Der Status Quo // Sweet Disposition.

Willkommen zum Quartalsrückblick, ist klausurrelevant. Hefte auf, Kerzen und Lagerfeuer an, das waren die ersten einhundertfünfzehn Tage des Jahres: Zeitversetzt, aber in technicolor aus London, Swansea, London, Swansea, Shrewsbury, Manchester, Swansea, Manchester, Swansea und St. Andrews. 

Ich hab dieses Jahr so viel und so wenig erzählt. Viel vom Stress und dem meta-buddhistischen Selbstfindungsversuchen im März. Vom Brexit, meiner Mama, von London und von Volcano Fridays, dem wilden Literaturfestival, das jede Woche aufs Neue für Trubel sorgt. Aber wo ich doch nur noch vier Wochen Studentenleben und Uni-Alltag vor mir habe, fällt mir so auf, dass für kleine Alltagsbeschreibungen und das große Gesamtbild gar keine Zeit blieb.

Logbuch 1. Januar – 25. April 

Den Januar verbrachte ich komplett in der Abgas-Metropole London. Silvester und Neujahr begannen mit Schokolade, Sekt und Auld Lang Syne in der Wohnung einer Freundin einer Freundin. Mit Konfettischnüren behangen lagen wir uns in den Armen.

Später zeigte ich der britischen Partycrowd, wie man sich in Deutschland die Neujahrsnacht um die Ohren haut, wenn man zehn Jahre alt ist und es in der Micky Maus ein Bleigießset als Beilage gab. Also tropften wir schwarze Flecken auf einen sehr weißen Teppich und lasen die rosige Zukunft aus allerhand surreal geformten Vögeln und Ästen aus Blei.

Es folgten vier Wochen, die ich gefühlt zum Großteil in der Tube verbrachte. Ich kann die Stationen zwischen North Greenwich und Hammersmith immer noch auswendig, es sind viele. In London war ich für ein Agenturpraktikum, das mir zumindest meine Angst vorm telefonieren auf Englisch nahm. Wenn du eine Excelliste mit 35 Journalisten vorgelegt bekommst, die du bis zum Mittagessen anrufen musst um ihnen eine Story über einen Treppendesigner zu verkaufen, verlierst du nicht nur den Glauben an die Menschheit sondern auch die Sorge, eine +44 Nummer zu wählen.

Die restliche Zeit wanderte ich durch Museen, Gallerien und Cocktailsbars, sehr froh über meine beste Londoner Freundin, die bizarre Salons in alten Opiumspelunken und Orte wie die Poetry Library kennt. Mit liebem Besuch aus Deutschland schlenderte ich durch Greenwich, Hackney und über die South Bank und realisierte trotzdem jeden Tag, dass London als Touristin großen, als Bewohnerin eines meilenweit entfernen Randgebiets eher weniger Spaß macht. Meine Reihenhaussiedlung, in der ich ein AirBnB Zimmer bei einer Hebamme und einer Zeugin Jehovas gebucht hatte (unwissentlich) lag auf halber Strecke zwischen St. Pauls und Dover. Dass dann auch noch Smogalarm ausbrach und ich abends mit Atemnot röchelnd auf dem Bett lag und den Geschmack von Dieselmotoren auch nach zehnminütigem Zähneputzen nicht aus dem Mund bekam, habe ich London nie ganz verziehen.

Februar – The Girl with the Striped Blouse 

Im Februar ging das Semester wieder los:

Montags hatte ich ein jeweils fünfstündiges Film-Modul, das zu einem Drittel aus Theorie, einem Drittel aus Kamerapraxis und einem Drittel aus Filmschnitt bestand. Als Abschlussaufgabe müssen wir in 5er-Teams eine Dokumentation drehen, unsere Gruppe hat wochenlang verschiedene Aspekte des LGBT+ Alltags auf dem Campus verfolgt. Unglücklicherweise drückten sich alle vor dem ersten Interview mit einem der wellfare-Officer weg, sodass mir nicht nur der dankbare Job der Moderatorin des ganzen zu fiel, sondern ich auch ab da jede einzelne Woche das gleiche tragen (eine schwarz-weiß gestreifte Bluse) und meine Haare im gleichen wuscheligen Dutt knoten musste, damit es nachher im Film kein Kontinuitätsproblem gibt. Die Bluse schmeiße ich vielleicht einfach weg, so satt habe ich sie.

Dienstags gab es ein Seminar zum Thema Professional and Promotional Writing, das eher ein Parforceritt durch Textsorten, Übungen un Rhetorik wurde. Dafür mussten wir aber regelmäßig Kampagnen schreiben, Flyer und Poster designen und fiktive Meetings protokollieren, sodass es zumindest ein kreatives Vergnügen wurde.

