Tausende Bienen in einem Labyrinth aus Thymian. // John Burnside.

Vor knapp drei Monaten saß ich in einem Bus. Ich las in einer der besten deutschen Zeitschriften für Gegenwartsliteratur, dem Schreibheft, einen Artikel über John Burnside.

Das klingt jetzt ziemlich fancy, meistens spiele ich einfach Candy Crush auf langen Busfahrten. Aber, manchmal überkommt es einen ja doch und man greift zum Schreibheft, um einen endlosen, quasi zähen und erst zu überwältigenden, dann aber grandiosen Artikel über jemandes dritte Tagebuchedition eines venezolanischen Philosophieprofessors zum dritten Mal nicht zu Ende zu lesen.

Es ist bizarr, wie viel sich in diesen drei Monaten verändert hat.

Wie sehr ich nicht mehr morgens mit dem Bus von Wuppertal nach Essen fahre, um in der Folkwang Uni als Pressemädchen zu arbeiten. Wie ich im Gegenteil morgens an der Atlantikküste jogge, bevor ich mir im Brynmill Coffee Shop einen Tee mit Soja-Milch hole und mich danach in meinen PR and Promotion-Kurs setze.

Eventuell wäre das alles auch so gekommen, wenn ich an diesem drei Monate entfernten Morgen nicht darauf hätte warten müssen, dass eine neue Episode eines Handyspiels freigeschaltet wird. Aber vielleicht lässt sich auch alles auf John Burnside zurückführen.

Es war eigentlich kein Artikel, den ich da im schaukelnden Bus an einem schon am Morgen zu heißen Augusttag las. Sondern ein Auszug aus der Vorübersetzung der Bienenmythen, einem Gedichtzyklus des schottischen Schriftstellers. Oft werden Texte der Weltliteratur einmal probeübersetzt, im Schreibheft veröffentlicht und dann in ein größeres Verlagsprogramm aufgenommen. Dass die Zeitschrift eine Ein-Mann-Armee des Essener / Kölner Übersetzers, Publizisten und Autors Norbert Wehr ist, würde hier jetzt zu weit führen.

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Die wichtige Tatsache dieses dezent theatralischen Blogbeitrags ist, dass ich der festen Überzeugung bin, dass die Burnside-Gedichte mein Leben verändert haben. Vielleicht nur diesen Morgen, vielleicht nur in totaler bibliophiler Illusion. Aber ich habe es kaum von Zeile zu Zeile geschafft, ohne immer wieder abbrechen zu müssen. Es war ein literarischer Stendal-Moment. Ich hätte heulen können, so schön waren die (zugegeben übersetzten) Worte. Ich habe es nicht geschafft, auch nur eines zu Ende zu lesen, oder aber eines aus der Hand zu legen.

Von Bienen erzählen sie, natürlich, von Folklore und Natur. In so vielen Kurven, dass ich kein einziges am Stück lesen verstehen aufbrauchen wollte.

            Kein Geräusch, so glaube ich, kommt einzeln vor,

und jede Mischung hat ihre eigene

            Größe: Wind und Regen

            Im Schornstein eines Hauses, das zeitweilig

            Verwaist ist, und wo die Räume

            Sich erneut an Licht und Gedächtnis anpassen,

            Vogel nah und Vogel fern, Spatz und Sturmvogel,

            und etwas, was unter alledem konstant bleibt:

            eine Musik, die an Sommernächten eintrifft,

            wenn du auf einer Nebenstraße weit von Zuhause anhältst

            und sie in deinen Knochen spürst: eine Anspannung,

            die du belauschst, als hörtest du die Schwerkraft.

Am Schreibtisch angekommen googelte ich wild hin und her, um zu verstehen, wem ich da begegnet sein könnte, dessen Name mir nichts, aber auch gar nichts sagte und dessen Wortschnörkel irgendwie viktorianisch oder postmodern zugleich sein könnten. In einem Beitrag der sonst nicht unbedingt favorisierten FAZ schrieb Thomas Glavinic:

Wie sich schreibend einem Autor wie John Burnside nähern? Wie sich über einen Schriftsteller äußern, dessen Werk einem so eindrucksvoll, so gewaltig erscheint, dass man lieber nichts sagen würde, lieber bloß jedem Menschen, dem man auf der Straße begegnet, seine Bücher in die Hand drücken und ihn zwingen würde, nach Hause zu laufen und das Haus nicht zu verlassen, ehe er nicht die letzte Zeile gelesen hat? (…) Die schottische Schriftstellerin A. L. Kennedy wird vom Knaus Verlag mit dem lapidaren Satz zitiert: „John Burnside ist ein bemerkenswerter Autor.“ Das ist möglicherweise das, was man britisches Understatement nennt, denn ihr 1955 geborener Landsmann ist einer der ungeheuerlichsten Schriftsteller der Welt.

Noch immer hatte ich nicht ein einziges Gedicht zu Ende lesen können. Aber mir war vollkommen klar, dass Glavinic recht hatte. Dass er und ich und die anderen Eingeweihten versucht mussten, Burnside zu seinem verdienten Ruhm zu verhelfen. Wie auch immer. Ich war im Rausch, und wie schon erwähnt, es war furchtbar warm an diesem Anfang-August-Tag, da entgleiten schon mal die Gedanken.

Und ich dachte, dass ich doch überhaupt keine Ahnung hatte, wovon ich sprach. Dass ich nur eine Probe-Übersetzung eines Naturmythos-Gedicht-Zyklus’ gelesen hatte, von einem übergewichtigen Schotten geschrieben, der ansonsten viel Zeit damit verbringt, die Beziehung seinem alkoholabhängigen Vater literarisch zu verwerten.

Wie also die Sache angehen, mit einer Bachelorarbeit auf dem Schreibtisch und einer dringlichen To-Do-Liste vor der Abreise?

Also beschloss ich, mein UK-Jahr John Burnside und seinen Büchern zu widmen. Ich wollte eigentlich chronologisch vorgehen, bis eine Freundin mir ihr Glister-Exemplar auslieh. Niemand in meinem Bekanntenkreis hatte vom fülligen Schotten gehört oder großes Interesse an meinem Enthusiasmus. Sie hatte seinen Roman im Schrank. Hach, Egal. Glister sollte das erste Buch werden, das ich in Swansea lesen würde.

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Ich wusste ohnehin nicht, wie ich die Zeit hier mit Büchern füllen sollte – und mit welchen? Ausschließlich Dylan Thomas, der einzige Dichter, den Swansea je hervorbrachte? Ausschließlich Briten, weil in UK Deutsche Literatur lesen, also bitte. Nur Bücher, die ich kenne und die Heimweh lindern können? Und hier Bücher kaufen, um sie nachher in gleich zwei schweren Koffern nach Hause zu schleppen? Ich habe auf Detox- und Declutter-Challenges verzichtet, stelle mir aber folgende Aufgabe: Bis nächsten September meine Masterarbeit fällig ist, lese ich alle Romane und Gedichte dieses schottischen Bienenmystikers.

Jimmy smiles madly, a zany Mel-Gibson-on-triple-vodkas smile.

…schreibt er auf circa der Hälfte von Glister, der Roman, der in einer akopalyptischen Umweltkatastrophenstadt spielt, in der mehr und mehr Kinder verschwinden. Die gewichtige deutsche Übersetzung ist aus dem Spiel und ich bin allein mit den Burnside’schen Worten. Das wird die längste Rezension, die ich nie geschrieben hätte, wenn sie nicht in Lyrikfragmenten auf einer Busfahrt in meinen Schoß gefallen wäre, reich an Kitsch und Adjektiven: kobaltblau, thymianduftend und goldbestäubt.

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