Glistering Teenage Angst – Die Doppelrezension. // The Burnside Challenge.

Vor Wochen, die sich wie Tage anfühlen und in denen genug für Jahre passiert ist, habe ich an dieser Stelle adjektivreich von John Burnside geschwärmt. Dem schottischen Wunderautor, der mich im glühenden Sommer zu Tränen begeistert hat.

Entzweit über die Frage, welche und wie viele Bücher ich in meinen Koffer quetschen können würde, begann ich die eine, die einzige Burnside Challenge: Während des Auslandsjahres würde ich mich durch sein Lebenswerk lesen und am Ende in einen Zug steigen, um die schottische Gegend Fife zu besuchen, wo der T.S.Elliot-Prize-Preisträger  die meisten seiner Texte schrieb.

….and if what we insist on calling

fate seems inexplicable or cruel

it’s only because

we lack the imagination

to wish for what it brings,

to brighten it

with something more inventive

than dismay.

 …schreibt er in seiner 13Gedichtsammlung All in one breath, auf die ich mich schon besonders freue. Eigentlich wollte ich chronologisch vorgehen und die Lyrik vom Ende der Achtzigerjahre langsam in die Romane ab 1997 mäandern lassen – aber dann drücke mir eine Freundin vor der Abreise Glister (2008) in die Hand. Also las ich mich durch 300 Seiten finsterweltliche Abgründe und ließ, der Ordnung halber, seinen nächsten Roman A Summer of Drowning (2011) folgen.

Zwei Romane, die vollkommen arbiträre Mittel verwenden, um dennoch eine sehr ähnliche, adoleszent-zukunftsängstliche Beklemmung zu schaffen.

Glister ist ein irreführender Titel, denn nichts schimmert mehr auf dieser kaputten, vergessenen Halbinsel. Die Regierung siedelte vor Jahrzehnten eine Chemieplantage an, schuf Arbeitsplätze und Krankheiten, die langsam durchs Grundwasser sickerten. Nichts ist davon übrig geblieben außer Industrieruinen, Gelegenheitsjobs, Armut und undefinierbaren tumerösen Krankheiten, die die Bewohner in Innertown in zukunftsbefreite Zombies verwandeln. Auch wenn sich der 15-jährige Protagonist mit seiner hübschen Freundin und einem Stapel Bibliotheksbücher die Zeit vertrieben zu weiß, endet er doch erstaunlich häufig auf flanierenden Spaziergängen durch die Unterwelt der verlassenen Fabrik.

Flucht ins siechende Umland scheint die einzige Möglichkeit, denn zuhause stirbt der Vater entweder an Krebs oder an der Erinnerung an die verschwundene Mutter und kurz darauf fällt der beste Freund einer bizarren Seuche zum Opfer: Alle paar Monate verschwindet ein Teenager aus der dystopischen Stadt, woraufhin für ein paar Stunden Anarchie herrscht, Autos, Häuser und Bäume brennen, bis man wieder in Lethargie versinkt.

Man könnte sich einreden, dass sich die Dorfjugend peu à peu Richtung Autobahn und Zukunft davongeschlichen hat, doch der Dorfpolizist findet einen der sakral hingerichteten Jungen im albtraumhaften Wald. Glister ist dennoch kein Krimi – die bizzar-dystopische Welt auf der vergessenen postindustriellen Halbinsel hält Größeres bereit als die Suche nach einem Serienmörder.

Geheimnisvolle Todesfälle durchziehen auch A Summer of Drowning: Liv, ein 18jähriges, eigenbrödlerisches und herrlich uninteressantes Mädchen, lebt mit ihrer Mutter auf einer norwegischen Insel, einem Ort ohne Vergangenheit, Zukunft, dafür voller Vögel und Licht.

„Mother“ ist eine gefeierte Malerin – und das Subjekt ewiger Reflexionen der Protagonistin. 

