A century of sleep. // Special Edition.

Zur Weihnachtszeit, zum Ende eines langen wilden bunten schönen herzzerreissenden abgefahrenen Jahres ist es still geworden. Das mag daran liegen, dass mir die Klimaanlage im Reisebus die fetteste Erkältung des Jahrhunderts eingebracht hat. Bei Bedarf kann ich also Friends-Folgen und Hustensaft rezensieren.

Aber ansonsten gab es viele, viele Umarmungen, Cocktails und immer wieder die Nachfrage: „Ist deine französische Mitbewohnerin eigentlich echt so...?“…

Was jedoch nie gelingen wird: Das surreale Gefühl zu beschreiben, die Liebsten nach dreimonatiger Pause wiederzusehen. Als hätte jemand den Stopknopf gedrückt und uns ganze Brocken Zeit geklaut, die wir doch hätten zusammen verbringen müssen. Nach zehn Tagen zuhause bin ich leer geplappert und quietsche wie eine zu oft gehörte Kassette.

 

Als kleines Weihnachtsgeschenk für treue Leser und all diejenigen, die ich nicht genügend drücken konnte, gibt es das Reiselogbuch von letzter Woche hier live zum Mitlesen:

This is… two hours ‘til London calling. Von meinem 36 stündigen Trip in die Heimat sind schon drei im fleißigen Linksverkehr vorbeigezogen. Von Swanseas vormittäglich dieser Bucht habe ich mich freundlich winkend verabschiedet und bin tief in meinen Bussitz gerutscht, umgeben von drei mittelmäßig schweren Jutebeuteln voller Weihnachtsgeschenken.

Der freundlich verschwiegene National Express fährt seitdem durch walisische Landschaften (sprich: viele viele Schafe) und über britische Brücken, durch das mildeste und nebligste Dezemberwetter der Welt.

Highlights bisher:

Irgendwo vor Cardiff haben wir an einer Autobahnraststätte gehalten, die mehr Kleinstadtshoppingmal war denn Serways Tank&Coffe-Stop. Ich habe inflationär viel Geld für einen Kaffee bezahlt, der nach Lebkuchen geschmeckt und mir die nächsten anderthalb Stunden enorm versüßt hat.

Die Dame in der Sitzreihe vor mir liest eines dieser glänzenden Magazine, die irgendwie zum Brexit beigetragen haben sollen – besonders gefallen hat mir die Coverstory: „After two weeks of marriage I noticed that my dream man is a bigamist.“ Ach, das passiert den Besten.

In der Sitzreihe hinter mir sitzt eine Swansea  Kommilitonin, naja, zumindest trägt sie Uni Merchandise. Gleichzeitig wirkt sie vollkommen hilflos, ist mit ziemlicher Sicherheit im ersten Jahr, wurde von Mama zur Ersti-Party gefahren und sitzt seitdem in der Küstenstadt fest. Jetzt hat sie sich emanzipiert und besucht ihren Freund aus Schulzeiten in London, nur um kurz vor Heiligabend tränenreich verlassen zu werden. Keine Ahnung, ob irgendetwas davon stimmt, aber sie tritt mir ständig in den Rücken und ich habe mir genügend britisch passives Understatement angeeignet, mich nicht zu beschweren, sondern stattdessen zynische innere Monologe über sie zu führen.

Das eigentliche Highlight ist aber Adam Haslett’s You are not a stranger here.

 Abgesehen davon, dass ich das gern als Motto für meinen Weihnachtsbesuch garantiert hätte, ist seine Novellensammlung meine Buslektüre. Ich weiß, ich weiß, die Burnside-Challenge… Aber schließlich bin ich nicht in Swansea und darf deswegen auf anderen Bücherregalen wildern. Außerdem hatte der Penguin Verlag letztens eine Livechat-Aktion bei Facebook und die cleveren Marketingpeople haben vollkommen uneigennützig Lesetipps verteilt. Meiner war Haslett’s Debüt und nach dem herzzerreißenden Ende von John Burnside’s A Summer of Drowning kam mir ein bisschen fluffigeres, amerikanischen Short Story-Geplapper gerade recht. Einziges Problem: Auch seine Texte sind sagenhaft traurig – Notes to my biographer konnte ich fast nicht zu Ende lesen und The beginnings of grief wird hoffentlich als spannendste Adaption von Musils Die Verwirrungen des Zöglings Törleß in die Geschichte eingehen.

Wozu ich bisher wenig gekommen bin: Kontemplative Jahresrückblicke. Oder zumindest genüssliches Schwelgen in Erinnerungen an die letzten drei Monate, diesem abgefahren Dauerurlaub am Meer, der zeitgleich auch die intensivsten Wochen meines bisherigen Studiums beinhaltete. Aber vielleicht trinke ich heute Abend auf der Dover-Calaisfähre ein Bier, stelle mich an die Reling und sinniere ein bisschen vor mich hin… Es gibt schlechtere Perspektiven.

Hier jedenfalls endet der erste Teil der Livebreichterstattung von der unendlichen Reise von der Atlantikbucht ins Ruhrgebiet.

Bis 2017 herrscht hier noch ein bisschen zwischen-den-Jahren-jährliches Schweigen… aber die Vorfreude auf ein dieses Jahr mit der 20er Silvesterparty, der vierten Sherlockstaffel, dem Londonmonat, dem 24. Geburtstag, dem Dublin-Trip, dem Straßenfest in Edinburgh, dem Masterabschluss, dem familiären Sommerfest und dem großen Umzug ins Unbekannte ist groß….

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