Mad world. // Reporting Risks.

Darknet, Geiselnahmen und Atomkatastrophen. Als ich als  drittes Modul meines Masterprogramms Risk Reporting gewählt habe, waren diese Themen nicht wirklich im Reading Syllabus verzeichnet. Dort hieß es, man werde Risiko und Gefahr als gesellschaftliches Narrativ betrachten. Das klang verkopft und ein bisschen deutsch und nicht nach dem, was ich in der dritten Stunde mit tippte:

„Versuch niemals mit einem 19-Jährigen mit einem Maschinengewehr zu verhandeln. Er hält sich für Gott. Verhandle nicht mit Gott.“

Aber so verbringe ich seit zweieinhalb Monaten meine Donnerstage. Als wir die von Chelsea Manning geleakten Exekutionsvideos schauten, machte der reizende, alternde indische Professor eine kurze Pause, um, wie er sagte, nicht eine, sondern zwei Zigaretten zu rauchen, um sich wieder zu beruhigen. Einer Kommilitonin und mir war tendenziell eher zum Kotzen zu mute.

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Wissenschaftliches Gleichgewicht bringt sein Kollege Chas Critcher, seines Zeichens pensionierter Journalismusprofessor und Freund von Stuart Hall. Er hatte die undankbare Rolle, einer Gruppe von aufgeputschten Erasmus Mundus Studenten, aus denen der Kurs hauptsächlich besteht, semiotische Analyse von Leitartikeln beizubringen.

In Erinnerung bleiben wird allerdings der lachende Saaji, der eine einzige Standardantwort auf jede Art von kritische Rückfrage hat: ‚You can say that here, no problem. Say it out there on an assignment, and your in deep deeeeep shit man’.

Diese Stunden, die wir verbrachten, während in London ohne Wimpernzucken die Überwachungsgesetze unter dem Investigatory Powers Act verschärft wurden, gehören zu den eindrücklichsten in meiner Swansea-Zeit. Dass Risiko im Auge des Betrachters liegt, seit der Ermordung Kennedys ins Privatleben geschlichen ist, dass wir aufgehört haben, Autoritäten zu vertrauen, denen wir unterstellen, uns nicht zu schützen… Als das steht irgendwann in einem Modulabschluss versteckt.

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Genau wie die Erkenntnis, dass wir konstant von Regierungen bis Versicherungsvertretern wie Risikofaktoren behandelt werden, während alle Faktoren modernen Lebens selbst bedrohlich sind: Rauchen, (nicht) vegan Kochen, Autofahren, Kinder kriegen, Urlaub machen, durchatmen, nicht zur Arbeit gehen und der Wirtschaftskrise zum Opfer fallen, zu viel Spaß haben, zu wenig Spaß haben, zum Arzt gehen und an einer multiresistenten Infektion sterben, nicht zu Arzt gehen und sterben, Handys in Hosentaschen tragen, kein Handy dabei haben, alleine nach Hause laufen, Rohkost essen, zu jung sein zu alt sein Kaffee trinken und gegen nichts von alledem helfen die 5 Euro, die ich monatlich an die Provinzial überweise.

Risk Reporting ist wahrscheinlich der am wenigsten akademische Kurs, den ich je besucht habe – und ich hatte einen Französisch Kurs, in dem die Dozentin uns einfach zwölf Wochen lang jeden Freitag vor eine Leinwand gesetzt hat und Arte eingeschaltet hat. Trotzdem sprechen wir jede Woche über die Grundlage modernen Unwohlseins: Warum und seit wann fühlt sich alles so merkwürdig brüchig an – und welche Verantwortung tragen Journalisten, diese Öffentlichkeit zu therapieren?

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