Pictures of success. // Masters.

 

Weil ich es auch im Masterstudium nicht sein lassen kann, nebenbei meinen Kalender bunt vollzumalen, saß ich heute um elf auf einem Drehstuhl in einem vollgestopften Büro: Voller Bücher und voller mittelalter Frauen. Mein Vorstellungsgespräch war für elf Uhr angesetzt und irgendwie waren trotzdem alle überrascht, als ich um 11.00 klopfte. Ms. German Train, schoss es wahrscheinlich kollektiv durch den Kopf.

In dreiundzwanzigdreiviertel Jahren saß ich des Öfteren auf Drehstühlen, meistens mit glücksbringendem Batman-Slip unter frischgebügelten Vorstellungsgesprächsklamotten.

Beim letzten Jobinterview, das auch das erste auf britischem Boden war, hing ich Nägel kauend am Telefon, höchstnervös. Nur um am Ende gesagt zu bekommen, dass man sich ohnehin schon entschieden habe, mir den Praktikumsplatz im Januar in London zuzusagen – Kinder, was für ein wunderbarer stressiger Ort diese Stadt doch manchmal ist.

Aber abgesehen von solchen Glücksfällen hatte ich einen Tag im Assessment Center einer Stiftung, drei informelle „Lass mal bei Kaffee über den Job reden“- Kaffees, und mindestens fünf tatsächliche, reale Vorstellungsgespräche, an die ich mich spontan erinnere.

 

Eine meiner liebsten Erinnerungen…

….beinhaltet die Frage an mich (19einhalb Jahre alt, gerade an der Uni eingeschrieben): „Wollen Sie eigentlich Kinder?“ – Peinliches Schweigen, weil unrechtmäßig, höchst privat und irgendwie seltsam – „Also, ich frag nur, weil, wenn Sie auch einen Hund haben wollen, holen Sie den am besten danach! Sonst ist der Hund immer eifersüchtig auf das Kind. Sehe ich gerade zu Hause!“. – Ausführliches Schweigen.

Ein besonders schöner Moment fand drei Monate später in einem luftigen Duisburger Büro statt, in welchem jemand einen Blick auf meinen Lebenslauf warf. Dieser beinhaltete 4 Jahre freie Mitarbeit für diverse Lokalzeitungen, zwei Presseagenturen und ein dazugehöriges Praktikum, außerdem ein Stipendium für Nachwuchsjournalisten. Die Gesprächspartnerin guckte augenscheinlich das erste Mal auf den Ausdruck, aus dem Fenster, wieder auf das Blatt Papier und sagte: „Ich kann da keine klare Linie erkennen“.

Einen anderen Job bekam ich ohne Vorstellungsgespräch – dafür aber nur, weil ich zufällig bei einem Café-Ausflug der Arbeitsgruppe neben derjenigen saß, die ihn hätte bekommen sollen. Die Kommilitonin benahm sich allerdings in den zehn Minuten Kaffeepause derart daneben, dass ich auf dem Rückweg auf die Schulter getippt wurde, um zu fragen, ob ich nicht vielleicht Interesse hätte einzuspringen.

Ich bin für den Master nach Wales gegangen, weil der Studiengang sehr viel spezieller ist, als alles was man in Deutschland unter dem Flaggschiff „Kommunikationswissenschaft“ hätte studieren können. Natürlich war die Intention dahinter auch ein schillernder Lebenslauf, oder das postmoderne Äquivalent, ein vorzeigbares LinkedIn Profil.

Aber das heißt nicht, dass mir das durchökonomiserte Schaulaufen plötzlich mehr Spaß macht – eher im Gegenteil.

Je mehr ich in den letzten Jahren und bei den Jobs, die ich tatsächlich bekam und sehr mochte, gelernt habe, desto weniger hatte ich Lust, alles in zehn Minuten durch zu konjugieren. Ich finde Bewerbungsprosa höchst anstrengend, gerade in einem kreativen Jobumfeld, in dem es am Ende darauf ankommt, anders, besser und rotziger als alle anderen schreiben zu können. Ich weiß, was ich am besten kann und würde viel lieber konkret über Ideen, Pressetexte, Facebook-Strategien und Projekte sprechen, als Fragen wie „Was motiviert Sie?“ nicht mit „Ayurveda-Schildkrötensuppe“ zu beantworten.

Ich habe hier gelernt, dass Briten auf doppelseitige Lebensläufe stehen, ohne Fotos und Geburtsdaten. Ich habe gelernt was DOE bedeutet und dass man mit sincererly endet, wenn man die Person mit Namen kennt und mit faithfully wenn man nur „Dear Sirs….“ schreibt. Und trotzdem glaube ich, dass die Chancen steigen, je weniger man sich an solche Vorgaben hält. Ich habe mehr Freunde, die Jobs durch Twitter bekommen haben, als Bekannte mit unbefristeten Verträgen. Warum sich gerade die Bewerbungsgepfolgenheiten am längsten halten, ist mir schleierhaft.

Btw., das Gespräch heute lief überraschend gut, wir haben lange über mein Masterarbeitsthema gesprochen, was mich immer wieder anspornt, endlich mit der Recherche loszulegen. Ich bin hier trotzdem relativ vorsichtig, weil ich verstehen könnte, wenn man einer Nicht-Muttersprachlerin ungern eine verantwortungsvolle Rolle in der Textproduktion übergibt.

Ich bin mir immer noch nicht wirklich sicher, ob ich am Ende dieses Abenteuers lieber auf dem PR-Traumschiff oder der journalistischen Seite des Lichts arbeiten will – oder in der deutschen Interpretation, der Öffentlichkeitsarbeit. Aber ich habe mit Natasha letztens eine Weltkarte auf einen Cafétisch gemalt und besprochen, wo wir uns vorstellen könnten zu arbeiten. Ein erster Anfang, jetzt kann ich anfangen mich nach Lust und Laune in London, Edinburgh, Brüssel und zuhause in NRW zu bewerben – und wir gucken mal, ob ich den Blog nächstes Jahr in Talk Kölsch to me! umbenennen muss!

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