10 Things I love about you, Swansea.

One day, sugarbabies, we’ll be old.  Alt und nicht mehr in Swansea, nicht mehr mit Essays und Gin beschäftigt. Zeit, sich zu fragen, was man dann vermissen wird. 

Mit dem Wonne- Sonne- Wundermonat Mai beginnt auch mein letzter Swansea-Uni-Monat. Auch wenn es heute schüttet wie aus tiefen, tiefen walisischen Brunnen, ich bin schon mal vorsorglich traurig. Meine liebe Natasha, die ein noch seltsameres Kalendersystem pflegt als ich, kam heute aus Canterbury zurück, saß neben mir in den großen und immer noch Oster-leeren Cafeteria und fragte zum 101. Mal, wann ich nach Hause fahre, und wann wieder da bin. Nach Hause in drei Wochen, sagte ich geduldig, sie zückte den Kalender und stellte fest, dass sie das Datum schon dreimal aufgeschrieben hatte. Und zurück? Mal sehen. Im Juni steht erstmal Manchester auf dem Programm, wie und wo genau aber noch in den Sternen. Und da hatten wir beide Tränchen in den Augen, sie murmelte “Ich dachte, das wäre noch weiter weg”, ich nuschelte “wir müssen doch noch so viel machen, und sehen, und herumfahren, wie früher.” Ein Alltag ohne Swansea? Denkbar. Aber holla, werde ich jetzt schon heimwehkrank in Gedanken an den Ort, an dem ich das heftigste Heimweh aller Zeiten hatte.

Also, ich breche meinen Listen-Schwur und sage: 10 Dinge, die mir schmerzlich an dir fehlen werden, Swansea. 

  1. Die Swansea-Gang. 

Natasha, unsere unendlichen Sandwich-Pausen, die 1001 Sojamilchkaffees, die Roadtrips, die durchgetanzten Nächte. Abi & die PR-Girls – meine sehr blonden, giggeligen und duschgeknallten Kommilitoninnen, die allesamt schwören, dass wir für immer Freunde und in dieser einen schrillen WhatApp-Gruppe bleiben und jeden Mittwoch zusammen brunchen gehen. Jessica, Naima, Jeni, Sabaa, Rhodri & Kevin – der Volcano Fridays Club, die unfassbar viel Passion ins Festival stecken, mir noch bis weit nach Mitternacht mit Stühlen, Büchern und Bildmaterial helfen und wegen deren Thank God it’s Friday erst richtig Sinn macht.

2. Volcano Fridays 

Speaking of which – jetzt ist es mein Job, die Lesungen besonders gut zu finden und zu promoten, aber würde ich einfach vor mich hin studieren, würde ich immer noch sagen, dass es das Allercoolste ist, das Swansea je gesehen hat. Mitten im Brexit-Wasteland eine mehrstündige Show in 15 verschiedenen Sprachen auf die Bühne zu stellen und inzwischen insgesamt knapp 400 Gäste zu haben, die allesamt zum familiären Lauschen und Diskutieren wiederkommen, ist schon eine besondere literarische Salon-Erfahrung. 

3. Singleton Campus 

In Essen hatte ich Kurse im Kino, in den alten RTL-Produktionsräumen der Weststadttürme oder einfach über Moodle, und das Leben spielte größtenteils im Café Rosso und der Aufzügen von R12. Swansea University ist zwar auch zweigeteilt, aber auf dem Bay Campus-Gelände sind nur Maschinenbauer, die ja ehrlicherweise niemanden interessieren. Mein, unser, der Hauptcampus Singleton liegt im gleichnamigen Park, 100 Meter vom Meer entfernt. Vom südlichen Ende, der viktorianischen Abtei und den Stallungen, in denen jetzt das Rektorat Hof hält, folgt man dem Fußweg nach Norden und kann den architektonischen Verfall des 20st Jahrhunderts gleich mit verfolgen. Von 70er Prutzbauten auf halbem Weg endet der Campus schließlich in grauen, entkernten Zombie-Türmen, in denen früher Wohnheime lagen. Der Lebensmittelpunkt der Uni liegt im Dreieck zwischen Bibliothek, Fulton House (Heimat der Bankfilliale, des Reisezentrums, der Post, des Studentenwerks, zweier Supermärkte, einer davon vegan, und der großen Cafeteria) und des Kunst-Kultur-Kino-Zentrums Taliesin, wo es die günstigsten Filme, eine Ägyptologie-Dauer-Ausstellung und den schlechtesten Kaffee gibt. Mein Leben spielte für die letzten Monate ausschließlich auf diesen Quadratmetern und größere Dimensionen erschrecken mich inzwischen leicht.

