Such great heights. // Scottish Fiction.

This is St. Andrews calling – Ein Überraschungsgast in Swansea, ein Flug in den hohen Norden und royale Pancakes. 

Lange habe ich mich gegen Osterferien gewehrt – ich fahre ja schon Ende Mai für zwei Wochen nach Hause und im Rausch der Abgabefristen zog Ostern ohne größere Spuren an mir vorbei, einzig mein Facebookfeed überbot sich an Cream Eggs (“Geil oder nicht Geil? Von Cadbury? BREXIT!!1!!”). Volcano Fridays hatte gerade erst angefangen und es eigentlich wollte ich die drei vorlesungsfreien Wochen tief in der Bibliothek unter einem Stapel Masterarbeitsbücher verbringen. Ich wollte morgens meine Büchertasche packen, ein bisschen Paprika-Couscous mitnehmen und mittags mit Natasha auf der Sonnenterrasse der Uni snacken, das Meer zur Linken und den Asbest-Medizintower zur Rechten.

Aber dann saß ich Freitag in Swansea in der Jura-Bibliothek, arbeitete an einer Tabelle und plötzlich tippte mich jemand auf die Schulter. Und Montagabend stand ich in Schottland im Schneesturm. Diesen Post schreibe ich aus der umgebauten Kirche Martyrs Kirk in St. Andrews, im schummrigen Licht der Bücherregale auf der Kanzel.

Ich wollte immer meine Tasche packen und einfach fahren, mir selbst Urlaub verdonnern und gucken, wo man rauskommt. Das habe ich bisher einmal gemacht und bin bis Bochum gekommen.  Wollte die To-Do-Listen und irren Kalender auf dem Schreibtisch lassen und ins Blaue reinfahren und planen.

Am Freitag drehte ich den Kopf, und blickte in das letzte Gesicht, das ich in Swansea erwartet hätte. Plötzlich umarmte mich mein Lieblingsboyfriend und mir liefen die Tränchen übers Gesicht, vor Verwirrung und Spontaneität und Freude. Fernbeziehungen sind ja insoweit toll, dass sie alles intensivieren, die Zeit in der man sich sieht und das Wiedersehen. Wenn man sich eine Dreizimmerwohnung teilt, fällt man einander ja eher selten schluchzend nach einem Tag im Büro in die Arme. Der Preis, den man zahlt besteht aus schlechten Skype-Verbindungen, missverstandenen Whatsapp-Texts und längeren, genervteren Streits.

Lieblingsboyfriend macht seinen Master in Philosophie in St. Andrews, der Nobel-Zauber-Uni im schottischen Niemandsland und ich könnte auf alle schottischen Dorfschönheiten nicht eifersüchtiger sein, als auf die Tatsache, dass sie einen Festsaal mit Porträts ehemaliger Rektoren haben und fancy Studenten gowns zu allen Gelegenheiten tragen dürfen.

Wir hatten uns im Januar in London gesehen und im März in Wales. Ich plante eine schluchzende Wiedersehensszene an einem Bahngleis Ende Mai. Und dann stand er in Swansea hinter mir und sagte nur: “Ich hab meinen Flug verpasst und deswegen den Zug genommen und da war die Klimaanlage kaputt und ich bin komplett durchgeschwitzt”, ich  sagte “Psscht” (wir waren ja in der Bibliothek) und dachte “Passt, ich hab mir die Beine nicht rasiert.”

Wir verbrachten ein wunderbar sommerliches Wochenende in Swansea, mit allerhand Touristenprogramm, im Stadt Museum, das eher eine Geisterbahn ist und in der Vivian Glynn Gallery, die in Wahrheit eine Industriellenvilla voller Nippes ist.

Montagmorgens lagen wir auf dem Bett, er suchte nach Zügen zum Flughafen am Abend, ich dachte an Abgabefristen, meine fertig geschriebenen Essays, und seine Zauberschule im Norden, die ich aus Zeitmangel nie besucht hatte. Ich dachte an Ostern und Ferien und wie sehr ich mich gefreut hatte, spontan Besuch und Zeit zu zweit zu haben.

Und abends saßen wir zusammen an Gate E am winzigen Cardiffer Airport. Ich sah Swansea und die ganze Bucht von oben, bevor das Flugzeug zu hoch stieg. Und die gesamte Edinburgh-Bucht in einem gewagten Flugmanöver. Samstag hatte ich im Sommerkleid am Meer gesessen, Montagabend in Schottland standen wir im Schneesturm.

St.Andrews ist eine mittelalterliche Kleinstadt, die ausschließlich aus grauen Sandsteinhäusern, Gässchen, Kathedralen und weit verteilten Uni-Gebäuden besteht. Als hätte Schottland international im Caracassone-Spielen gewonnen. Die Stadt wird ausschließlich von Studenten bewohnt, und gefühlt jeder dritte ist Deutscher Businessstudent, auf der Suche nach Hochadel zum Einheiraten.IMG_4263

Was man hier als Businessstudent lernt, ist mir unklar, Schottland hat nämlich nur Spielgeld.

Jedenfalls, Dienstag frühstückten wir Pancakes by Northpoint, wo Wills&Kate ihr erstes Date hatte. Heute Abend gehen wir in dem Bistro essen, in dem sie ihn damals verlassen hat.

 

Die Stadt liegt, genau wie Swansea, direkt an der Küste und ein Spaziergang durch die Ruinen des Stadtschlosses führt zu Klippen und der stürmischen Nordsee, Dünen und einem Yacht-Hafen. Er schreibt in seiner Kirche an seinem Philosophie-Abschluss und sieht die Ironie nicht, während ich am Meer meinen Urlaub und meine durchgeknallte Spontaneität genieße

Morgen gucken wir uns zusammen Edinburgh an – und ich halte Lieblingsboyfriend von seinen letzten Essays ab, genau wie er mich von meinen weggelockt hat. Tit for tat beim Glücklich sein.

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