Live von der Atlantikküste. // Wahlnacht.

It’s Swansea calling, Kaffee und Pizza sind umsonst. Ein Raum voller blau gekleideter, gähnender Menschen starrt glasig auf drei Leinwände. Niemand weiß genau, was wir hier tun, warum wir uns seit anderthalb und für die nächsten sieben Stunden in einer zugigen Collegebar an der rauen europäischen Westküste herumdrücken. Die American-Studies-Society hat eingeladen und es werden nicht mal die Oscars verliehen. Election Allnight heißt das Ding, es kann also spät und ausschweifend werden.

An den Fenstern und den Billiardtischen drängelt sich ein Mob sehr weißer Jungs, die nach dem Fußballclub dem Geruch der Pizza folgten und sich jetzt lautstark über das amerikanische Wahlsystem auslassen. Zwischen Sensationsgeilheit und Katatstrophenvoyeurismus schaukeln sie sich gegenseitig immer lauter hoch, irgendjemand ist sich nicht zu schade, die Grotesken des Wahlkampfs nachzuschreien, ein postdramatischer Monolog verbaler Totalausfälle. Es wird still.

Betreten scharren die Fußballjungs mit den Füßen, irgendjemand wuschelt dem Parolenschreier durch die Haare, schubst ihn kollegial ironisch gegen die Wand, alle lachen. Die Lautstärke wird wieder aufgedreht. Jemand kocht neuen Kaffee. Und am Nebentisch flüstert jemand überdeutlich, dass er natürlich gegen… aber die andere ist ja auch nicht besser….Seine Nachbarin trägt ein Imwithher-Tshirt und blickt für sein parademokratisches Gestammel nicht von ihrem Display auf.

„Das wird man wohl noch sagen dürfen“ war für mich lange einer der unerträglichsten deutschen Sätze. Und unerträglich deutsch. Weil er das geifernde Nachtreten auf grenzdebile Versatzstücke ignoranter Halbwahrheiten war. Er riecht nach beklemmender Familienfeier, nach Kneipe, nach rassisitischen-sexistischen-bildungsfeindlichen Landstrichen. Wie die taz im Sommer so schön formulierte: Es gibt dort Menschen, die zünden lieber ihr eigenes Scheißkaff an, anstatt es mit anderen zu teilen.

„Das wird man doch noch sagen dürfen“ hat mir Angst gemacht, aber es war zumindest ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass man sich gewissen Grenzen des Anstands noch bewusst ist, während man seine beschränkte Meinung über besagten Zaun kotzte.

Hier und heute schreit ist der Satz schon fast verniedlicht antiquiert. Die Grenze zwischen dem „was man sagen darf“ und sich beflügelt sah trotzdem zu äußern ist eingerissen worden. Von Menschen, die johlend in Tourbussen über Vergewaltigungen sinnieren. Und sich keines Unrechts bewusst sind, außer eben dem, einen feinsinnigeren Teil der Gesellschaft zum Kopfschütteln gebracht zu haben. Auszusprechen, was andere zum Würgen bringt, ist nicht mehr nur Zeichen designierter Verbrähmtheit geworden, sondern ein großes sich immer wieder neu entzündendes und anfachendes Lagerfeuer. Der Zaun ist niedergerissen und das debile Kichern, das man für Stumpfsinn dieser Güte übrig hatte ist kaltem Schaudern gewichen, über die Erkenntnis, dass es nicht mehr nur der Spaß an der Provokation ist. Es ist kein trotzdem, sondern ein gerade deshalb. Das Spiel mit dem provokativen Campingkocher kann fürchterlich schief gehen, wenn es nur genügend Menschen gibt, die sexuelle Belästigung als grölendes Kompliment legitimiert sehen wollen.

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Dieser Gruselzirkus hat uns alle in diese Collegebar gerissen, die heute voller ist als zu Brexit-Zeiten. Jemandem dabei zuzusehen wie er genussvoll tosend durch einen Staat zog, der von Swansea ebenso weit entfernt ist wie die Mongolei, war spannender als die Frage nach europäischen Handelsverträgen. Auch wenn sie für 24 Stunden den Verlust von Marmite und für eine ganze Generation der Verlust von schwellenfreier Reiselust bedeuten könnten.

Der Kaffee wird kalt, Natashas Augen müder, Enoras Haare liegen beinahe im Pizzafett, ich fische sie mit spitzen Fingern raus und sie wacht auf. Eine Gruppe Exil-Amerikaner vertieft sich immer grüblerischer in die Frage nach dem Warum und dem Wohin wenn.

Warum grölt ein Achtzehnjähriger im Fußballtrikot des Medizin-Colleges in der Unikneipe „Grab her…***“ und der Raum schweigt, schüttelt bedächtig den Kopf, dreht sich angeekelt weg? Diese Frage finde ich gerade ebenso interessant, während die Zeit nicht zu vergehen scheint. Als Teenagerin wäre ich Feuer und Flamme gewesen, denjenigen zur Rede zur stellen bis der Direktor seine Mutter anruft, um ihren heulenden Sohn aus dem Lateinunterricht abzuholen. Aber jetzt, 2016, in einem Raum voller übermüdeter Studenten am Rande der Apokalypse über die ganze Bar hinweg auf einen Jungen einzureden, der ein Video nachplappert, das die ganze Welt drei Tage lang in heavy rotation gesehen hat? Um was zu sagen? „Das sagt man nicht“?

Hätte ich an der Bar gesessen, wir wären ins Gespräch gekommen und plötzlich wäre dieser widerwärtige Satz gefallen, natürlich hätte ich ihm widersprochen. Verdammt, ich hätte ihm so eindeutig widersprochen, dass er bis zu seinem Abschluss kein einziges Wort mehr herausbringt. Aber jetzt, in einem stickigen Raum voller Pizza und Studierender am Rande des Weltuntergangs auf einen Teenager eindiskutieren, der Stumpfsinn redet, was ja per Definition so vorgesehen ist?

Das ist nicht unsere Wahl. Über Wahlprogramme, das Abgeordnetenhaus oder Vizekandidaten will und kann und sollte hier keiner groß nachdenken. Es geht einzig um die Frage, ob, zum ersten Mal wünschenswerterweise, doch die pure Vernunft siegt. Für uns gibt es hier wenig zu holen, außer der Pizza. Es ist für den Wahlausgang vollkommen irrelevant ob wir uns politisch interessiert und ziemlich cool dabei fühlen, bis tief in die Nacht zusammen zu hocken und auf Wahlergebnisse aus amerikanischen Kleinstädten zu hoffen, die von Swansea so viel wissen wie wir von ihnen.

Schulterzucken und angeekeltes Wegdrehen haben lange gegen „Das wird man doch noch sagen dürfen“ geholfen. Aber beides ist keine Option mehr, in der [sagen] durch machen – grabtschen –ausschließen – erschießen – ersetzt zu werden droht. Die schiere Übermacht der Absurdität hat eine versprengte Gruppe nachts in eine Collegebar getrieben, wo Pizza und Kaffee in Strömen fließen. CNN plappert ununterbrochen und im Raum werden immer absurderer Wetten auf einzelne Staaten geschloßen. Nicht aus Spaß an der Freud einem demagogischen Albtraumritt zuzuschauen, oder aus überkandidelter Amerika-philie. Sondern weil es hoffentlich irgendwann in Erinnerungen an einen schrecklich knappen Wahlsieg der Vernunft heißt: Remember remember the 8th of November.

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