Der Krieg der kleinen Dinge. // St. Claude.

Die Tage in Swansea haben eine klare Symmetrie entwickelt. Mein erster Handgriff am Morgen ist auch mein letzter am Abend. Ich knalle mit zunehmender Verve einen Seifenspender aus Plastik auf unser Waschbecken. Diese Neurose, die mich wahrscheinlich bis ins hohe Alter begleiten wird, ist das erste Opfer, das ich in einem nun schon 69 Tage dauernden deutsch-französischen Krieg erbracht habe.

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Das letzte Jahr meines Bachelorstudiums habe ich alleine gewohnt, in einer Wohnung, die ich nach Lust und Laune verstauben lassen, pingelig putzen, für Partys herrichten, mit Übernachtungsgästen teilen und unter Papierbergen verschwinden lassen konnte. Und auch davor habe ich lange mit Menschen zusammengewohnt, deren Wohlbefinden maßgeblich von meiner Laune abhing und umgekehrt. Sprich, wenn du meine Seidenbluse auf 80° zusammen mit deiner Unterwäsche wäschst, haben wir keine besonders vergnüglichen 48 Stunden vor uns. Ich bin mitunter aus Prinzip nachtragend, auch wenn ich die Bluse nicht mochte oder schon vergessen habe, worum es ging.

Hier in Wales gibt es Menschen, die ihre Mitbewohner noch nie gesehen haben. Oder die zusammen Partys schmeißen. Die nur über böse Briefe und Postits miteinander kommunizieren.

Ach, ich komme schon wieder ins Schwärmen.

Mich treibt die Wohnsituation in 20 Langland Terrace gelinde gesagt in den Wahnsinn und sorgt für konstante Belustigung in meinem Freundeskreis. Meine drei Mitbewohnerinnen aus Beijing  sind von einfachsten Aufgaben im Alltag überfordert (ich erinnere an den Versuch, die Toiletten mit Backofenreiniger zu putzen), die sich nur partiell mit mimg_3225angelnden Englischkenntnissen erklären lassen.

Dass 30 Pfund Wasserrechnung durch fünf Bewohnerinnen geteilt 6,- ergibt, war ein langer didaktischer Prozess (und ungerecht obendrein, weil ich nicht diejenige bin, die jeden Abend 45 Minuten lang duscht, aber, hey). Dass Europa seit den alten Römern ein einziger Staat ist, der von London aus regiert wird und ob es in Paris Museen gebe…. solche Gespräche am Frühstückstisch machen nur vier bis fünf Mal wirklich Spaß. Irgendwann hat man den Porridgelöffel dann auch vor Verzweiflung abgenagt.

Aber das alles ist nichts gegen den Psychokrieg um die Badezimmereinrichtung. Über Sauberkeit und Putzintervalle kann man streiten (oder passiv-aggressive Gruppenchat-Nachrichten schreiben ^^) und glaubt mir, das haben wir getan.

Jetzt geht es um Details, und offenbar ist das die wahre Hinterhältigkeit dieser strategischen Zermürbungstaktik. Meine französische Mitbewohnerin ist besessen. Besessen von einer absurden Vorstellung, dass Plastikhausratutensilien nicht an einen für sie vorgesehenen Platz gehören, sondern aufeinander gestapelt auf eine 7cm breite Fensterbank.

Ich gebe zu, dass unser Badezimmer im Ikeakatalog fehlplatziert aussehen würde. Wahrscheinlich sogar im Poco-Heft aus der Einkaufaktuell, es sei denn, man durchwühlt das Archiv bis 1979. Da wären der Duschvorhang und das blaue Quietscheentchen vielleicht irgendwie ästhetisch akzeptabel. Aber trotzallem haben ein paar Dinge sinnvolle Funktionen, wie zum Beispiel die blaue Plastikbadewannenbrücke. Also, dieses Brett-Dings, auf das man beim Baden ein Buch und beim Duschen eine Shampooflasche stellen könnte – WENN DIE FRANZÖSISCHE …***…. ES NICHT JEDES MAL WIEDER DEPLATZIERT IN EINE ECKE KNALLEN WÜRDE.

Für jemanden, der auch Zewa-Tücher auf Kochwäsche waschen würde, ist diese Punkrockattitüde gegenüber sinnvollen Haushaltsgegenständen vollkommen unangebracht.

Und dann ist da der Seifenspender. Vegane Milch&Honigseife, was auch immer das sein mag. Steht seit der ersten Woche in unserem Badezimmer und erfüllt ihre banale Aufgabe. Aber wo steht sie? Vielleicht in der 5mm tiefen Aussparung am Waschbeckenrand, die sehnsüchtig auf den dazugehörigen Seifenspender wartet? Wo sich ohne Seifenspender nur plörriges Spritzwasser sammelt? Nein. Jedes Mal wenn ich ins Bad komme, steht die verdammte Seife auf der verdammten Fensterbank, die verdammt noch mal zu klein ist, um irgendetwas anders zu halten, als die verdammte blaue Quietscheente. Die heute auf dem Toilettenspülkasten saß.

Ja, ich weiß, alleine wohnen ist ein unschätzbarer Luxus. Studentenleben, Kompromisse, interkulturelle Kompetenzen, jajablabla. Es würde mich auch nur halb so wahnsinnig machen, wenn ich irgendeinen Sinn dahinter erkennen würde. Es kann ja weder Ordnungszwang noch Putz-Verweigerung sein.

Mich beruhigt nur die Tatsache, dass sie wahrscheinlich in einem ihrer unendlich langen und unerträglich lauten französischen Skypetelefonate genauso über mich flucht. Die Blicke, die wir uns zuwerfen, wenn wir uns aus Versehen auf dem Weg ins Badezimmer über den Weg laufen, sprechen Bände. Sie sagen: „Du Miststück, wie viele Kriege müssen Frankreich und Deutschland noch gegeneinander führen, bis du kapierst, wo die Seife hingehört?“.

Jetzt gehe ich Sekundenkleber kaufen, um die Quietschente auf die Fensterbank zu kleben.

7 Kommentare

  1. Einerseits hast du mir Leid getan, andererseits musste ich so lachen. Ich weiß schon, warum ich nie WG geeignet war.
    Schön das du auch bei Instagram bist, da folge ich dir jetzt auch. Bin gespannt, was es bei dir noch so zu lesen gibt.
    LG Gabi

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  2. […] Die Uni liegt seit Ende März frühjahrsmüde herum: Drei der fünf Coffeeshops und Cafeterien haben geschlossen, der Buchladen ebenso und der vegane Imbisstand auch. Die Erstsemester sind nicht mehr klein, dafür umso hektischer und man wird ständig gefragt, ob man denn auch schon einen Job nach dem Abschluss hat. Meine französische Mitbewohnerin ist seit Wochen nach Frankreich verschwunden, hallelujah.  […]

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  3. […] Gerade bin ich zu Hause angekommen, um all die Menschen ausführlich zu drücken, die hier so treu mitgelesen haben. Meine Mama hat Welsh Cakes gebacken und ich habe ENDLICH mal wieder im Konsumreform gebruncht. Wer auch immer es wagt in Essen zu wohnen und nicht täglich dort zu brunchen – for shame! Und die mich manchmal fragen, ob das eigentlich alles wirklich so… ja, das ist alles wirklich so. Inklusive der Fotofilter und der irren Mitbewohner.  […]

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