Livs Leben dreht sich um die Affären ihrer Mutter, die Gemälde ihrer Mutter, die Gefühle, Gedanken und Blumenbeete ihrer Mutter. Dass diese sich allerdings eher als konstante Gastgeberin im Leben ihrer Tochter versteht kommt in diesem Anti-Gilmore-Girls-Roman nicht zum Tragen. Liv hat keinerlei Zukunftspläne, einzig ein Leben im Rhythmus der Gezeiten und den Teepartys ihrer Mutter erscheint ihr real – und ein grenzparasitärer Alltag zwischen Bildbänden und Ausstellungskatalogen ausreichend erfüllend. Da die Protagonistin lebenslänglich versucht, das Lächeln und Schweigen ihrer Mutter zu interpretieren, verliert sie sich auch im Alltag in Gedankeneskapaden über das hypothetische Innenleben ihrer Gesprächspartner, was mitunter die größte Schwäche des Romans darstellt.

Auch in der norwegischen Idylle verschwinden Jugendliche: Kurz nach dem gemeinsamen Schulabschluss werden die Leichen zweier Brüder aus dem Meer geborgen. Ihr Tod ist mystischer als die im surreal-futurischen Thriller Glister angedeuteten; hier, in der ewigen Mittsommernacht existiert eine parallele Version Gegenwart, in welcher es vollkommen normal ist, dass beide Jungs von einer huldra verschleppt wurden: Die skandinavische Sagenwelt liegt wie ein Filter über der Realität und wird immer deutlicher, je weniger die Bewohner der Insel im gleißenden Sommerlicht schlafen können.

Beide Romane verlassen sich auf die Stärke der Topographie. Die Verortung im technologisch-vergifteten Niemandsland sorgt in Glister für stetes Unwohlsein und den Geschmack von Rost und Asbest. A Summer of Drowning dagegen lebt von Wetter, Wind, Luft, Blumen, Felsen und Wäldern –  Naturimpressionen, die die selbstgewählte Zurückgezogenheit der Protagonistin zu einem Anti-urbanen Heimatkolorit-Motiv aufblähen.

Die Texte haben eine Zeitlosigkeit gemein:

Das adoleszente Zeitfenster zwischen der institutionalisierten Schulwelt und dem selbstgestalteten Leben unter anderen Erwachsenen wird bei Burnside negiert. Entweder ist die Zivilisation bereits soweit kollabiert, dass der Schulbesuch und Planungen, die über den nächsten Einkauf von Dosenthunfisch hinausgehen irrelevant wird. Oder sie ist soweit entfernt vom artifiziellen Leben im Naturspektakel, das sie keinen Reiz darstellt: Als Liv gegen ihren Willen nach England reist (um dem Anrufbeantworter ihrer Mutter weitere Nachrichten zu ersparen), deckt sie sich in einem Gourmetgeschäft mit skandinavischen Delikatessen ein und schließt sich drei Tage lang im Hotelzimmer ein.

Es sind allerdings nicht die Todesfälle und das Verschwinden von Freunden und Bekannten, die die heranwachsenden Protagonisten zu weltfremden Eigenbrödlern werden lassen: Vielmehr teilen sie sich ein generelles Desinteresse an einer Welt, die auch ohne sie zu funktionieren scheint und in der teilzuhaben keinen Wert und Reiz mehr darstellt. Einzig Literatur bildet einen Fluchtpunkt: Glister beinhaltet zumindest eine heruntergekommene Stadtbibliothek, in der sich der Protagonist zu einem geschmacksneutralen Kenner des Literaturkanons ausbilden lässt. Auch Liv liest viel und belächelt zugleich die Versuche des Sommergasts der Nachbarn, Ibsen im Original zu lesen. Für beide stellen klassische Narrationen zwar noch einen Wert an sich dar, eine indirekte Verbindung zur Außenwelt – doch findet keiner der beiden je eine Parallele zur eigenen Realität zwischen den Buchdeckeln.

Bleibt nur noch eins: Burnsides Sprache zu genießen. Sich eventuell der Tatsache bewusst, dass die Romane von streng limitierten Dialogen nur profitieren können, verirrt er sich in langen, bildschönen Introspektionen, die nicht viel mehr benötigen, als die Stimme eines traurig-verbitterten Teenagers in einer wilden Landschaft, außerhalb der Zeit und der Zivilisation.

Nächstes Mal in der Burnside Challende: The Devils Footprints – und ein bisschen Lyrik.

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