4. Das Meer. 

Zum Joggen, Liegen, Schlendern, Sehen, Riechen, Hören. Ich gehe ja wohin ihr wollt, aber nehmt mir das Meer in dieser niedlichen Bucht nicht weg. Hier wird man nicht von Hähnen, sondern von Möwen geweckt.

5. Wales, so ganz allgemein 

Ein vollkommen unterschätztes Reiseziel für alle, die Wandern, Klettern, Trinken, mittelalterliche Festungen und spektakuläre Natur mögen. Wales ist günstig, voller Nationalparks, Wasserfälle, Wanderstrecken, Burgen, und Kleinstädte. Wer auf Metropolen verzichten kann und kleine, irre Menschen mag, die beständig köstliche Welsh Cakes anbieten und über Dylan Thomas reden, der komme vorbei.

6. Den Kurs & die Fakultät 

Ich kann die Lockerheit und Hilfsbereitschaft meiner Dozenten und des gesamten Departments überhaupt nicht in Worte fassen. Vielleicht bekommen wir einen kleinen Master-Bonus und werden tendenziell eher egalitärer (Widerspruchalarm!) behandelt, als die Bachelor-Studenten.

Die Dozenten kommen allesamt aus der Industrie-Praxis und haben deshalb selbst das größte Interesse daran, dass wir kreative Kampagnen und Websites planen – weniger, dass wir in Gruppenarbeiten Texte zusammenzufassen lernen. Wer Interesse und Engagement zeigt, war sofort in intensive Debatten verwickelt, und wenn man mal eine Stunde aussetzen wollte um aufs Meer zu gucken, wurde es auch verziehen. Auch wenn ich das Notensystem von 50 bis 70+ bis heute nicht verstanden habe, und es selbst innerhalb des Departments ziemlich willkürlich mal gute, mal harte Noten regnet, hatte ich hier trotzdem mehr Erfolgsmomente, als in vier Jahren BA-Studium zusammen. Ich habe stapelweise Sekundärtexte gelesen und immer noch das Gefühl, jedes Mal auf neue Goldadern zu stoßen – sei es in der Geschichte der PR oder in der Design Theorie. Ich kann mich an zwei kleinere administrative Probleme erinnern (in Zahlen: 2. Soviel hatte ich in Deutschland schon vor der Bewerbung bei der Uni) – die innerhalb von Minuten von fröhlichen Ansprechpartnern gelöst wurden – mit einem Lächeln und einem “Don’t worry, darling”.

7. “Don’t worry, darling” 

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Diese Waliser. Das ewige, “Need a bag, love?” – “More coffee, dear?” – “Don’t you look lovely today, darling, do you need anything?”. Die selbstverständliche unverbindliche Freundlichkeit. Das Interesse für Studiengang, Zukunftspläne und Herkunft, das rheinisch-fröhliche Smalltalken.

8. Stundenlange Spaziergänge

Zuerst habe ich mir kein Fahrrad gekauft, weil es nicht auf der Liste der Prioritäten für mein leeres Konto stand. Dann, weil es kälter wurde. Dann, weil ich in London war. Und dann war das Semester beinahe vorbei. Deshalb laufe ich überall hin, 5km zum Volcano Theater und zurück, 4km zum Supermarkt am Meer und zurück, 3,5km zu Natasha und zurück, ich laufe immer. Ich habe noch keinen Bus in Swansea genommen, aber die kommen ohnehin wenig zuverlässig. Städte wollen erlaufen werden und für mich sind diese Wandertouren zum angenehmen Beinahe-Sport geworden, die Stadt kennenzulernen und mich selbstständig zurecht zu finden.

9. Food first, than morals. 

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Die Brie-Cranberry-Paninis von Uplands-Diner. Die selbst gebackenen Welsh Cakes vom Wochenmarkt. Die Beetroot-Goatcheese-Sandwiches aus der Cafeteria. Das Curry aus dem veganen Supermarkt. Die Süßkartoffelpommes von Uplands-Diner. Das vegetarische Frühstück aus der Chattery. Die Cocktails von Noahs Yard. Der Student Union Kaffee. 

10. Studieren 

Da stecke ich soviel Energie in die Unternehmung “Master in einem Jahr” nur um fest zu stellen, dass ich gar nicht so schnell fertig werden wollte. Darf ich nicht noch ein Jahr lesen und Essays schreiben und forschen? Oder drei? Oder fünf? Britische Studiengebühren machen ein Langzeit-Studium leider unmöglich. Aber dieses akademische Jahr war einfach viel zu kurz. Und dass es auf dem Papier noch bis September dauert, weil dann die offizielle Masterarbeitsfrist endet, macht es nicht besser. Für mich endet die richtige, wichtige, wunderbare Swanseazeit in drei Wochen. Dafür bin, mit Mikroboy gesprochen, niemals bereit:

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