You build the set, I light the screen. // Shoreline Theatre.

Dieser Post hat drei Tage Verspätung, entschuldigt. Aber gerade hat alles drei Tage Verspätung: Nach einem knatschigen, friebrigen Montag ging ich verhängnisvollerweise in die Uni-Arztpraxis, in der Hoffnung auf zuzahlungsfreie Erkältungstabletten. Stattdessen wurde ich beinahe unter Quarantäne gesetzt und musste drei verschiedenen Ärzten und Medizinstudenten meine Krankengeschichte erklären (wieder einmal loht sich extensives Scrubs-gucken fürs Vokabular). Gerade liegt wohl einer von zwölftausend verschiedenen Meningitis-Erregern in der Luft. Und natürlich habe ich mich brav vor dem Abflug impfen lassen, aber gegen welchen Stamm denn nun? Und hatte ich als Kind Windpocken oder Masern? Und habe ich Aufzeichnungen der Fieberkurve? Viel viel Panik später war klar, dass britische Ärzte dann doch im Zweifelsfall ebenso hilfreich sind wie deutsche: „Ins Bett legen, viel trinken, Fieber überwachen“.

Prompt getan, mit literweise Lakritztee eingekuschelt und Stranger Things am Stück durchgeguckt. Unfassbar gut, btw, falls ich doch nicht die letzte Person auf diesem Planeten bin, die Winona Ryder und ihre Lichterketten anhimmelt.

Jedenfalls ist jetzt endlich wieder Zeit für Talk Welsh!  

Eine spannende und unfassbar hungrig Zeit fressende Facette meines Swansea-Alltags habe ich bisher verschwiegen: Shoreline Theatre, est. 1920. Der Uni-Theaterclub, der mich seit vier Wochen mit Vorsprechen, Proben, Quiznächten und Hauspartys auf Trab hält:

Uni-Alltag in UK besteht zum großen Teil nicht aus Veranstaltungen und den anregenden Seminardiskussionen wie wir sie aus Deutschland kennen (*hust* lachendes Keuchen, *meningitisnahes husten). Sondern aus den studentischen Societies, Clubs für jeden noch so bizarres Geschmack, quasi tumblr in real life , mit Menschen und billigen Chips. In Swansea kann man je nach Belieben der jungen Labour-Party beitreten, Dodgeball spielen, Disneyfilme nachspielen, in die Quidditch-Liga eintreten, Kriminalfälle lösen oder eben Theater spielen.

Aus der Erfahrung heraus, dass Theaterkids immer die verrücktesten, offenherzigsten und tanzfreudigsten sind, schaute ich also in der ersten Woche vorbei – und blieb. Zwar ist der Altersdurchschnitt derzeit 19 und ich fühle mich dezent gouvernantig, aber in Wahrheit nutze ich das Ganze als Katharsis für meine eigene Schulzeit mit anderen 19-jährigen. Wenn Shoreline nicht gerade probt, gibt es Halloweenparties und Kostümparties, die letzte hieß „Noahs Arc“, zufällig wurde man mit einer*m der Anwesenden für den Abend verpartnert und in ein animalisches Doppelkostüm gesteckt.

Das war auch der Abend, an dem ich lernte, dass meine Englischkenntnisse zwar diverse if-clauses und freakige PR- und Photoshop-Vokabeln umfassen, aber am Plural von sheep scheitern. Am Rande erwähnt: Es gibt keinen, one sheep, two sheep. Meine Lieblingskommilitonin und ich sind nächste Woche für einen Auflug verabredet und sie nennt das Abenteuer nur liebevoll „sheeps-trip“, weil ich es konstant falsch mache.

Shoreline jedenfalls.

Diese ganze Swansea-Kiste dient ja nicht nur einem schimmernden Abschluss und einer Graduation-Party in schwarzem Umhang, sondern auch der persönlichen Mutprobe – wie weit zu Hause weg kann man sich dauerhaft zurechtfinden, wo kann man überall Freunde finden, wie riechen Supermärkte am Ende des Kontinents – solche Fragen gilt es zu analysieren. Und eben auch: Wie weit kann ich aus meiner eigenen kuscheligen Komfortzone herausklettern?

Auf einer klebrigen Bühne im flackernden Licht stehen, auf English Theater spielen?

Läuft:

welsh1

 

 

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