Familienfest im Grünen. //1704.

…allen anderen einen sonnigen Ostermontag, ohne Wagner, Pudel und Erdgeister, dafür mit Eierlikör & Hefezöpfen; meiner treuesten Leserin allerdings: 

Liebste Mama, mummy dearest,

Happy Birthday! 

Aus der viel zu weit entfernten Ferne dieses Mal: Alles Liebe zum Geburtstag aus Wales! Ich bringe Pimms und Cadbury und irische Teacakes und walisische Osterglocken mit, sobald man mich hier weglässt.

Ich kann mir gar keinen 17. April vorstellen, an dem ich mich nicht morgens aus dem Bett schleiche, ungenießbaren Kaffee koche, Brötchen aufbacke und schwer mitgenommene Blumen vom Vorabend hinter einem Bücherregal hervorziehe um sie auf den Küchentisch zu stellen.

Ich kann mich an einen 16. April am Anfang des Milleniums erinnern, an dem du Finn und mich mit einer Kordel am Gürtel zusammengebunden hast, weil ich darauf bestanden habe, ohne Aufsicht ein Geburtstagsgeschenk kaufen zu gehen und du Angst hattest, dass ich meinen kleinen Bruder in der Innenstadt verliere (oder in Madita-Manier in einem Brunnen versenke).

images

Ich kann mich an den ersten Kuchen erinnern, den ich dir backen durfte: Maulwurfskuchen, eine bizarre Dr. Oetker-Mischung, für die man nur Bananenstücke auf einen Bisquitboden legt, sie mit steifgeschlagener Sahne überzieht (denn wer wird nicht gerne am Geburtstag vom Küchenmixer aufgeweckt und findet eine Küche voller Sahnetropfen), und dann Schokokrümel drüber verteilt – weil es der einzige Kuchen war, für den die Fünf-Sechs-Sieben-Jährige nicht den Herd anschalten musste und so am Geburtstagsmorgen wohlmeinend das Haus anzündet.

An unzählige Jahre, an denen sich rund um Ostern deine verrückte Schwestern-Bande mit all ihren Männern, Kindern und Hunden in unsere winzige Dachwohnung gequetscht hat, die mir damals so riesig vorkam. An das Jahr, in dem der isländische Vulkan den europäischen Flugverkehr lahmgelegt hat und es an deinem Geburtstag keine Kondensstreifen am Himmel und keine Flieger Richtung Düsseldorf über dem Dachstuhl gab.

An so viele Pralinen, Kuscheltier-Schlüsselanhänger, englische Krimis, Tees, White Musk-Bodylotion Sets und nie eingelöste Gutscheine, die ich dir geschenkt habe – um irgendwie in Geschenkpapier einzuwickeln wie lieb ich dich habe und wie sehr ich dich für alles bewundere, was du bist und schaffst.

images-1

Was ich nie verstehen und der dahinter steckenden Großbürgerlich- und Kleingeistigkeit niemals verzeihen werde, ist, dass  Alleinerziehend als Stigma gilt. Triathlon-Gewinner bekommen keine Stigmata, sondern Medaillen.

Disziplin1: Drei Mal die Woche den Wuppertaler Ölberg hochlaufen, mit kiloschweren Einkäufen und zwei auf höchster Frequenz streitende Kinder im Schlepptau.

Disziplin 2: Weihnachten und Geburtstage magisch mit Glitzer zu überziehen, auch wenn das Konto keinen Cent mehr hergibt.

Disziplin 3:  eine ganze Epoche lang immer wieder gegen irrsinnige Mühlen aus Bürokratie, unerfüllbaren Erwartungen und toxischen Beziehungen ankämpfen.

Gold in allen drei Disziplinen. Jeden Tag aufs Neue. 

20 Jahre später stehst du da, ohne Medaillen, aber mit zwei erwachsenen Kindern, einem nachgeholten Einser-Uniabschluss und einer unerschöpflichen Menge Großzügigkeit, Toleranz, Neugierde, Streitlust, Mut, Intellektualität, und Liebe. Unglaublich.

a6ee293392dc7ca1ffb33a9fd37f81e0.jpg

Ich poste hier so viele Gilmore Girls-Bilder, weil es so niedliche Symbole und Erinnerungen sind, wie wir bingewatchend mit Herzschmerz und einem Riesenpappkarton von Café Perfekt auf meinem Bett liegen.

Aber es ist auch ein bisschen irreführend, weil dieses zuckerüberzogene Sepia-Städtchen, dessen größte Dramatik im Jess-Dean-Konflikt liegt und in der Opa im Zweifelsfall das Auto und das neue Haus bezahlt, weit weg ist von unserer Wuppertaler Realität. Das ist auch okay.

Gib mir die Wahl und statt Poptarts, Marshmallows und MacNCheese nehme ich dm Vollkorn Bratlinge, die Bananenchips auf den skurrilen Yogafestivals und deine Spinatlasagne.

Jeden Tag. Always.

Happy Birthday! 

Unknown

12 Kommentare

  1. Für zwei Dinge danke ich dir. Der Tatsache, dass du in der Geburtsstadt meines Heros der Poesie lebst, mittelfristig zwar, aber immerhin bist du in dieser Zeit meine Augen , die mich mit wunderbaren Worten geschmückt an Wales zurück erinnern. Der Hinweis auf die Gilmore Girls, der in den Zusammenhang deines Beitrags hineingeflochten ist, erzeugt in mir ein wohliges Gefühl und den Gedanken von der segensreichen moralischen Wirkung der Sentimentalität. Stars Hollow for everyone.

    Best regards

    Achim

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s