On the Road. // Sheeps Part II

…Wir stiefeln über den Waldweg wieder ins Städtchen hinunter und fahren keine zehn Minuten, bis das nächste Schloss direkt hinter einer Kurve auftaucht. Wir sind zufällig in Laugharne gelandet, wie auch der Rest von Wales ist das Örtchen besessen von Dylan Thomas, dem 1953 verstorbenen Nationaldichter. Weniger besessen sind sie davon, ihre Burgen in Stand zu halten, deswegen schlendern wir durch die Ortsmitte und setzen uns mit Kaffee auf eine Brücke an der Küstenpromenade.

Folgt man diesem Weg und den Möwen steht man vor der Hütte, in der Thomas Under Milk Wood schrieb, was doch erstaunt, wo er doch auch den ganzen Tag auf die Küste hätte starren können.

Er lebte hier mit seiner Familie in einem kleinen Bootshaus an der Küste, nachdem er das Familienanwesen aufgeben und lange in Londons rauchigen Straßen Inspirationen und Heimweh gesammelt hatte. Ein Freund schenkte ihm das Häuschen in den Klippen, damit sich der Schriftsteller auf sein walisisches Kulturgut konzentrieren konnte, während die drei Kinder zwischen Möwen und Korallen aufwuchsen. Das ist eine Lesart, die destruktive, wilde, affärenreiche und alkoholgetränkte Ehe zwischen Dylan und Caitlin zu einem Touristenziel zu machen.

Natasha und ich laufen dessen vollkommen unbewusst am Strand entlang, eine Promenade, die unter Klippen gehauen wurde. Zufällig stolpern wir in seinen liebevoll nachgebauten Schreibschuppen und in das alte Bootshaus, das zu einem Museum umgebaut wurde. Es ist offen und unbesetzt, deshalb schleichen wir andächtig durch Arbeitszimmer und Wohnzimmer, während im Keller jemand über Keksbestellungen für das angrenzende Café schimpft.

„Time passes. Listen. Time passes.

Come closer now.

Only you can hear the houses sleeping in the streets in the slow deep salt and silent black, bandaged night.“

  • Dylan Thomas, Under Milk Wood

Wir beschließen, um es noch vor Sonnenuntergang nach St. Davids zu schaffen, diesmal das Navigationssystem übernehmen zu lassen, aber auch das schafft es nicht, Wales hügelige Ladstraßen weniger pittoresk werden zu lassen. Durch Orte wie Red Roses, Haverfordwest und Wolfs Castle zieht sich eine verlässliche Landstraße immer wieder bergauf und bergab.

Völlig baff verfallen wir immer wieder in Schweigen, irgendwann in oooh-Rufe, als Vögel in seltsamen Formationen über Felder kreisen und am aller eindrücklisten, als sich hinter einem Hügel bei Solva plötzlich das ganze Meer öffnet und einen gleißenden lilanen Himmel über den Klippen zeigt.

St. Davids Cathedral sehen wir im letzten Tageslicht, wandern durch den alten Bischofspalast, durch den jemand einen kleinen Fluss geleitet hat und staunen. Das Städtchen ist sagenhaft klein, dafür, dass es sich mit 1800 Einwohnern City nennen darf – aber Natasha erklärt, dass die Queen schon bei Brighton dafür gesorgt hat, dass Dörfer mit Kathedralen schlicht und einfach City genannt werden, um allen den Stress zu ersparen, die Gemäuer umziehen lassen zu müssen.

Wir verschwinden hungrig in einem der klassischsten Pubs, die man sich vorstellen kann. Alle gucken gebannt Rugby, es gibt Zitronenlimo, dazu Bohnenburger und Fish&Chips. Durch die Nacht fahren wir über die anderthalbstündige Autobahnstrecke zurück, müde, bezaubert, wales-verliebt.

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