich arbeite als Online-Journalistin, ich schreibe provokativ, ich bin eine Frau – ich werde jeden Tag von Trollen-Hetzern-Irren beleidigt. Ich habe Angst, dass das eskaliert“.

Erstere und letzte Anekdote hängen nur vage zusammen und man täte beidem unrecht, sie verschmelzen zu wollen. Deshalb, ist das kleine Fazit an diesem sonnigen Nachmittag in der Jura-Bibliothek ist eigentlich nur: UK scheint ehrlich bemüht, ernste Probleme, die sich stigmatisiert im gesellschaftlichen Schatten herumdrücken müssen und die die Betroffenen unendlich schwer belasten, offen anzugehen. Wie gut das individuell funktioniert – keine Ahnung. Aber sich über den Versuch zu wundern sagt eigentlich genug über Zuhause aus…

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