Vorwärts ist keine Richtung.

Von drei sehr langen Wochen und der Frühlingsstille: Jetzt ein Fotoroman und ein bisschen pseudo-erleuchtetes Schwelgen.

Aus diesigem Winter wurde strahlender Frühling in Swansea. Aus meinen 23einhalb Jahren wurden 24. Irgendjemand hat einen EU-Artikel getriggert – was auch immer das bedeuten mag. Und ein Blog wurde schmählich vernachlässigt.

Nach drei Wochen die oben nach unten verkehrt haben, könnte ich mir ein langes Mea maxima culpa aus den Fingern schreiben. Hilft jemandem eine ausladende Liste meiner Abgabefristen? Es waren, ungelogen, die heftigsten drei Wochen des ganzen Auslandsstudiums. Aber am Ende steht eine kleine Erkenntnis, die ich in sechs Jahren selbstausbeutendem Limbo nicht zu stande gebracht habe.

Der Monat in Bildern: 

März war immer mein Lieblingsmonat. Hybrisch, vielleicht, weil ich im März Geburtstag habe und das heißt, dass eine ausladende Patchworkfamilie sich wochenlang an Geschenken überbot. Ich finde auch andere Menschen, die im März Geburtstag haben grundsätzlich sympathisch, Rudi Dutschke zum Beispiel. Außerdem wird es wärmer, Winterjacken bleiben im Schrank und man kann die ersten Ingwer-Rharbarerschorlen in der Sonne trinken. Die letzten Trantüten wachen aus dem Silvesterkater auf und der Karnevalstrubel ist vorbei.

März = Supermonat. 

Dieses Jahr hatte einen Berg Arbeit und Frustrationen in petto, die mich irgendwann um Mitternacht zum Strand haben spazieren lassen. Da saß ich eine Weile im Sand und grübelte in ungesunden Zirkeln: Dass das Semester noch unendliche sechs Wochen dauert und ich keinesfalls sechs Wochen in diesem Tempo weiterarbeiten kann. Und dass ich es nicht wahrhaben will, dass das Semester nur noch sechs Wochen dauert. Dass nach der Abgabe der letzten Arbeit ein dunkles unbekanntes Loch wartet. Dass ich dieses Studium nicht schaffe, weil ich nicht motiviert genug bin, weil ich keinen Job finde. Und dass ich keinen Job finden werde, weil ich das Studium nicht schaffe. Dass ich Bafög und Studiengebühren nur mit einem Job zurück zahlen kann, den ich hasse, also warum überhaupt studieren. Wollte ich nicht immer Hebamme werden, oder ist das nur, weil ich in meiner Tristesse 35 Folgen Call the Midwife am Stück geguckt habe? Dieser Zirkel drehte sich munter im Kreis und in immer wildere Richtungen.

Seit Anfang März hatte ich knapp 50 Seiten Essays und Marketingkampganen eingereicht, mir die Nächte mit der Volcano Fridays Planung um die Ohren gehauen, war zu Symposien, einem Konzert und zwei Gastvorträgen gegangen, nach Manchester und zurück gefahren, jeden zweiten Tag zum Training gegangen, hatte mich für Graduate Jobs beworben, mich bis aufs Blut in Facebook Gruppen mit anderen Exil-EU-Briten gestritten, eine Mandelentzüng erst verschleppt und dann zwangsauskuriert. Und darüber all die schönen, kleinen Details, Eisbecher und die ersten Spaziergänge in der Sonne als Punkte auf unendlichen To-Do-Listen gesehen.

Damit war ich, bis aufs letzte Detail der Mandelentzündung, in genau das Verhaltensmuster getappt, das ich seit Jahren kultiviere: Wenn Energie für die eine Riesenaufgabe da ist, generiert das bestimmt wie in einem Hybridmotor neue Energie für das nächste Riesenprojekt und das nächste, und die Abschlussarbeit und eine neue Sportart oben drauf.

Im letzten Jahr war ich so dankbar dafür, dass Swansea und seine pittoreske Küste mich ein bisschen zwangsentschleunigte, mir Zeit für Astapartys und verschlafene Sonntage gegeben hat. Dieses Semester wurde das Tempo angezogen und ich bin in die altbekannt Falle getappt: Am Ende des Marathons wird jemand mit einer Torte und einer Fanfare stehen und sagen: “Klasse, gut gemacht, ab jetzt hast du Ferien!”  Ich habe meinen Lieblingsmonat März in einer wirren Spirale aus Stress und Bibliotheks-Nachtschichten verbracht. Am Ende sickerte die Erkenntnis durch, dass ich noch nie Fanfaren, dafür gelegentlich Tinnitus-Piepsen gehört habe. Und keine Torte bekommen habe, egal wie lang die Listen und wie vollgeschrieben die Moleskine-Planer auch waren. Höchstens Eis wegen der Mandelentzündung, das mir jemand, der wundersamerweise nicht die Flucht ergreift angesichts meiner zwangsproduktiven An- und Abgespanntheit.

Am Ende war es meine iPhotos Bibliothek, die mir bei der Suche nach dieser tiefgründigen, neuen und hedonistischeren Lebensphilosophie half. Recherchierte Fotos für diesen Post und fand das hier:

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