for me, for me, formidable. // Multilingual Coffeeshops.

Gestern Abend, der Mond stand schon hell über der walisischen Küste, stand ich neben Natasha an der elektronischen Ausleihtheke der Bibliothek. Die Bibliothek schließt nie, schläft nie, streikt nie. 24h lang kann der geneigte Leser durch die Katakomben wandeln, fürs Examen pauken oder klebrige Schokoriegel aus Automaten ziehen. Ich war müde. Von den zur Verfügung stehenden 24h Stunden des Tages hatte ich elf hier drin verbracht, zwischen Folianten und Ratgebern zum Thema Maritime Gesetzgebung.

Als meine liebste „Antike Narrative und Magie“ studierende Kommilitonin also begann, hin und her zu überlegen, welches Buch es sich lohnen würde mit nach Hause zu tragen, döste ich kurz weg. Ich wachte auf und sie plapperte immer noch über das Für und Wider verschiedener kommentierter Odysee-Ausgaben. Ich wollte sie höflich erinnern, dass sie  am Vortag schon eine ausgeliehen hatte.

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Und mein Kopf war leer.

Ich erwähnte, es war dunkel, spät, die tapfere Gruppe verbliebener Nachtschicht-Studenten gähnte in sich hinein. Und dann erwähnte ich (aber viel früher), dass ich diese Sprache ja eigentlich nie studiert habe. Sondern dîese andérè.

Mir fiel das Wort nicht ein. Dieses Verb, das den Prozess des Buch Scannens und mit nach Hause Nehmens beschreibt. Ich hatte keine Ahnung, wie es auf englisch heißt und plötzlich auch nicht mehr deutsch. Es gab auch kein Synonym. Oder irgendeine Umschreibung. Es gab nur wabernde Dämmerigkeit, in der mir plötzlich, wie aus dem Nichts, emprunter einfiel. Das ist in Großbritannien nicht besonders hilfreich, aber meine linguistisch-verdrehter Kopf klammerte sich an das alles, was noch vom Vokabelkasten übrig war. Emprunter war das einzige Wort in der Geschichte jeder Sprache der Welt.

„Didn’t you emprunt this yesterday?“ brabbelte ich also drauflos.

Jetzt habe ich als Nicht-Muttersprachlerin und Freundin schräger Satzkonstruktionen und Nuscheleien ja einen kleinen Sonderstatus im anglophonen Sozialumfeld. Die meisten geben sich herzlich Mühe, mich entweder auf Anhieb zu verstehen, so zu tun als ob, oder aber so nachzufragen, als sei es ihr Fehler und nicht mein grammatikalischer Blödsinn.

„I would never imprint a book“, sagte Natasha also mit einem bibliophilen Schauder.

Sprachen kann ich. Mathe, Sport, Singen und Malen nicht. Akzeptiert.

Aber Sprachen haben mich nicht im Stich zu lassen. Die Situation gestern Abend konnte ich mit Händen und Füßen und genervtem Kopfschütteln irgendwie lösen.

Wales, ein Staat, kleiner als Berlin, stellt mich vor ein ganz anderes Problem: Er redet institutionalisierten Kauderwelsch/ Kauder-Welsh. (Ich hoffe, diesen grandiosen Witz hat noch niemand sonst gemacht!).

img_0084Be 1 in a million

Das ist ein Werbespruch für Walisisch-Kurse. 1 Millionen Menschen, also ein Drittel des Landes sprechen nämlich dieses durchgeknallte keltische Substrat. Und weil es als zweite Landessprache offiziell anerkannt ist, muss es damit in öffentlichen Gebäuden simultan verwendet werden, um die mögliche Diskriminierung uni-lingualer Waliser zu unterbinden.

Alle Briefe, Homepages und Verträge müssen zweisprachig vorhanden sein, jedes Caferia-Schild Coffee in Coffi übersetzen. Unvergessen ist allerdings die grandiose Geschichte der Stadt, die dringend einen ins Walisische übertragenen Text benötigte, eine Agentur anschrieb und, dankbar für die prompte Antwort, die Abwesenheitsnotiz auf Schilder druckte.

Da ich mich hauptsächlich in öffentlichen Gebäuden (Der Uni-Bibliothek, der Uni-Cafeteria und dem Uni-College of Arts and Humanities – also dem Coleg y Celfyddydau a’r Dyniaethau) aufhalte, ist diese bizarre Ansammlung von Glyphen allgegenwärtig. Ich bin voll und ganz Pro Anti-Diskriminierung, aber ich ertappe mich viel zu dabei, die Schilder anzustarren und zu versuchen, englische Wörter zu erkennen, wo keine sind. Gelernt habe ich bis jetzt, dass dd wie th und ll wie eines dieser spanischen Phoneme mit gerollter Zunge ausgesprochen wird und dass Spotify auch Werbespots auf Walisisch zwischen die Songs spielt. Spät am Abend kann es ganz schön verwirrend sein, mit aller Kraft zu versuchen, das Gehörte einer bekannten Sprache zuzuordnen, die in der rechten Hirnhälfte aber einfach nicht vorrätig ist.img_0078

Anfangs wollte ich unbedingt einen Walisisch-Kurs belegen, inzwischen ist das Vorhaben etwas weiter nach hinten auf die Liste fürs Sommersemester gewandert. Be one in two millions not understanding the Welsh Freaks – klingt auch okay für den Anfang.

 

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