Losing Grip // Die Ned-Flander-isierung der Welt. // I <3 MCR

 

  .Screen Shot 2017-05-24 at 16.43.35..Und damit meine ich nicht das bescheuerte Zeit-Titelblatt, das versucht zu verschönigen, dass Heinrich Normalkonsument lieber keine Verantwortung für sich, seinen Plastikmüll und sein lokales Flüchtlingsheim übernähme. Damit meine ich nicht mal die ganze Welt, auch das ist mir im Hinterkopf klar. 

 

 

Aber wenn innerhalb von 36 Stunden ein Wahnsinniger 22 Teenager in die Luft jagt, in der Stadt in der man ab nächster Woche wohnt und jetzt Soldaten durch die Straßen patrouillieren; wenn eine der besten Freundinnen das Jahr in Abwesenheit genutzt hat, um in rechts-schwurbeligen Verschwörungsmist zu verfallen; wenn man am Nachmittag mit seiner Mutter in einer Arztpraxis sitzt und verschiedene Tumore erläutert bekommt; und dann die walisische Alma Mater anfängt, E-Mails über Terrorwarnungen und Bombendrohungen in Swansea zu verschicken, dann verliert man ein bisschen den Glauben an die Realität.

Die Realität ist ein Matchboxauto mit kaputtem Radspeicher und sie ist gegen die Wand gefahren.

Vom Attentat erfuhr ich am frühen Morgen von meinem kleinen Bruder, der sich nicht sicher war, ob mein Freund gerade in Manchester und vielleicht betroffen ist. Ich habe müde in mich reingekichert bei der Vorstellung, dass dieser vollbärtige Hipsterphilosoph zu einem Ariana Grande Konzert geht. So einfach ist das manchmal. Noch nicht meine Stadt, nicht meine Musik, nicht mein Problem. Es sind bestimmt mehr Menschen auf dem Planeten in dieser Nacht gestorben, um die sich weniger gesorgt wird, und wie war das mit Judith Butlers Konzept zur Betrauerbarkeit? Ich kam mir ziemlich tough vor und setze mich ans Ruhrufer in die Sonne.

Später fuhr ich nach Düsseldorf und begleitete meine Mutter zum Arzt. Darüber spreche ich mal, wenn sie bereit ist drüber zu sprechen, alles andere fühlt sich schal an. Jedenfalls sah der belgische Doktor aus wie eine Comicfigur, die Sonne brannte und das nächste, an das ich mich erinnere ist, dass ich in der Krankenhauscafeteria eine Gruppe Assistentärtze mit brüchiger Stimme anpampe, die am Nachbartisch Karzinom-Witze reißen und etwas verdattert gucken, als ich frage, ob sie vielleicht die Klappe halten könnten, auch wenn sie zu viel Scrubs geguckt haben.

 

Abends liege ich auf dem Bett und gucke Videos aus Manchester, der Stadt, in der eine Wohnung und ein Job auf mich warten [dazu irgendwann mal mehr]. Und mit der toughen Gelassenheit ist es plötzlich nicht mehr weit her. Ich hab 9/11 im Fernsehen gesehen unf war die ganze Nacht wach während des Paristerrors, der Rhythmus von Schock und Spiegel Online Panik ist gleichmäßig geworden und meine Abgestumpftheit kam mir immer wie Protest vor. Meine Angst kriegt ihr nicht. I choose love. Prayfor… Alles, was sich gut auf T-Shirts und twitter macht.

Während ich noch diesen Post hier fertig schreibe, platzt mein Swansea-Account vor Sicherheitswarnungen – das Stadtzentrum wird wegen einer Bombendrohung evakuiert. Inzwischen kichere ich nur noch in mich rein.

Wo mein Alltag gerade immer mehr zu einem merkwürdig düsteren Cartoon wird, werde ich zu Ned Flanders. Ich winke, lächle. mache Scherzchen und nerve meine Mitmenschen zu Tode mit meinen kichernden Storys in einer halben Oktave zu hoch.  Und im Haus arbeite ich an meinem Atomschutzbunker, kaufe auf Vorrat und will all meine Liebsten so nah beieinander halten, wie möglich, habe Angst vor der Bahnsteigkante und vor Flugzeugelinchen. Tüdülü.

(Problem dabei:  Atheistisches Heidenkind bin ich auch noch.)

 

6 Kommentare

  1. Westlicher Zentrismus macht nicht Halt vor den bevorzugten Objekten westlicher Trauer: Westliche Opfer. Ich meine, wem von uns fällt es ein zu sagen: I love Jemen; I love Mossul; I love Somalia? Ich kann Butlers Gedanken zur Betrauerbarkeit nachvollziehen. Über Fremde trauern, das können die Angehörigen der Fremden besser. Andererseits, wenn ich mir überlege, was denn die Konsequenzen unserer Trauer sind, auf höchsten politischen Ebenen, dann ändert sich an der vom ökonomisch-militärischen Komplex bestimmten Schweinepolitik in den Ländern, die den Terror exportieren, nichts.

    Trotzdem: (Go to) Manchester, England, England ……

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  2. Als agnostischer Theist verabscheue ich Gebete für Menschen, die sterben mußten, weil andere sich weigern, das Beten einzustellen und somit des Kreislauf des Betens wie auch den Kreislauf des daran geknüpften Mordes aufrecht erhalten.
    Als sarkastischer Misanthrop frage ich mich, warum nicht schon viel früher Konzerte von Ariana Grande in die Luft geflogen sind.
    Als pazifistischer Erimit, der ständig „Eremit“ falsch schreibt, weil er überdies auch noch ungebildeter Proletarier ist, begreife ich Terror sowohl als furchterregend (weil Bums-Böse-Aua), als auch von niederer Besorgnispriorität für mein eigenes Leben beschaffen (weil Hütte-Einöde-Massenarm).
    Als denkendes, menschliches Wesen, das all diese Teilbereiche von Persönlichkeit unter einer einzelnen Schädeldecke zu kombinieren hat, rate ich generell zum Unterlassen von Todesangst. Macht nur unnötig Streß.
    Wir werden alle sterben. Sowas wie „angenehmes Sterben“ existiert überdies nicht. Also, kein Ding.
    Wenn ich sehe, was meine Katz jede Nacht mit den armen Mäusen anstellt, bevor sie diese am stark verkrüppelten Stück, teilweise noch lebendig und gräuselig um ihr bißchen Leben fiepend verspeist, erscheint mir Enthauptung auf einmal gar nich mehr so übel; Entleibung durch unangekündigte Bombenstimmung regelrecht human …

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