I rock a lot of polka dots! // Shopping-Detox 2017.

Gerade könnte ich mich durch 10 Tonnen Vintage Klamotten wühlen, die zum Kilopreis im Lagerhallenausverkauf rausgeschleudert werden. Stattdessen sitze ich bei Lemongrass-Ingwer Tee und Welsh Cakes bei Waterstones – denn wenn schon in einer Buchhandlungskette, dann wenigstens in der Schönsten der Welt. Hier in Swansea im alten Opernhaus auf der Oxford Street zu finden, falls mal jemand fragt.

Hier rein bin ich nur geflüchtet, weil es das einzige war, was mich vom 10 Tonnen Vintage Klamotten kaufen abgehalten hat. Bücher staunen statt polka dot-Kleider kaufen. Um es mit Zoé Deschanel zu sagen: I rock a lot of polka dots.

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Ich rocke noch eine ganze Menge mehr: schrullige Blazer, die eigentlich nur zu viktorianischen Picknick-Reitausflügen passen würden. Paillettenkleider, Partykleider, Gartenhochzeit-entfernter-Verwandter-Kleider, evangelische-Kirchen-Hochzeit-ehemaliger-Mitschüler-Kleider, Mad Men Röcke, Satinflatterblusen, überteuerte Blumenröcke, zehn Jahre alte Bandshirts, Band Aid Shirts, übergroße Ex-Freund-Shirts, Motto-Party-Astronauten-Anzüge…. mein Schrank ist voll und ein Keller zu Hause ist noch voller.

Was ich nicht so rocke: Ausgeglichene Konten oder normalen Konsum. Wenn man mich in einer x-beliebigen Innenstadt aussetzt, fühle ich mich noch immer wie ein schwänzender Teenager, der mit gutem Gewissen alles Taschengeld für Starbucks Kaffees, ein neues paar Chucks und drei zu enge H&MT Tops ausgeben darf. Darf ich auch immer noch. Hindert mich niemand dran. Ich darf auch all die wunderbaren, schrägen, kreativen Onlinestores leer shoppen bis mein Kreditkartenchip ob der interkontinentalen Warentektonik zerspringt.

Das einzige Problem: Mein Stauraum (wenig) und Studenten-Einkommen auf Auslandsbafög-Basis (vielleicht sogar nich weniger).

Und dann ist da noch der Rest: Die Produktionsbedingungen. Das Lohn-Preis-Gesundheits-Klima-Dumping. Die Ungeheuerlichkeit, die sich Primark nennt. Allein die Vorstellung, wie weit so ein trotteliges H&M Top verschickt wird, damit ich es in einer Schublade zusammenknülle und irgendwann wegwerfe.

 

Jahr ohne shoppen

Außerdem: Will ich das wirklich kaufen? Oder wirkt da einfach nur das nicht endendes Werbe- und Sex and the City-Narrativ, dass sich Frauen nach einem tollen Tag im Büro oder einem beschissenen Tag im Büro, oder einfach so, oder mit ihrer lobotomiert-giggelnden-Clique mit H&M-Tops zu belohnen hätten? Um dann zuhause Sektchen und Schoko-Erdbeeren zu futtern, sich bis zu den Schultern mit Gillettes Hilfe delfinweich zu enthaaren und sich dann in besagtem H&M Top auf dem Bett zu räkeln? Finde ich all die süßen kleinen Tops und Blusen und Röcke und Cardigans und Shorts und Übergangsjacken und Sommerkleider wirklich schön oder wirkt da irgendein mentales Werbe-Glutamat, das sagt: Komm, du hast doch letztens das Essay pünktlich abgegeben, belohn’ dich mal!

Nach dem ich letztes Jahr wiederholt Albträume hatte, all meine Klamotten in Sekundenschnelle einpacken zu müssen und keine Koffer zu finden, hatte ich genug. Meine liebe und noch mehr polka dots-rockendere Freundin Yasemin hatte es im Jahr zuvor vorgemacht und überlebt – dann würde ich das auch schaffen.

Shopping-Stop. Klamotten-Kur. Polka Dot Detox. 

Seit Silvester 2016/17 habe ich mir nichts Neues mehr zum anziehen gekauft. Und es bis heute nicht einmal besonders bedauert.

Abgesehen von einem David Bowie Gedenkshirt habe ich bis jetzt offen und ehrlich nichts vermisst. Vielleicht weil Swansea, anders als, sagen wir mal London, jetzt auch nicht der Traum jedes Polka-Dot-Vintage-Girls ist. Aber auch online beschränke ich mich darauf, mir fiktive Warenkörbe zusammen zu stellen, die ich nächstes Jahr kaufen würde – und die ich am Tag darauf schon wieder vergessen habe – so groß kann die Begierde also gar nicht gewesen sein.

Dieser Deal hat ein paar Bedingungen: Unterwäsche und Socken sind aus ersichtlichen Gründen ausgenommen, und mein loyaler kleiner Bruder schickt mir täglich eine SMS um mich an den Deal zu erinnern, falls sich ein Sommerkleid in einer unbedachten Minute von hinten an mich heranschleichen sollte.

Nur heute ist es schwer. Kilopreis. Vintage. So.viel.Auswahl.

Deshalb verbringe ich meinen Nachmittag bei Waterstones, der Kette, die während der London Riots nachts ihre Läden offen ließen, weil sie sagten: “Wenn die Randale-Kids Bücher stehlen wollen, sollten sie dafür nicht einbrechen müssen – Bildung für alle”. Es wurde zwar kein einziges Buch gestohlen, aber abgesehen davon was es der wohl nobelste PR Stunt des Jahrzehnts.

Also trinke ich hier meinen Tee und denke über all die Bücher nach, die ich mir kaufen kann, weil ich das Geld nicht in Klamotten investiert habe, die ich dann doch nicht trage. Wobei die hier auch Jane Austen T-Shirts verkaufen… achjeh.

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