Half a world away. // On the road, again.

Erinnert sich noch jemand an Koffer?  Das ungezogene schwarze Ungetüm, mit dem ich im September aus einer Wohnung tief in Westdeutschland gefallen bin, der halboffen auf dem Gepäckband lag, jederzeit bereit meine Unterwäsche durch Heathrow zu spucken? Und der anschließend im Bauch eines National Express Buses mit mir bis nach Swansea fuhr, seitdem auf dem Schrank im Winterschlaf liegt?

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Koffer auf dem Weg nach CNG, September 2016

Denn, was packt man alles für ein Jahr? Und wie viele Bücher? Ein unvollständiges Inventar, mehr oder weniger ehrlich:

  • ein komplettes dm-Alverde Set, und ich meine: komplett. Alles. Auch die Reiswaffeln und die +50 sensitive skin avocado Nachtcreme.
  • eine Wärmflasche, die aussieht wie ein Gespenst. Weil, why not, Wales ist kalt.
  • einen Aktenordner mit Telefonnummern der Botschaften, Kopien meines Impfpasses und alle Speisekarten lokaler Restaurants
  • eine leere Keksdose, die zum Diamond Jubilee der Queen herauskam und in der jetzt die Fotos und Briefe meiner liebsten Menschen liegen.

Jetzt ist es Ende Mai, die Kurse sind vorbei und vor mir liegen drei Monate, in denen ich noch offiziell Studentin bin, meine Masterarbeit schreibe. Und viel zwischen Swansea, meinem kleinen Küstendörfchen und Manchester, meiner Wahl&Lieblingsstadt hin und her pendeln werde. Was nimmt mal also wieder mit nach Hause, was lässt man noch für ein paar Wochen in Wales?

Koffer wurde gestern von einem Koffer-Sende-Dienst abgeholt, der ihn für die gleiche Summe des Ryanair-Gepäckaufpreises von der Haustürschwelle einsammelt und auf der Schwelle meiner Mutter wieder abstellt. Wenn es gut läuft, verrate ich den Namen, wenn nicht, auch, serviceorientiert wie ich bin. Das Ganze war ein bisschen nervtötend, weil man siebenhundert Papierzettel ausdrucken und hoch und heilig online schwören muss, weder Haarspray, Goldbarren noch Haustiere zu verschicken. Erklärvideos und eidesstattliche Erklärung inklusive.

Ich hab lange überlegt, und hin und Rücktransporte durchgerechnet, was man von wo nach wo verschicken könnte und warum. All das Papier, die Mitschriften, die Fotos, die Eintrittskarten. Die Wintermäntel und die Bettwäsche. Warum ist das, was man so teuer gekauft hat, nicht auch immer überall anders verfügbar? Warum kann man keine Bücherregale leasen. Ein Billy-Regal für jeden Haushalt, weltweit. Warum haben immer die anderen ein Auto und ich nicht? Viele knatschige Fragen später wusste ich jedenfalls, dass ich nach dem letzten halben Jahr keine Lust mehr hatte, Koffer wieder durch den Kontinent zu zerren, nur um ihn ähnlich schwer gepackt in zwei Wochen wieder nach Manchester zu tragen.

Ab jetzt sind Ferien. Da kann Koffer ruhig mal alleine vorfahren, Vorhut spielen und die Lage abchecken, bevor ich heute Abend hinterherfahre, wieder mal quer durchs Land mit dem Zug, quer durch London mit der Tube und dann von Stansted nach Köln. Reiseberichte folgen, Swansea fehlt mir schließlich jetzt schon!

Swansea, Der Tawe-Fluss und die Gowerbucht von oben. Proudly presented by British Airways.

6 Kommentare

    • Oh, das ist sehr melancholisch und trotzdem ein Kompliment! Ich feilsche noch mit mir, in welcher Form ich ihn nach dem letzten Swanseatag weiterlaufen lasse… Da es ja nach Manchester geht, steht „Talk Mancunian to me!“ als Fortsetzung hoch im Kurs…

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  1. Das wollte ich dir auch schon lange mal schreiben: Du schreibst so toll! So viele humorvolle und wortgewandte Details. Egal welches Thema, jeder Blogartikel von dir ist lesenswert. Deshalb bitte auf jeden Fall weitermachen mit dem Bloggen. Viele Grüße, Carina

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