Ich entschuldige mich für alles, aber nicht für meine Bildung. // Swansea Nights.

Täglich um 7:30 öffnet im knuddeligen Uplands Viertel ein amerikanisch-walisisches Diner, das an diesem eiskalten Sonntagmorgen Kaffee, Spiegeleier, Bohnen und fettige Milkshakes serviert und damit einer perfekten Nacht den morgendlichen Zuckerguss verpasst. In bester Gesellschaft saß ich schweigend an einer beschlagenen Scheibe, draußen herrschte gemächliches Sonntagsflirren und Koffein, Fett und Zucker kickten meinen übernächtigen Verstand wieder auf die richtige Spur.

Wenn ich zurückspule, sehe ich mich durch die Morgendämmerung laufen, einen zweiten dicken Pulli überstreifen, einen 4:30 Kaffee trinken. Zwei Stunden lang in eine Wolldecke eingewickelt in Natashas Wintergarten sitzen, zu viert Karten spielen, mit einem Auge auf den noch dunklen Himmel. Kichernd nach Hause kommen, die Pizzareste in der Mikrowelle anfackeln. Durch eine bitterkalte Nacht am Meer entlang zurücklaufen, einen warmen Kaffee in der Hand. In die letzte noch offene Bar fallen, die gute Musik spielt, volle Bücherregale und Nippes wie ein halbes U-Boot auf die Tanzfläche gestellt hat. Einen Club mit furchtbarer Musik, aber voller schöner Menschen auskundschaften. Loslaufen, durch die Straßen voller Weihnachtsbeleuchtung. Den Samstagabend-Pizzadeal ausnutzen, Filme gucken, mit Zimtwhiskey anstoßen.

Anstoßen worauf?

Nach einem Monat voller Abgabefristen und Lebenslauf-Design Kursen fühlte sich mein Kopf an wie ein einziges pdf-Dokument. Im Rhythmus der Präsentationen, Essays und Leselisten vergisst man manchmal, wofür man seit einem sonnigen Augusttag 1999 eigentlich den Großteil seiner Zeit in diversen Bildungsinstitutionen herumlungert. Von 23einhalb Jahren habe ich nur sechs nicht in Schule&Uni verbracht. Eigentlich ist nicht mal das korrekt, bedenkt man, dass ich in der Wuppertaler Uni-Krabbelgruppe die Textbücher meiner Mutter als Malpapier benutzt habe.

Gestern kam jedenfalls, in formschönem Beamtendeutsch, die Verschriftlichung der letzten Jahre auf einer Bachelorurkunde. Das rief nach Sekt und klirrenden Gläsern – weniger wegen des Abschluss‘, als wegen des Abschließens dieser Episode.

Die paar flattrigen Seiten A4-Papier schaffen es trotzdem nicht ganz, das Hadern mit meiner Fächerkombination, dem Prüfungsamt, der Regelstudienzeit, dem ganzen Bolognaquatsch, dem Baföghorror, dem nagenden Gefühl von ausgebrannter Panik gerecht zu werden, das mit den säuberlich gelisteten Modulen einherging. Ich wollte Uni-Inventar zertrümmern und einzelnen Dozenten böse Briefe aus ausgeschnitten Zeitungsbuchstaben schicken. An guten Tagen.

In den Lebenslauf gehört: 2012-2016 Tränenbäche, Panikattacken, Wutanfälle. 

Ich habe liebend gern Germanistik studiert, am allerliebsten Nachwende-Gegenwartstexte, Verunsicherung und Liebe in Zeiten der Postdramatik, Narrative der Finanzkrise bei Teresia Mora und Kunstgeschichte bei Theresa Präauer, wilde, bunte, neue Gedanken. Aber im Angesicht von französischer Salonkultur, Madeleine de Scudéry und antiken Referenzen war ich eigentlich genauso glücklich und detailverliebt.

Vielleicht lecke ich deshalb noch posttraumatische Wunden, weil ich trotz aller fachlicher Leidenschaft beständig das Gefühl hatte, ein wirrer, betrunkener Autor unzusammenhängender Prüfungsanforderungen habe mir die Rolle der pubertierenden Matheschülerin zugeschrieben: Überfordert, frustriert, vollkommen ahnungslos.

Im Sommer 2015 diskutierte ich übernächtigt zitternd mit einem Feuerwehrmann, warum ich meine Wohnung für eine Bombenevakuierung verlassen müsse. Ich hatte über vier A3 Seiten verteilt das französische Königshaus seit Jean d’Arc skizziert und zwei Stunden lang derart konzentriert gelernt, dass ich die Sirenen und Lautsprecherdurchsagen nicht hörte. Als ich im Februar durch eine Klausur fiel, rief ich eine meiner besten Freundinnen von der Unitoilette aus an – und schluchzte so heftig, dass ich nicht einmal formulieren konnte, was passiert war. Für die Nachholklausur nahm zwei Wochen Urlaub von meinen Nebenjobs, um täglich mindestens sechs Stunden lang zu pauken. Als ich am Morgen der Prüfung in die Uni kam, war der Raum geändert worden und die Dozentin sagte, ich könne nicht mitschreiben da ihr jemand ihr eine falsche Teilnehmerliste ausgedruckt habe. Ich übergab mich beinahe auf den Tisch, irgendwann drückte sie mir achselzuckend einen Text in die Hand, der aus einem vollkommen anderen Genre stammte als diejenigen, um die es sich wie angekündigt hätte drehen sollte. Als hätte man geübt, Erich Kästner zu übersetzen und hätte stattdessen Christian Kracht bekommen. An diesem Abend googelte ich one-way Flüge in südlichere Gefilde ohne ETCS-System.

Jetzt nehme ich einen fetten Edding, schreibe BACHELOR OF ARTS auf das Deckblatt dieses Kapitels und schiebe es weit nach hinten ins Regal.

Wahrscheinlich, weil mich die Vorstellung, dass es noch länger so weiter geht irgendwie am Riemen gerissen hat, es möglichst zu schnell abzuschließen. Weil jedes neue Semester mit neuen LSF-Bücherlisten zumindest die Chance hatte, besser zu werden. Und weil ich mich weigerte zu akzeptieren, dass ich wegen Prüfungsamt und Prüfungsangst gleichermaßen am ersten Abschluss scheitern sollte.

Aber vor allem, (im Sinne von Hauptgericht des Arguments) wegen denjenigen, die am Ende des Telefons, in der Cafeteria und in der Gruga gewartet haben, um mit Kaffee, Carepaketen und unendlicher Geduld meinem unstrukturierten Chaosdiskurs zu zuhören.

Ich schulde euch allen  ein Katerfrühstück in den Upland Diners, um das Ende dieser Episode angemessen zu feiern, müde, dünnhäutig und mit nach Nebel und Rauch riechenden Klamotten nach vier Jahren apokalyptischer Party.

Es klingt nostalgisch und ist in fünfzehn Jahren sicherlich eine nette Anekdote zu sagen „Achjah, der Bachelor damals, das war wirklich hart“. Aber dass ich hier so nonchalant am Meer sitze und gebackene Bohnen mit Zimtmilchshake verspeise hätte ich mir nicht mal wünschen können, so weit entfernt von aller untergraduirter Tristesse ist dieses Bild.

4 Kommentare

  1. Ich freue mich hier auf deinen Blog. Noch steige ich nicht ganz durch (was aber nur an momentaner Zeitknappheit und langer Liste da links „ZUTUN“, liegt, als an was anderem), aber ich bleib dran. Fein! Gut, dass du auf dich aufmerksam machst, sehr gut!
    Liebe Grüsse!

    Gefällt 1 Person

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