Panik ungleich Protest.

Kapitulation ist das schönste Wort in deutscher Sprache, aber über #Brexit kann man nicht nur auf Englisch singen. Danke Tocotronic, ihr Kinder der britischen Besatzungszone.  Ein martialischer und nervenzerreissender too long to read und too irrelevant to matter-Text. 

Glaube ich den Artikeln, die inzwischen täglich auf Süddeutsche.de und ZEIT erscheinen, befinde ich seit dem 19. September in Geiselhaft. Man gibt mir Essen, ein Dach über dem Kopf, ein warmes Bett, eine hervorragende Ausbildung, Ausblick aufs Meer, Freigang zwischen den Seminaren, manchmal sogar Alkohol und Liebe. Ich darf mit meinen Freunden und Verwandten telefonieren, von denen bisher niemand ein aus Buchstaben der Daily Mail zusammengeklebtes Erpresserschreiben bekommen hat.

Eigentlich sitze ich nur in meinem Zimmer, trinke Tee und höre David Bowie.

Als sich der großartige Sangeskünstler letzten Januar auf den Weg zu Major Tom machte, war Europa noch heil, zumindest an der Westküste. Abgesehen von einigen Neuankömmlingen, war die Union in etwa in der Form geblieben, die ich in der sechsten Klasse für Erdkunde auswendig gelernt hatte. Von französisch Guyana bis Utsjoki im Norden Finnlands war es, im Rahmen der Möglichkeiten einer Kriegs- und Globalisierungszerrütteten Welt, ein bequemer Status Quo für die glücklichen Nach-Wende Kinder, die sich ihr Wissen um Umbruchszustände in Christian Krachts Faserland angelesen haben.

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Dann starb Bowie, dann Prince, und dann saß ich morgens im Bus zur Folkwang Uni und las, dass die Briten für den Brexit gestimmt haben. Oder, weniger zivilisiert:

Dass eine der wichtigsten politischen Entscheidungen des Jahrzehnts von einem Haufen besoffener, fremdenfeinlicher NIMBYS (“Not in my backyard” – mein Lieblingsschimpfwort für xenophobe Ewiggestrige) getroffen wurde, die mal gucken wollten was man so als größtmöglichen Kollateralschaden verursachen kann. Und am nächsten Morgen googlten, was das eigentlich bedeutet, für ihre Kuhkäffer und Hafenspelunken.

Wie später bei 45 , oder am heimatkundlichen Lieblingsbeispiel der AFD zeigte sich, was stummes Kopfschütteln über sächselnde Mettigel-Nazis anrichten kann. Der Einfluss der Ignoranz und die zerstörerische Macht des Nicht-Wählens aus Bequemlichkeit brach über meine Timelines in meinen Alltag ein. Zuhause lag ein Umschlag auf dem Tisch, der mich einlud ab September in diesem failed state zu studieren.

Die Entscheidung trotzdem zu packen, fliegen und in Swansea glücklich zu werden, habe ich nie bereut. Aber sie war auch deshalb nicht leicht, weil die Brexit-Entscheidung meine Finanzierungspläne erst einmal über den Haufen warf. Inzwischen spiele ich mit dem Gedanken, nicht unmittelbar nach der Abschlussfeier nach Deutschland zurück zu kommen, sondern diesen Rosamunde-Pilcher-Britpop-Staat noch etwas länger zu genießen. Außerdem werde ich ja recht kafkaesk als Geisel gehalten, lässt man mich wissen. Angeblich nutze Theresa Mays Regierung die 3 Millionen EU-Bürger als Druckmittel in den Austrittsverhandlungen, heißt es gerne, gefolgt von beruhigenden Sätzen wie „EU-Bürgern in UK droht Chaos“.

Sechs Monate später ist der Ton schriller geworden, ohne Not, ohne Änderung am gesellschaftlichen Allgemeinzustand des schockierten Kopfschüttelns. Noch immer wird über das Datum verhandelt, an dem man anfangen will, sich darauf vorzubereiten, einen Antrag einzureichen, um in Verhandlungen einzutreten, die dann über Jahre dauern werden, nur um am Ende wahrscheinlich an den ohnehin Ärmsten ein Exempel zu statuieren. Klingt nach Bafög-Antrag und fühlt sich recht ähnlich an.