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Mittwochs gab es wöchentlich eine zweieinhalb stündige Sitzung mit dem gesamten Jahrgang im Media&Communications Department, bei dem wir unsere Masterarbeiten be- und durchsprachen. Gelegentlich schneite ein Bibliotheksmitarbeiter herein, der uns mit Datenbanken und Pro-Quest-Content-Analysis-Tools quälte und gelegentlich guckte jemand hoch und sagte: “Aber ich hab doch schon eine Bachelorarbeit geschrieben, wieso denn jetzt schon wieder?”.

Der spaßigste Teil des Ganzen ist eigentlich, dass die letzte große Arbeit des MA-Programms hier dissertation heißt und es einfach sensationell viel cooler klingt zu sagen, dass man in der Bibliothek sitzt, um an seiner Diss zu arbeiten. Für jeden dieser Kurse musste ich alle drei Wochen eine ca. 2000 Worte lange Arbeit abgeben, was machbar war, aber auch keine Zeit zum Durchatmen ließ. Morgens die erste Kampagne einzureichen und dann im Anschluss direkt die zweite durchzusprechen war kein großes Vergnügen.

Volcano Fridays – World Voices 

Mitte Februar fing ich an, überdurchschnittlich viel Zeit in die PR und Kommunikation eines multilingualen Kulturfestivals zu stecken. Mit täglich über 20 mehrsprachigen Emails, Organisationstreffen und einer pulsierenden Facebookseite, die ungünstigerweise an mein Privatprofil geknüpft ist, so dass ich ihr niemals entkommen kann, war das schon ein ziemlicher Berg. Seit knapp vier Wochen läuft die Eventreihe und ehrlich gesagt ist es eine meiner liebsten Swansea-Erinnerungen geworden, so eine familiäre und fröhliche Truppe ist da zusammengewachsen und trifft sich einmal die Woche für Ausflüge in chinesische Poesie oder Kurdische Theaterstücke.

Mit meiner Lieblingskommilitonin Natasha fing ich an, regelmäßig ins Uni Fitness Studio zu gehen – am ehesten kommen da Erinnerungen an den Schulsport hoch, weil wir einen unendlichen zähen langen Weg über den ganzen Campus brauchen. Als unsere Sporthalle damals für einsturzgefährdet/asbestverseucht / sonstwie untauglich erklärt wurde, musste der Kurs auch immer durch die halb Stadt wandern, was selbstverständlich zu Fluchtversuchen meinerseits führte. Jetzt gehen wir freiwillig, nur um bei Zombies,Run weiter hören zu können.

Die Uni liegt seit Ende März frühjahrsmüde herum: Drei der fünf Coffeeshops und Cafeterien haben geschlossen, der Buchladen ebenso und der vegane Imbisstand auch. Die Erstsemester sind nicht mehr klein, dafür umso hektischer und man wird ständig gefragt, ob man denn auch schon einen Job nach dem Abschluss hat. Meine französische Mitbewohnerin ist seit Wochen nach Frankreich verschwunden, hallelujah. 

Und der Rest?

Ich ging zur Aufführung der Vagina Monologues im Februar und auf eine Glitter Party und eine Silent Disco in Sin City, schaute Fantastic Beasts im winzigen Uni Kino, hörte ein Britten & Shostakovich Konzert vom BBC Wales Orchestra, einen fürchterlichen Germanistik-Vortrag, eine Lesung mit dem unglaublich talentierten Grief is the thing with feathers-Max Porter, aß mit Natasha zu ihrem Geburtstag um Mitternacht Kuchen am Meer, ließ mir die Nase piercen, verbrachte einen schillernden Sommertag mit Picknick am Strand, frühstückte Süßkartoffelpommes bei Uplands-Diner, besuchte das Swansea City Museum, das eher eine Geisterbahn ist, und die Vivian Glynn Gallery, die in einer sonnigen Stadtvilla liegt, fuhr dreimal nach Manchester und flog nach Schottland.

Ein Quartal 2017 ist rum, und wenn morgen Weihnachten wäre, ich wäre nicht überrascht. Ich muss doch noch lernen, Welsh Cakes zu backen, eine Melone vom Uni-Dach werfen und eine Nacht in unserer 24h Bibliothek verbringen, bevor das alles hier vorbei ist. Auf mich warten noch vier Wochen Swansea, dann geht es ersteinmal nach Hause, Weißweinschorle trinken und von der Ferne schwärmen. Was der Sommer bringt, und wohin, das bleibt noch spannend.

Aber gerade bin ich bei meinem Lieblingsboyfriend in Schottland zu Besuch, war in Will&Kates Lieblinglingspancake-Café und in der alten Kirche, die zum St.Andrews-Postgraduate-Lernzentrum ausgebaut wurde.

Später mehr von dieser anderen Küste, bis dahin, XOXO

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