Manchester by the sea.

Do not be angry with the rain, it simply does not know how to fall upwards. – Sturm Doris, englische Dörfer und die Britpop-Backstein-Friedrich-Engels-Stadt. 

Swansea ertrinkt. Zu Beginn der vierten Semesterwoche gibt es nichts als Regengüsse, Sturmböen, die Möwen gegen Palmen wehen und knietiefe Schlaglöcher voller Wasser.

Donnerstag nahm das Sturmtief Anlauf und ließ als erste Maßnahme ein paar Bäume auf die Zugstrecke fallen, auf der mein gemächlicher Great Northern-Zug gerade durch blühende Landschaften und unter Regenbogen hindurch rollte. Das Ziel: Die, dann noch nicht Oscar-Gewinner-Namensvetter-Stadt Manchester. Doch die Bäume, der Wind, das privatisierte Bahnnetz – alle britischen Übel auf einem Haufen – sorgten für mehrere trockene Durchsagen der Zugbegleiter:

“Looks like we’re going to be stuck for a while in what can only be described as the Metropolis – also known as Cardiff.” – “Until a big man with a big chainsaw hacks up the trees, there is only so much we can do for you”.

Nach einer lieblichen ersten Stunde Fahrt durch grüne walisische Hügel brach die transporttechnische Hölle los: Löchrige Bahnhofsvordächer in Shrewsbury, Sammeltaxen, die sich anderthalb Stunden durch matschige Dörfer quälen und eisige Kälte in Crewe. Dort sagte man durch, dass der letzte Zug für vier Stunden auf Gleis 5 in zwei Minuten abfahre, da verlor sogar der letzte Gentleman seine Contenance und rannte kreischend über Gepäckberge hinweg den Bahnhof entlang.

Als ich in Manchester aufs Gleis fiel, folgte gerade die Durchsage, dass der gesamte Zugverkehr bis zum nächsten Mittag eingestellt sei. Ach, England. Dafür belohnte die Industrie-Kulturwandel-Kanal-Stadt die ausgehungerte Reisende auch mit reichlich chinesischem Essen – und mit herzallerliebster Gesellschaft aus dem hohen Norden.

Die nächsten 24 Stunden wanderten wir staunend durch eine Stadt, die sich zwischen putzigen englischen Gärten, siebenstöckigen Backstein-Prachtbauten, Glas-Beton-Schluchten, Gallerien, Katzencafés und Plattenläden nicht recht entscheiden kann, ob sie jetzt London sein will, oder Ostberlin.

Der Uni-Campus dagegen, der eigentliche Grund, für den es die beiden Besucher aus dem fernen Wales respektive Schottland, in den wilden Nordwesten verschlagen hatte, sieht surreal kitschig und verklinkert aus. Ich löste den Feueralarm in der Bibliothek aus und mein Reise-Begleiter stieß im Philosophie-Flur auf seine Dissertation an. Und am Ende saßen wir mit über dem Kanal baumelden Beinen in der Sonne nach Sturm, aßen eine Pastete und redeten über die Zukunft. Manchester, die Bindestrich-zwischen-Liverpool-und-London-Stadt. Und, offensichtlich, die Bindestrich-Stadt.

 

Wieder im Süden herrscht dafür noch immer der Sturm, der sich über der Swansea-Bucht festgefressen hat. Dafür plane ich meinen Geburtstag, mein nächstes Essay und das nächste halbe Jahr mit einem warmen Tee in der Bibliothek. 24h Öffnungszeit bedeuten auch, dass man hier warten kann, bis dreitägige Regengüsse vorbei sind – Ernährung liefern die Library-Cafeteria und die Schokoriegelautomaten und schlafen kann man auf den Sofas in den Gruppenarbeitsräumen. Wenn ich niemals die Bibliothek verlasse, vergeht draußen das Semester vielleicht langsamer und ich komme endlich mal wieder häufiger dazu, Geschichten von diesem Ende der Welt zu erzählen.

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