On the road. // Sheeps Part I.

Über Wales strahlt immer noch die Sonne und meine Lieblingskommilitonin Natasha&ich mussten uns letztens erst eingestehen, dass wir außerhalb Swanseas, Mumbles und Cardiffs herzlich wenig von seiner outstanding natural beauty gesehen haben. So wurde die Küstengegend nämlich als erste in ganz Großbritannien gelabelt – und wir sind abenteuerlustige Forscherinnen, die mit Falafeln und Toffeewaffeln im Gepäck diese vollmundige These gern verifizieren wollten.

Samstag war also Roadtrip-Tag.

Natashas Archäologinnen-Toyota freute sich auf huckelige Landstraßen und das MacGyver-Handy verriet uns die beste Strecke, um nach St. Davids fünf statt anderthalb Stunden zu brauchen. Swansea liegt in der südlichen Hufeisenbucht an der Westküste, der Wallfahrtsort St. Davids sitzt zwei Küstenzipfel weiter im Norden und ist mit seiner wuchtigen Kathedrale das finale Pilgerziel für alle, die den Wales Coast Path laufen.

Da wir uns keine motorisierte Pilgerfahrt vorgenommen hatten, nahmen wir uns vor,  immer möglichst nah am Wasser der Küste zu folgen.

Swansea selbst ist da das größte Hindernis, wir schaffen es, uns im hügeligen Einbahnstraßennetz so zielsicher zu verfransen wie hilflose Touristen in der Wuppertaler Nordstadt. Es regnete noch und Radio Magic spielte ausschließlich Nelly Furtado – der Tag ließ sich neblig an.

Allerdings nur bis Kidwelly: Im kleinen Örtchen abseits der Schnellstraße wartete eine knapp tausendjährige Burg mit verwunschener Geschichte. Relativ planlos waren wir den braunen Schildern gefolgt, die kulturelle Sehenswürdigkeiten ausweisen – und Enten. Statt Enten wartete dieser Protzbau auf einem niedlich kleinen Hügel. Wer sich über die Zugbrücke traut und eine brockige Treppe ins Kellergewölbe mehr hinunter fällt als steigt steht im kleinesten Museum der Welt.

Ernsthaft: Ein einziger Raum erklärt anhand eines Zeitstrahls die walisische Adelsgeschichte, eine Rekonstruktion der Burg sieht aus wie aus Märkin-Überresten zusammengebaut und in der Mitte hängt ein Schild neben einem Kettenhemd.

Historischer Minimalismus herrscht in Kidwelly.

Aber eine Pappfigur und eine Plakette erzählen die patriarchalisch vergrabene Geschichte der walisischen Unabhängigkeitskriege und Prinzessin Gwenlilian. 1136 gab es keinen britischen Thronfolger und Chaos brach aus, was die Gute nutzte, um eine Truppe gegen die Engländer anzuführen. In Kidwelly wurde sie gefangengenommen und geköpft, wovon man an diesem sonnigen Samstag wenig spürt. Angeblich sucht sie das Schloss als Geist einer schwarzen Katze heim.

Lo and behold:

Kidwelly ist als Ausflugsziel mit kleinen Mädchen, die es zu überzeugen gilt, dass Prinzessinnen genauso eiskalt und cool wie Ritter waren, bestimmt klasse. Natasha ist bloß allergisch gegen die Geisterkatzen, deswegen fahren wir weiter und landen auf einem Feldweg zwischen einer Zugstrecke, dem Meer und einer Einsiedelei namens St. Ishmael.

Dort steht eine Kirche steht am Hang, die Info-Tafel bezeichnet den zweiten Weltkrieg als jüngste Vergangenheit. Der umliegende Friedhof ist tatsächlich der friedlichste Ort der Welt. Vollkommen gelassen weiden Ziegen, die Gräber wurden in die Hügel eingelassen, so dass ein Besucher zwangsläufig Wanderschuhe und Blumen mitbringen muss. Wer vor den Steinen steht hat einen verboten schönen Ausblick auf einen Fluss, der ins Meer fließt und die Klippen mit Norden.

Wir fahren weiter, ein kleines bisschen beseelt.

Wilde Kurven, gute Musik später sind wir beinahe in Llansteffan. Eine der größeren Ortschaften auf unserem Weg, mit, laut Wikipedia 941 Einwohnern. Mindestens 800 davon nutzen samstags die drei Kreisverkehre auf dem Weg an die Küste – die sitzen strategisch zwischen Schnell- und Landstraße und beliefern die Gegend mit den essentiellen Infrastrukturgütern: McDonalds-Burgern, Benzin und billigen Möbeln. Aus diesem Verkehrschaos heraus zu finden war nicht ganz ohne, aber als wir auf einem Parkplatz direkt am Strand halten, über dem sich auf einer Klippe eine Burgruine aufbaut, knallt die Mittagssonne.

Auf dem Weg durch das Wäldchen, das sich die Zufahrt zur Burg zurück erobert hat, erzählt Natasha von den kommunistischen Archäologen der 70er, die in jedem gefunden Steinberg der Eisenzeit den Beweis sahen, dass es sozialistische Konsumzyklen gegeben haben muss. Aber eigentlich, schließt sie, wissen wir einfach gar nichts.

Wir kommen, endlich, an einer Weide voller Schafe vorbei! Dabei war das doch das eigentlich Ziel des Ausflugs: Das walisische Schutztier zu sehen, das von spöttischen Londonern an jeder Straßenecke erwartet wird und sich doch bisher ganz gut versteckt hat.

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Ich dagegen habe ein für alle mal gelernt, dass der Plural von sheep einfach sheep ist. Aber Stadtkinder, die wir sind, haben wir beschlossen, sie einfach Wolkentiere mit Beinen zu nennen.

Der Waldweg wird steiler und endlich stehen wir oben vor einem luftigen Gemäuer, das auch mit aller mittelalterlicher Fantasie nicht bedrohlich wirken kann. Eher als hätte hier ein trauriger alter König Partys gefeiert, zu denen keiner kommt.

Die Ruine ist exakt zur Hälfte abgetragen und ausgeraubt worden – aber zur besseren: So kann man auf tausend Jahre alten Steinen sitzen Falafeln essen und bezaubert auf die gleißenden Wellen starren.

…Und nächstes mal, bei On the road: Dylan Thomas, Sonnenuntergänge und Pubs in Pilgerdörfern!

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