Tie the writer’s ribbons down. // Swansea Theatres.

Was ich am Ruhrgebiet immer geliebt habe: Die schier unendliche Auswahl an Stadttheatern, die nicht mehr als anderthalb Stunden mit dem Semesterticket entfernt sind. Von Münster bis Bonn gibt es jede Nacht mindestens einmal Jelinek und einmal Kafka’s Prozess. Und dann sind da noch all die kleinen und großen Festivitäten, von Ruhrtriennale bis Traumzeit, die den Kalender füllen können.

Swansea ist zwar auch altes Kohle& Bergbau-Gebiet und sucht in den Industrieruinen rund um Port Talbots Stahlwerke seine ökonomische Rolle – aber die drei Kinos öffnen abwechselnd und „The Old Theatre“ heißt nicht umsonst so. Das Dylan Thomas Center beherbergt gelegentliche unabhängige Kompanien und weder Cardiff noch London sind unerreichbar weit weg, trotzdem  schleicht sich mitunter das Gefühl ein, Netflix sei das eigentliche Tor zur Außenwelt geworden. 

Campus Theater

Mitten in Singleton und direkt neben meiner Lieblingscafeteria gibt es das Taliesin-Kulturzentrum & alle zwei, drei Wochen spielen die Shoreliners eine eigene Show auf der Asta-Clubbühne. Deshalb hatte ich diesen Monat, egal wie klein die Kleinstadt Swansea auch sein mag,  das Vergnügen, Osborne’s Look back in anger und Henry Naylors The Collector zu sehen.

 

Ersteres war eine studentische Inszenierung, für die meine Freundin Emma die Garage ihrer Großeltern plünderte, um ein 50er Jahre Wohnzimmer auf die winzige Bühne im Divas Club zu zaubern. Sie castete sechs English Literature Studenten für das traumatische Stück des versoffenen John Osbornes zusammen. „Angry young men“ wurde sein Freundeskreis enttäuschter, verarmter Intellektueller genannt, denen die wilde Freiheit der Beat-Generation abging während auf den Londoner Straßen Essen und Strom rationiert wurde.

Drei Akte lang zerfleischt sich das junge Ehepaar Porter: Wikipedia charakterisiert Ehemann Jimmy als ‚disaffected’, man könnte sich auch mit neurotisch, wahnsinnig, manipulativ und boshaft anfreunden.

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Drei Sätze genügen und es wird deutlich, dass er und seine beinahe durchscheinend zarte Frau Alison kaum mehr als stumme Verachtung füreinander übrig haben und die verzweifelt die heruntergekommene Arbeiterwohnung entlang tigern. Gewalt verhindert nur der clowneske Mitbewohner Cliff, der psychische Atomkrieg zwischen Jimmy und Allison entgeht ihm allerdings.

Menage à troi & Folie à deux.

Vaterkonflikte, Todesangst und –sehnsucht, Betrug und ein verworrenes Liebesdreieck mit Allisons Jugendfreundin Helena ziehen sich durch drei schmerzhafte Akte. Der Charme der Produktion bestand allerdings hauptsächlich darin, alle sechs Gesichter vom Drama-Stammtisch her zu kennen und mit Allison Porter eine Woche zuvor feiern gegangen zu sein. Dass der zweite Akt in der Mitte von einem Feueralarm unterbrochen wurde und Publikum und Schauspieler zehn Minuten im eiskalten Regen warten mussten, hatte auch eine ganz eigene Atmosphäre. Die allgemeine Konzentration sank nach diesem Intermezzo rapide – auf der Bühne ebenso wie zwischen den Stuhlreihen.

Trotzdem: Wer die Chance hat, das Stück noch einmal in anderem Rahmen zu sehen: Große Empfehlung! Und wer einer amourösen Quartelife-Crisis erliegt, der kann ja John Osbornes Biographie zu Rate ziehen: Look Back in Anger basiert größtenteils autobiographisch auf seiner offensichtlich sehr erfüllten Ehe, die er beendete, um die Schauspielerin zu heiraten, die seine Frau „Allison“ in der Uraufführung spielte. Aber hey,..! 

The Collector

Das zweite Novemberstück war nicht unbedingt erhebender, aber professionell gespielt auf einer Bühne ohne geklaute Requisiten. Tatsächlich gab es außer Hockern und einer Glühbirne keinerlei Materialien, die illustrierten, dass wir uns für anderthalb Stunden im Irak, 2003, befinden. Die Theatercrew gewann den First Fringe Award in Edinburgh und tourt jetzt mit minimalistischer Bühne und drei Schauspielern durchs Land. Vor knapp vier Wochen machten sie auch in Swanseas Taliesin Theater Halt.

Eine Freundin hatte mir die Karte angeboten, mit den Worten: ‚Londoner Kompanie, es geht irgendwie um Musik und Kulturclash und so’. Dann vergaß ich, an welchem Abend wir verabredet waren und erinnerte mich erst eine Viertelstunde vorher, warum ich geplant hatte, bis acht Uhr in der Bibliothek zu bleiben. Als wir uns setzen hatte ich also buchstäblich keinerlei Idee, was passieren würde. Dass es um Foltergefägnisse und den Irakkrieg gehen würde, hatte ich nicht erwartet. Ebenso wenig, dass die Schauspieler es schaffen würden, mit nichts als einer Glühbirne und einem Hocker furchtbarste Bilder zu zeichnen und vollkommen fluid durch Rollen aller Nationalitäten und Geschlechter zu gleiten.

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Gerahmt wurde dieser drastische Ausflug in die besetzten irakischen Straßen von der kurzen Lebensgeschichte Nassirs – ein Musiker, der mit amerikanischer Soldaten CDs und Schokoriegel dealt und für das diffuse Versprechen von Freiheit und Demokratie beginnt, in Mazrat als Übersetzer zu arbeiten. Dass der unsichtbare Protagonist mit seiner Gratwanderung nicht viel Erfolg haben würde, wurde überdeutlich: Seine brüchig sprechende, schwarz tragende Verlobte war ein kleines Indiz. Wie drastisch das Stück allerdings Gewalt und Demütigung im eingekesselten Gefängnis zeigte, ließ das dünn besetzte Theater doch kollektiv schwer schlucken.

Irgendwie endete alles in einem Gefängnisausbruch, mehr Gewalt, mehr Hass, Morden und Trauer. Darauf konnten meine Theaterbegleitung und ich uns am Ende einigen, als wir versuchten, die Sätze wie Chlorwasser aus den Ohren zu schütteln. Vier Gin Tonics später redeten wir über den 11. September, was wir noch in Erinnerung haben und wie sich diese Bilder vor das noch sehr kindliche Narrativ von Krieg und Frieden geschoben haben.

Jetzt ist es beinahe Dezember, eine Shoreline-Produktion steht noch an. Von diesem dramatisch-theatralen November ist vor allem in Erinnerung geblieben, dass ich nächstes Jahr unbedingt zum Edinburgh Fringe Festival fahren will, um ein wildes Theaterstraßenfest zu sehen. So sehr ich mein kleines Küstenabenteuer auch für seine Pittoreske liebe – manchmal ist das „klein“ in „Kleinstadt“ ein bisschen …klein.

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