A place both wonderful and strange. // Twin Peaks.

Gestern war Throwback-Thursday – das heißt, dass BBC1 meinen Frühstücksporridge mit einem Arctic Monkeys Evergreen versüßt hat und ich für drei Minuten wieder fünfzehn war. Das heißt, dass Facebook sich noch mehr Mühe gab, alte Partyfotos aus dem Meer der Unsäglichkeiten und Pre-Selfie-Kultur zu filtern.

Und für mich hieß es, in Erinnerungen an letztes Jahr zu verfallen, die nach Kirschkuchen und schwarzem Kaffee schmecken.

2015 fand ich die Vorstellung eines grauen, ereignislosen Novembers arg beklemmend. Ich hatte ihn die vorherigen Jahre häufig auf einem Sofa zusammengerollt verbracht, gemeinschaftlich Serien am Stück durchguckend, also netflix&chilling avant-la-lettre.  Aber die Umstände hatten sich geändert und präsent war vor allem die Erinnerung an David Lynchs großartiges Twin Peaks geblieben – ein medialer Herbstmythos:

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Draußen schüttet und stürmt es, aber so richtig weihnachtlich mag man sich auch noch nicht fühlen – hier in UK gilt ja das Sprichwort There are twelve days of Christmas, none of them in November (was natürlich arbiträr zu den nach Halloween veröffentlichen niedlichen Werbefilmen von M&Ss und co. steht). Suppen kochen und Herbstlaub aufhängen wirkt auch überkandidelt, schließlich ist das einzige Ziel im November, diesen trüben, tristen, depressionsanfälligen Monat möglichst schnell rumzukriegen. Da kam vor die Entdeckung der Kleinstadt voller schlecht gekleideter Teenager und skurriler Charaktere an der kanadischen Grenze gerade recht. Die beiden Staffeln Twin Peaks haben exakt die Länge von vier Novemberwochenenden, eingewickelt in Wolldecken verbracht, dazu literweise Kaffee, Tee und Kekse.

Der Mord an der Highschool-Zicke Laura Palmer vereint die zehntausend Einwohner des Städtchens voller Intrigen, lebenslanger Freundschaften und Affären in Hilflosigkeit – und wirbelt mehr als nur die Holzspäne des Brot und Arbeit versprechenden Sägewerks auf. David Lynch lädt das Publikum ein, dem feinfühligen FBI-Agent Dale Cooper durch das Geflecht der zerrütteten Ehen und dubiosen Buisnessdeals zu folgen. Die beinahe sepiafarbene Szenerie der amerikanischen Kleinbürgerlichkeit in den 80ern passt farblich perfekt zu regenverhangenen Fenstern – und der dampfende Kirschkuchen, den sich die Ermittler als comfort food gönnen, ist die kulinarische Perfektion eines trägen Novembersonntags.

SHERILYN FENN, KYLE MACLAUGHLIN

Zur Brillanz der Serie lässt sich nicht eindeutig diagnostizieren.

Es könnten die trockenen, absurden und bittersüßen Dialoge sein, die melodramatische Teenager ebenso ernst nehmen wie verbitterte Ehepaare. Oder das charmantprofessionelle Ermittlerprofil des FBI-Cops, der sich gelegentlich Obskuritäten und paranormale Träume erlaubt und auch dann noch das glatte Gesicht der Gesetzestreue aufrecht erhält, wenn man ihm Kaffee serviert, in dem ein Fisch schwimmt. Die skandalös schöne Visualisierung der knalligen 80ern im ewigen Nebel der Sycamore Tannen, die alle paar Folgen von surrealen karierten Traumwelten abgelöst wird, ist mehr als einmal in medienwissenschaftlichen Dissertationen abgehandelt worden – aber auch vollkommen unakademisch und von Tee mit Honigwhiskey betrunken eine Freude.

Als eine der ersten Serien unterwanderte Twin Peaks die triefende Telenovelakultur und ließ es sich trotzdem nicht nehmen, auf jedem Bildschirm, der im Hintergrund der Kulissen flimmerte, Schnipsel der fiktiven Show Invitation to love laufen zu lassen. Gleichzeitig lieferte es mehr als ein simples whodunnit, sondern gleich einen ganzen Querschnitt verlassener, betrogener, verrückter Charaktere, die am Grab eines Mädchens weinen, das Schönheit und Zukunft symbolisieren sollte und in Wahrheit genauso verkorkst war wie ihre Heimatstadt. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich drei Jahre in Folge eine Krimiserie gucken kann, ohne mich zu langweilen, nur weil das kleine Detail des Täters schon bekannt ist.

Wer sich jetzt die schrullige Elterngeneration von Serien wie Stranger Things und Pretty Little Liars vorstellen kann, ist der Sache auf der Spur – wenn auch vor der mitunter unerträglichen Langsamkeit gewarnt werden muss: Allein der Vorspann ist gemächlicher als alles was Netflix in den letzten Monaten produziert hat.

Jedenfall beschloss ich letztes Jahr an einem regnerischen Novemberdonnerstag, dass ich nicht plötzlich auf Twin Peaks verzichten würde.

Und so folgten drei Wochenenden, die mit Cherry und Apple Pie, schwarzem Kaffee (Black as midnight on a moonless night) und Donuts ganz im Zeichen der Lynch’schen Traumwelt standen. Freunde in unterschiedlichsten Konstellationen, aus Wuppertal, aus Seminaren, aus der Nachbarwohnung, wurden zusammengetrommelt, um aus dem stillschweigenden Serienmarathon eine mehrstündige Kuchenparty zu machen. Niemand spoilerte oder guckte heimlich alleine weiter und alle schrien gemeinschaftlich auf, als Mrs. Palmer Bob hinter dem Bett hocken sah…

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Throwback-Thursday ist pure Nostalgie und in meinem Fall pures Heimweh nach Angelos Badalamentis wirrem Synthi-Soundtrack, nach dem Zuckerschock, den Donuts mit Schlagsahne und Vanillesauce auslösen, nach Dale Cooper und Audrey Horne.

Aber vor allem nach all den Gästen der Twin Peaks Partys – my dears, hier ein kleines Dankeschön, in den Worten der traurigerweise verstorbenen log lady: 

The beautiful thing about treasure is that it exists. It exists to be found. How beautiful it is to find treasure. Where is the treasure, that when found, leaves one eternally happy? I think we all know it exists. Some say it is inside us — inside us one and all. That would be strange.

Und wir sehen uns definitiv wieder, nicht erst in 25 Jahren!

 

7 Kommentare

    • …ja, hier steht Donnerstag Rudelgucken mit Kirschkuchen an. Ich hab auch Sorge, vor allem, dass die Charaktere nach aller der Zeit nicht mehr so schön zusammen funktionieren oder neue Figuren die Dynamik stören…

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