Starbucks in der Tundra. // John Burnside.

Diese John Burnside Challenge- Live Edition kommt ein halbes Raum-Zeit-Kontinuum später. Soweit entfernt liegt Swansea von einem Januarabend in der British Library in London, der keine drei Wochen her ist.

Dienstag lag diesiger Regen über dem Campus, ich schlenderte nach meinem Kurs in Professional Writing neben meiner Dozentin zurück ins Hauptgebäude. Wie ich denn Wales und Swansea fände, fragte sie und wühlte in ihrem David-Bowie-Jutebeutel. Schön und rau antwortete ich, wie immer, aber auch, dass hier die Zeit stehen geblieben ist: Sogar die Neubauten sehen hier aus, als hätten sie die Architekten der 70er Jahre-Asbest-Tempel entworfen. Preise sind vorinflationär, die Flure der Media Studies sind gesäumt von Regalen voller VHS-Kassetten und die Studentenkneipe spielt den immer gleichen Collegerock, der sich seit 20 Jahren in den Filz der Billardtische einfrisst.

London dagegen wärmt sich an der eigenen Rastlosigkeit. In Swansea teilen Flut und Ebbe einen Tag in Lunch- und Dinnertime ein.

In der Hauptstadt stand ich an einer Haltstelle neben einer tosenden Autobahn, eine Pendlerin stand in Sportsachen neben mir, sprang von Fuß zu Fuß und fragte nach etwa elf Sekunden, ob der Bus um 7:13 schon weg sein, weil sie ansonsten nämlich Uber buchen würde, die seien in 2:20 Minuten da und der nächste Bus in der Transport for London-App sei noch 3 Minuten entfernt. Es war neblig und es war 7:13:44 Uhr und London brauchte Valium.

Deshalb fühlt sich die Lesung mit dem Helden der Burnside Challenge, John Burnside, auch so weit entfernt an. In der walisischen Zeitzone sind drei Wochen eine undefinierbare Masse frei zu entfaltender Zeit. In London könnte in dieser Zeit ein Shitstorm über die British Library ausbrechen, das Gebäude abbrennen, neu aufgebaut werden, und nebenbei noch ein ganzes Schottisches Gegenwartslyrik-Festival stattfinden und die Menschen würden immer noch durch die Tubeschächte rennen, als gäbe es irgendetwas anderes zu gewinnen, als ein diffuses Überlegenheitsgefühl gegenüber denjenigen, die nirgendwo hinzurennen haben.

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John Burnside kommt also auf die kleine Bühne im Knowledge Centre, lässt sich auf einen grünen Sessel fallen und blickt sich um. Circa 50 verwirrte Gesichter starren auf den Buchumschlag, der einen 45 Kilo leichteren und gepflegt rasierten Literaturprofessor zeigt. Und dann auf den leicht verwahrlosten Eremiten, der da zwischen den Stapeln seiner 27 (in Worten: Siebenundzwanzig!) Romane und Gedichtbände sitzt, gelegentlich eins in die Hand nimmt und interessiert darin herumblättert.

Gerade hat er mit einem üppigen Stipendium der Amerikanistik-Bibliothek sein neues generationenkonfliktreiches, gewalttätiges, grenzwertig traumatisches Buch über Amerikanische Bürgerrechtsbewegungen und Alkoholismus fertig geschrieben – an diesem Abend wirkt er, als habe er die Recherche des letzteren Sujets am Gründlichsten betrieben.

Doch selbst sichtlich alkoholisiert bringt er noch Satzgebilde wie dieses su…sustande:

„Auch Heidegger fragte: ‚Was ist eigentlich Zuhause?’, wenn wir das weiterdenken, ist das doch nur die Suche nach Sicherheit und nach Vergebung für alles, was außerhalb passiert, und vielleicht müssen wir angemessen zu trauern, wie indigene Völker das können. Aber jetzt stellen wir überall diese furchtbaren Ketten dahin, dieses Starbucks, und das ist doch nur Gewalt, Gewalt gegen den gesunden Menschenverstand, gegen die Urbanität, gegen uns selbst, das ist Gewalt, die Gewalt provoziert.“

Zwei Stunden lang las er aus seinem neuen Roman Ashland and Vine und der Gedichtsammlung Still Life with Feeding Snake. Letzteres steht bei mir im Regal und wenn ich mal so richtig Lust habe, Krokodilstränen zu vergießen, schlage ich es auf. Es endet mit einer Ballade über Zuhause, die in einem Nebensatz erwähnt:

‚on the line you just crossed on the drive to Wuppertal’

…bitte? Bitte? BITTE??!!

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Mir wäre im Londoner Bus beinahe das Gedichtbändchen eine Etage tiefer gefallen.

Zurück in Swansea fand ich mich auf der Suche nach Antworten im Büro eines Germanistikprofessors wieder. John Burnside fand er nicht annähernd so interessant wie ich (Frevel!), dafür hat er mich als PR Managerin für sein multiliguales Literatur-Festival rekrutiert… Wenn ich damit fertig bin (der Emailflut zufolge circa 2014), werde ich mir ein Zimmer suchen, in dem es einen Kamin, einen leckeren Rotwein, eine Katze und meinen Lieblings-Übersetzungspartner gibt und Still Life with Feeding Snake ins Deutsche zwängen.

Stillleben mit fressender Schlange? Wir werden viel Wein brauchen.

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