Das wird kein Regen, das wird ein Wolkenbruch.  

// Part II: Leben in der Metropole und die Balkons gegenüber. 

Ich habe seit Neustem einen Balkon. Unter ihm fließt ein Kanal namens Irwell, schräg rechts gegenüber liegt eine Trambrücke, scharf links um die Ecke ein Kasino und eine Verkehrsinsel der stetig rauschenden Regent Street, die Salford und Manchester verbindet.

Unsere Wohnung liegt am äußersten Rand von Salford, was ich niemandem verrate, weil es dann heißt “Aber du ziehst doch nach Maaaanchester?!?”

Salford ist die Schwesterstadt, sowas wie Neuss zu Düsseldorf, Offenbach zu Frankfurt, Potsdam zu Berlin, Jersey zu NYC; hoffe, die Analogie ist klar. Die Grenze der beiden Städte ist der Irwell-Kanal, auf dem früher Schiefer und Feuerholz verschifft wurden. Unser Haus liegt am Lowry Wharf und wenn man mit Schmackes einen Tennisball vom Balkon würfe, er träfe die gegenüberliegenden Appartmentkomplexe am Timber Wharf – die Manchesterianer, die mehr Miete und Council Tax zahlen und dafür einen perfekten Ausblick auf Salford haben.

 

Über Manchester sagen alle das gleiche, wie auch schon über Swansea und Wuppertal: “Was willst’en da? Da regnet es doch immer”

Mein Vermieter in Swansea sagte den schönen Satz: “Da war ich mal auf einer Konferenz, es hat nur geregnet. Als ich fünf Jahre später wieder da war, hat es immer noch geregnet. Glaube nicht, dass es zwischendrin aufgehört hat.” Oder, wie die lustige Sainsbury’s Verkäuferin sagte: “Monsoon season is upon us”. Gerade regnet es den zweieinhalbten Tag in Folge und ich wette, dass es aufhört, sobald ich auf Veröffentlichen klicke, ganz sicher.

Aber auch im Regen ist Manchester eine bizarr schöne Stadt. Wenn man glänzende Wolkenkratzer neben verspielten Backsteingemäuern mag, Kanäle, die die Stadt zerteilen, Trambahnen, Moderne Kunst, Konzerte auf Dächern und geheime Bibliotheken. Wenn man sich gerne verläuft, und Fremde so behandelt, als wären es seine liebsten Nachbarn. Wenn man den Stolz und Trotz alter Industriezentren niedlich findet und Grafittis mag. Und David Bowie, Joy Division, The Smiths. Wenn man gerne in einer Stunde in Liverpool ist. Und in drei in Dublin. Wenn man Bienen, Secondhand-Bücher, Pub Quizzes  & Pasteten mag. Wenn man sich in London verloren und der Gnade dubioser Vermieter und des U-Bahn-Netzwerks ausgeliefert fühlt und ihn Kleinstädten als würde man Konzerte körperlich vermissen wie Vitamin D.

 

Gut, wenn man Vitamin D mag, ist man hier vielleicht falsch.

Manchester, wie ich es bis jetzt verstehe, ist im Süden komplett von Studenten bevölkert: Das liegt an den drei zentralen Campi, dem der University of Manchester, wo mein Lieblingsboyfriend aktuell zwei mal am Tag mit dem Einschreibungsbüro streitet, dem der Manchester MET, wo man wohl Modedesign studieren kann und der Uniklinik. Hulme und Fallowfield heißen die Gegenden, in die wir uns bisher nur bei Tageslicht getraut und uns mit knapp Mitte 20 eigentlich schon bereit für die Riesterrente gefühlt haben.

 

Raus aus Salford fällt man aber ins Hafenviertel Castlefields, wo Hausboote, Trauerweiden und Cafés in einer pittoresken Docklandschaft liegen – im Moment mein Lieblingsviertel. Andere Kandidaten wären der Northern Quarter, mit seinem Kreuzberger Handarbeits- und Katzencaféflair, den Straßen voller Pubs und Livemusik. Oder aber New Islington, ein glänzendes Architektur-Raumschiff, wo die alten Fabriken zu Lofts und die Kanäle zu Installationen umgebaut wurden: Mehr kreative Ruhrgebiets-Reminiszenz geht nicht.

 

Manchester, mit seinen 520.000 Einwohnern im Stadtzentrum und 2,7 im gesamten Umkreis, ist die größte Stadt, in der ich bisher gewohnt habe. Seit der Industrialisierung identifiziert sich die Stadt als Bienenstock, als summendes Herz des Nordens, ignoriert von London und stolzer Handelshafen zum Rest der Welt.

“Ziehst du da jetzt echt hin, nur weil dein Freund da seinen phD macht?” wurde ich öfter gefragt, als ich Lust hatte zu zählen. Die Unterschlossenheit, die auf den Master folgte, teilten die Meisten da noch nicht mit der gleichen Dringlichkeit wie ich und waren überrascht, als ich meine neue Adresse verkündete. Es war wahrscheinlich auch einfach zu lustig, mir bei meinen alle paar Stunden wechselnden Schnappsideen zuzugucken (Kann ich nicht Hebamme werden? Ein FsJ in Island machen? Für die BBC als Auslandsreporterin nach Singapur gehen?).

Nein, wahrscheinlich wäre ich nicht einfach aus Lust und Laune nach Manchester gefahren und hätte mich über ein köstliches chinesisches Buffet hinweg in die Stadt und die Perspektive verliebt, wenn er in Malmö oder Leipzig studiert hätte. Aber ich wollte: Eine Großstadt. Indierock-Industrie-Schickeria. