I live by the river // Manchester Part I.

Ein Flug bei Sonnenaufgang, ein Balkon über dem Fluss und andere große Veränderungen. Was bisher geschah

31. Mai. 

Nach einigen mehr oder weniger entspannten Tagen Urlaub im glühend-heiß-schwitzigen Deutschland saßen mein Lieblingsboyfriend Simon und ich auf einer Bettkante und guckten bedröppelt auf zwei große Koffer, zwei Rucksäcke und kleinere Handgepäcksbeutel. Am nächsten Tag wollten wir umziehen, wegfliegen, auswandern, und ich hatte das Gefühl, für meine betrunkene Stufenabschlussfahrt nach Schottland vor sechs Jahren mit mehr Umsicht gepackt zu haben. Wir hatten:

Bordkarten auf dem Handy. Eine Adresse zu einer Wohnung auf dem Handy. Bettlaken. Pfannenwender. Eine Tüte voller Alnatura-Produkte. Schokoriegel. Ein paar Fotos – auf dem Handy. So viele Bücher wie die Gepäckgrenze zulässt. Ein irres Sammelsurium zweier versprengter Haushalte, die seit mehreren Monaten in den Kellern unserer Mütter oder in unseren Studentenzimmern in Großbritannien herumlagen.

Ein knappes Jahr lang hatten wir an verschiedenen Enden der Brexit-Insel studiert – er Philosophie in Hogwarts/St.Andrews, ich Communication, Media Practice and PR in Swansea. Gekannt, gedatet und zusammen Twin Peaks geguckt hatten wir schon vorher – aber erst auf der Insel herrschte großes Wiedersehen.

Und jetzt saßen wir da auf der Bettkante, er mit einer Zusage für sein dreijähriges phD-Programm an der University of Manchester in der Tasche, ich mit einem Job ab Juli in Manchester in der anderen. Da blieb eigentlich keine andere Wahl, als in den frühen Morgenstunden in eine winzige Maschine zu steigen und von Düsseldorf aus in die Jazz-Musik-Kanal-Punk-Arbeiter-Backstein-Industrie-Wolkenkratzer-Metropole im Nordwesten zu fliegen.

Aber Koffer und die Rucksäcke guckten vorwurfsvoll als hätten wir ohne ein Kamerateam von Auf und Davon eigentlich nicht die Legitimation, wirklich ins Ausland zu ziehen. Und trotzdem saßen wir 12h später in einer amerikanischen Kaffee-Kette an Manchesters Deansgate Station und aßen Zimtschnecken bis es Zeit war, unsere Vermieter zu treffen.

Nach mächtig viel Papiergeraschel und Vetragsgewurschtel und unseren Initialen auf circa 120 Seiten bekamen wir Schlüssel und lustige Transponder für die Fronttür. Aus Versehen wohne ich nämlich nicht in einem schrulligen Altbau mit schiefen Treppen und Stuck an der Decke. Seit Donnerstag wohnen wir in einem Apartment mit Balkon über dem River Irwell, was fancy klingt und es auch ein bisschen ist. Weniger fancy ist, dass wir es komplett eingerichtet gemietet haben und der Vermieter in seinem vorherigen Leben wahrscheinlich Zahnarzt war. In einem lieblichen Ambiente aus weißem Lack, grauen Sesseln und Lamellenvorhängen vertrödeln wir unsere Tage und machen Labor-Witzchen.

Deshalb gingen wir als allererstes Deko-Jagd, nach Pflanzen, fliegenden Teppichen, angelaufenen Bilderrahmen, Kinosesseln, Kissen mit Tieren drauf und hohen Bücherregalen auf dass es die schrulligste Arztpraxis von ganz Manchester wird. Später, am ersten Abend saßen wir auf dem Balkon guckten aufs Wasser, spielten Karten und beobachteten unsere Nachbarn am anderen Ufer. Von denen hat übrigens auch keiner ein Fernsehteam dabei.

Coming Next:

Part II: Leben in der Metropole und die Balkons gegenüber.

Part III: Großeinkäufe, Verträge und Not-to-Do-Listen

Part IV: Bienen-Tattoos und Manchesters Trauer.

Part V: Chilenischer Wein, Poker und Riesenspinnen.

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