Man kann den Erwachsenen nicht trauen. // 37 days to go.

Von chaotischen Hausaufgabenheften und dem Balanceakt zwischen Paris Geller, Fleabag und Kimmy Schmidt. 

Es sind tatsächlich noch…nur noch…immer noch… 37 Swansea-Tage, bis ein großer Koffer und ich mich auf den Weg ins Unbekannte machen. Gut, in diesem Fall liegt das Unbekannte in Nordrhein-Westfalen und ist erst einmal nur das neue Haus meiner Mutter. Aber unbekannt und bekannt sind ja eh bürgerliche Kategorien. Noch viel Unbekannteres liegt im Sommer nach meinem in sage und schreibe 37 Tagen anstehenden Heimaturlaub an. Bleibe ich für den Rest des Semesters in Swansea? Wird es Manchester mit meinem aktuellen Lieblingsboyfriend? Wird es dieser oder jene Traumjob, oder halt dieser oder jener Halbtags-Excel-Job? Bekomme ich endlich eine National Insurance Number? Zieht Großbritannien in den Krieg gegen Spanien und rekrutiert alle EU-Bürger unter 25 im Tausch gegen eine permanent residence card?

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Der Möglichkeiten gibt es viele, aber Sicherheit kennen wir Sandwichkinder zwischen Generation Y und Z ja eh nur aus der Bausparkassen-Werbung. Deswegen hat man uns ja auch mit Verve Wahrscheinlichkeitsrechnung eingebläut, bezeichnenderweise die einzige mathematische Disziplin, die ich jemals beherrschte.

Apropos Mathe und Zahlen:

Ich bin 24, habe graue Haare (aktuell 4), Falten (aktuell 1), Uniabschlüsse (aktuell 1, noch 1 Masterarbeit von der 2 entfernt), wirre biographische Irrfahrten (aktuell 2), Freunde mit Kindern, Eheringen, Drogenproblemen und Doktortiteln.  Im Moment habe ich das erste Mal seit – jemals – das Gefühl, mit mir und der Zahl in meinem Pass d’accord zu gehen.

Allerdings sehen meine Notizbücher immer noch so aus wie vor zehn Jahren.

Das gleiche unleserliche Geschmiere zieht sich seit meinem ersten Moleskineheft im Schuljahr 2007/08 über hunderte Seiten von Papier, vollgeklebt mit Flyern, tiefgründigen Zitaten, Geschenkideen für Weihnachten, Finanzplanungen, To-Do-Listen (Duschen, Essen, ans Telefon gehen – je nach dem welche irrsinnige Alltagsaktivität ich gegenwärtig am häufigsten vernachlässigt habe), Wegbeschreibungen, Herzchen und Sternchen für wichtige Termine, erste und letzte Dates (Samstag – Schluss machen, Sonntag – Tinder runterladen), mehrfach übereinander, untereinander, durchgestrichene Ideen, Pläne und Reiseziele, Hausaufgaben und Leselisten – unendliche Listen an Büchern. Über die Jahre wurde der Schreibbedarf so groß, dass ich von A5 auf A4 expandierte, um meine Uni-Nebenjobs-Wohnung-Putzen-Sozialleben-Bedürfnisse angemessen neben diverse Florence and the Machine-Zitate niederkritzeln zu können.

Und so sehr ich heute auch liebevoll durch meine Teenagerjahre auf Papier streiche, Freundinnen und ihre sakrilegischen Casper-Zitate wieder entdecke, umso genervter von mir bin ich, dass meine Planungen für meine Masterarbeit sich optisch wenig von denen für ein Erdkunde-Referat in der 11. Klasse unterscheiden.

  • Recherche Historical Background 

…steht da in einem Moleskine-Heft neben Dingen wie Vollkornnudeln bei Fitnesspal eintragen oder Wasserrechnung bezahlen; Aufgaben, die ich in der Zeit locker hätte zweimal erledigen können und die mich jetzt wahnsinnig ärgern. Meine Handschrift hat nicht unbedingt davon profitiert, dass ich keine Klausuren mehr mit Füller schreibe. Wahrscheinlich existiert sie inzwischen ausschließlich auf diesen Kalenderseiten und das am Rande des entzifferbaren Existenzminimums für Handschriften. Anders ausgedrückt: Diese Dechiffrierungsprofis aus dem Kalten krieg hätten ihren Spaß mit mir und meinem Gekrakel, das sich je nach Laune und Wochentag auch vollkommen willkürlich ändert.

Dieses leicht neurotische Hobby zieht sich recht beständig durch meinen Alltag. Angesichts der Tatsache, dass mir noch nie der Strom abgestellt wurde oder ich vergessen hätte zu dem Flohmarkt-mit-dem-coolen-Flyer-aus-der-Indie-Bar-mit-den-witzigen-Cocktails-wo-derTyp-mit-dem-Schmunzelhasen-Lächeln-seine-Nummer-draufgeschrieben-hat zu gehen, ist das System eventuell auch erfolgreich.

Ich bin tendenziell die eine Freundin, der alle sagen “Entspann dich doch mal, zieh mal hier dran, alles wird gut.” Wird es meistens auch, aber HÖCHST-WAHR-SCHEIN-LICH nur weil ich es meinen Moleskine-Kalendern so gut durchgeplant habe! An den meisten Tagen fühle ich mich eher zu über- und angespannt. Aber heute wäre ich gerne erwachsener. Würde nur mit schwarzem Füller in meinen eleganten schwarzen Kalender eintragen, wen ich in zwei Wochen zum Business-Brunch treffe. Oder wann ich nach Nicaragua ins Yoga-Spa-Retreat fliege. Oder was Erwachsene halt so machen. Hier gibt es den schönen Satz: “If you still call adults grown-ups, you’re not one of them yet”.

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Stattdessen sitze ich hier in einem Rock, den ich mir 2010 für eine unfassbare Summe Geld gekauft habe, einzig aus dem Grund, dass er meinen Vater wahnsinnig machen würde mit seinem esoterischen Blumengeflatter. Vermisse meine beste Swansea-Freundin, um mit ihr über das Kleid zu lästern, dass die Doofe in der Bib, die immer so laut atmet anhat. Bin schwer traurig, nicht Mamas Oster-Hefe-Zopf essen zu können, sondern an meiner Masterarbeit (s.o.) zu schreiben – was ich nur tue, weil neben mir in einem vollgekritzelten Hausaufgabenheft mit grünem Textmarker markiert steht: Library 4h  3h,   2H MA!!!!!

Ich werd mich nie verändern, habe ich mal unter einen Post über meine Lieblingsstadt in Nordrhein-Westfalen geschrieben, ganz der alte Tocotronic Fan. Warum auch? Mit Paris Gellers Gelassenheit, Fleabags inneren Monologen und Kimmy Schmidts Hausaufgabenheften hat bisher noch alles geklappt – irgendwann vielleicht sogar das Erwachsenwerden.

9 Kommentare

  1. Mit großem Vergnügen gelesen, sende fröhliche Grüße nach Wales und winke mit ebenfalls seit 1000 Jahren in ähnlicher Manier vollgekritzelten Notizbüchern in allen Größen und Farben 😉

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