Der Teufel hat Winterdienst. // The Burnside Challenge.

Während sich die Ordner und Essays stapelten und das Chaos regierte, blieb am Jahresanfang keine Zeit für den digitalen literarischen Salon, der sich Burnside Challenge nennt. Vielleicht lag es auch an meinem Seitensprung mit Paul Celan&Ingeborg Bachmann, an meinem Flirt mit Zadie Smith und dem Ausflug nach Polen mit Wioletta Greg. 

Aber mein kleines Lieblingsprojekt habe ich nicht vergessen, es musste sich nur eine Weile gedulden. The Devil’s Footprints (2008) habe ich nämlich schon im Februar gelesen – jetzt ist es April, der Jahresanfang ist vorbei und der Sommer am Meer schon fast zu riechen.

Die teuflischen Fußstapfen sind das etwas eingeschüchterte Stiefkind von Vladimir Nabokov, Stephen King und der Brüder Grimm. 

Mit einem diffusen mystischen Intro auf der Schottischen Halbinsel Fife beginnt ein Roman, der auch eine großzügige Novelle sein könnte. Der Erzähler lässt uns an der alten Folksaga teilhaben, nach der der Teufel nachts durch den Schnee stapft, animalische Spuren hinterlässt, Wände hochläuft und Tiere reißt, aber nie zu sehen ist.

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Held der Geschichte ist jedoch nicht der Teufel, sondern ein gelangweilter Mann in einer langweiligen Ehe namens Michael Gardiner. Gut gepolstert lebt auf dem finanziellen und intellektuellen Nachlass seiner Eltern, einem Künstlerehepaar, das in der Schottischen Provinz einer Art rituellem Elitenhass ausgesetzt war. Seine Frau arbeitet zu seinem Unverständnis, lädt laute und uninspirierte Freunde zum Essen sein, deren Anwesenheit Gardiner so wenig erträgt, dass er lieber im Hemd auf der verschneiten Terrasse auf ihre Abreise wartet.

Mit nicht viel mehr als Kindheitserinnerungen und Osmose beschäftigt, wandert Gardiner beständig durch das Haus, das die Elterngeneration als warmes Nest voller Bücher, Malerei und Fotografie gebaut hat, und das er mit nichts zu füllen weiß; weder Kinder noch eigene kreative Projekte erscheinen ihm erstrebenswert.

 

In der Lokalzeitung ließt Gardiner eines Morgens von einer Familientragödie

Seine Ex-Freundin hat sich das Leben genommen und den Suizid um ihr kleinen Söhne erweitert. Einzig die verdächtig kurz nach der Trennung geborene Tochter im Teenager-Alter überlebt. Während das Dorf noch Schuld und Sühne austariert, steigen in Gardiner Erinnerungen hoch, die er lange in einem grauen Schleier aus Langweile unterdrückt hatte:

Eine alte Dame, die ihn mit Kuchen und Empathie in ein Häuschen lockt, das
beinahe nach Lebkuchen riecht. Ein Bully in der Schulklasse, der ihn demütigt, aber
leider nicht schwimmen kann. Immer wieder driftet die Erzählung auf eine märchenhafte Horrorfilm-Ebene, auf der individuelle Trauer oder Traumata von Sagen und Vermutungen über teuflischen Einfluss verdrängt werden.

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Gardiner beginnt Hazel, der Tochter seiner Ex-Freundin, durchs Dorf zu folgen, in den Blumenladen, durch den Park, bis vor die Schultore. Dass sie auch seine biologische Tochter sein könnte, ist ihm vage bewusst, größere Interesse weckt die Frage allerdings nicht in ihm. Stattdessen sitzen die beiden auf Bänken und in seinem Wagen, sprechen mal mehr mal weniger und planen die Flucht von der Halbinsel und der Vergangenheit. In teilweise überdeutlichen Anspielungen auf Nabokovs Lolita brechen dieser blutleere Humbert Humbert und seine potenziell inzestuöse Affäre eines Morgens auf und fahren über die große Insel Großbritannien.

I was pretty difficult to be around: a sardonic, selfish man who knew exactly how self he was being, yet pretended that everything was fine – the cat’s pyjamas, hunky dory, comme il faut.

Gardiner diagnostiziert treffsicher seine Unausstehlichkeit, aber der verdorbene Charakter wäre nur halb so anstrengend mit ein paar Quäntchen Leidenschaft. So sieht er ratlos zu, als sich seine Lolita-Hazel mit einem adretten Punk auf einer Kirmes anfreundet, wundert sich kaum, als die beiden am nächsten Morgen sein Auto stehlen und nur einen Brief zurücklassen. Als er am Ende seines Gangs nach Canossa wieder vor seiner Haustür steht, hat auch die ebenso blutleere Ehefrau ihre Sachen gepackt und einen Brief hinterlassen.

Dafür, dass  am Ende die große moralische Frage über dem Dorf schwebt, ob der Teufel nicht auch der nette Nachbar von nebenan sein kann, der sich durch den Schnee schleppt, ist Gardiner leider das falsche Ansichtsexemplar. The Devil’s Footprints war bisher das schwächste Glied in der John Burnside-Kette. Aber Something like happy liegt schon bereit.

Alle anderen gibt es hier:

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