Nothing to confess. // London Heart.

London ist hungrig. Es verschlingt Menschen, Museen, Ideen, Kopfhörerkabel, Buchseiten, Neujahrsvorsätze, Jazzkonzerte, Street Food Märkte, Plattenläden, muffige Cornflakes, Lebenskonzepte, gutes Wetter und schlechtes Karma. Alles miteinander verschmolzen wabert diese pulsierende Menge unter der Stadt durch die U-Bahnen, über die Themse hindurch, Rolltreppen hinauf und hinunter. Und wenn dann am Ende des Abends noch zwei Uni-Deadlines vom winzigen Schreibtisch aus auf die übermüdete PR-Praktikantin warten, bleibt kaum Zeit, in Ruhe online über die neue Sherlockfolge auszurasten, geschweige denn, regelmässig zu bloggen.
 
Aber London ist auch atemberaubend schön. 
Bei einem unendlich langen Spaziergang am Wochenende bin ich von Hammersmith die Themse hochgelaufen, fünf Stunden lang, bis ich unter Big Ben stand und zu den übermüdeten Familien in den Bus nach Haus gefallen bin. Zu Hause ist hier in kleines Backsteinhausschen am Rander der grusligen Trabantenstadt des Millienium Parks. Bewohnt von zwei sehr zuvorkommenden Zeuginnen Jehovas und mir. Da Zweifel und freundlich geheucheltes Interesse eventuell ein Ticket in einen ihrer Gottesdienste bedeuten könnten, oder zumidenst unendliche Diskussionnen, bin ich hier Katholikin. Fest überzeugte, sich dauernd bekreuzigende Katholikin mit besonderem Faible für die heilige Dreifaltigkeit, was wohl der ultimative Abturner für diese andere Sekte ist.
 
Und dann war der Urlaub vorbei. 
 
Dienstag führte mich vom neblig kalten Süden hoch in den westlichen Teil dieser tentakelnden Großstadt, wo ich am Hammersmith Broad Way jetzt die nächsten fünf Wochen in den Agentur-Alltag bei Lucre hineinschaue. Noch ist das Büro im Weihnachtskoma, aber ich durfte Cocktailtrends recherchieren, fünfzig genervten Redaktionen in Manchester eine Story über Neujahresmenüs andrehen und bei einem zweistündigen Stromausfall das ganze Team kennenlernen. Zu elft teilen sich alle eine Etage in einem Bürogebaude mit pittoresker Fassade und reden über Reise- und Freizeit-Kampagnen, oder eben über die neue Sherlockfolge. Ich weiss noch immer nicht, wie viel echte Passion ich fürs Agenturleben aufbringen kann, aber ich kann nicht sagen, dass es nicht entspannend ist, statt Unichaos und Deutschlandtournee mal ein paar Tage lang Presse Clippings zusammenzustellen.
Mehr Londontrubel bedeutet allerdings auch weniger Talk Welsh-Trubel: bis diese Uni-Essays auf dem Schreibtisch meiner Dozenten liegen habe ich nicht einmal abends Zeit, nicht über PR-Problemchen nachzudenken.
Am Wochenende gucke ich allerdings eine Inszenierung von Maria Stuart mit Julie Stevenson und Lia Williams, die am Anfang der Vorstellung per Münzwurf entscheiden, wer nun Elisabeth und wer Maria spielt. Spätestens davon werde ich wieder kitschig zu schwärmen wissen.

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