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Wie bei Bafög-Anträgen herrscht auch hier bei allen EU-Brexit-Themen nicht nur Verwirrung, sondern inzwischen blanke Hysterie. Gestern saß ich in der Bibliothek, versuchte zu verstehen, wie ich eine Sozialversicherungsnummer beantragen kann, als ein Facebookpost mit verlinktem Artikel auftauchte. Ich las die herzzerreißende Geschichte einer niederländischen Studentin, die sich nicht traut zur Beerdigung ihrer Oma nach Hause zu fliegen, weil sie ohne private Krankenversicherung nicht mehr einreisen dürfe.

Danach habe ich eine Panikattacke auf der Unitoilette. Danach google ich.

Stelle fest, dass die Einwanderungsbehörde dementiert und es nie einen Gesetzeserlass gab, der irgendetwas davon rechtfertigen würde. Der Artikel basierte auf einem Vorschlag eines besoffenen NIMBY-Lokalpolitikers, der gern alle 3 Millionen EU-Bürger zur privaten Krankenversicherung zwingen möchte. Wohl auch, weil er Anteile an einer privaten Krankenversicherung betreibt. Ich hörte auf, irre Facebokstories zu lesen. Hätte der besoffene, fremdenfeindliche NIMBY-Teil des Landes das im Juni auch getan, würden wir wohl nicht in diesem Schlamassel stecken.

In solchen Momenten fühle ich mich nicht als Geisel. Sondern als säße ich auf einem Kreuzfahrtschiff mit 3 Millionen anderen Passagieren fest. Man teilt uns per Funkspruch durch, dass zuhause die Reederei pleite gegangen ist und man auch nicht wisse, wie es weiter geht. Die Besatzung ist frustriert und verweigert die Arbeit. Die eine Gruppe der Passagiere flippt aus und will wahllos anfangen Umstehende zu lynchen, ein Teil guckt nicht vom Smartphone hoch und dann sind da noch die schrill Kreischenden, die die anderen aufheizen wollen, von Bord zu springen und zurück zu schwimmen. Also quasi wie auf jeder Kreuzfahrt in der Geschichte der Seefahrt.

Will ich Lügenpresse grölen und gemütlich die Beine hochlegen, während die EU langsam zerbröselt? Nein. Im Gegenteil, es gilt doppelt so viel zu lesen, den Guardian abonnieren und auf die Straße gehen, wenn Owen Jones dazu aufruft. Der Regierung ein Zugeständnis über den eigenen Bleibestatus abzuringen ist nicht zu viel verlangt. Aber Protest ist eben nicht das gleiche wie Panik und in Tocotronics ‘Kapitulation’ heißt es eben auch: Alle, die uns kontrollieren – sie müssen kapitulieren.

 

Drei  Gedanken am Rande und Ende:

1. Mein Trotz liegt ein wenig am Stockholmsyndrom für den unsichtbaren Geiselnehmer. Ich will nicht weg, mir dieses Land, diese Zeit und diese Erfahrung nicht von Nigel Farages Facebook-Blase zerrütten lassen. Und bin geschlagen mit dem unerschütterlichen Optimismus einer Familie aus Einwanderern und Auswanderern.

2.  (Wer übrigens wirklich in Geiselhaft zu sitzen scheint, ist der ehemalige taz-Korrespondent Deniz Yücel. Nur für die Perspektive und den adäquaten Gebrauch des Substantivs.)

3. Ich bin mir schmerzhaft bewusst, dass ich trotz der ausharrenden Kreuzfahrt-Situation immer noch auf einem hohen Turm aus Zucker und Privilegien sitze. Als Bürgerin eines der reichsten Länder der Welt in einem anderen der reichsten Länder zu studieren und in beiden wohl noch auf Jahre die Möglichkeit zu haben, zu arbeiten, zu leben, zu bleiben, ist ein absoluter Ausnahme- und Glücksfall. Ich bin nicht geflohen, habe die, die ich liebe nicht in Schutt, Angst und Krieg zurück lassen müssen. Es gibt ein Zurück, ein Zuhause und den Rest der Welt. In Panik zu verfallen, wäre angesichts all derjenigen, die von Bürokratieschlamasseln in einer vertrauten Sprache nur träumen können, schlicht und ergreifend geschmacklos.

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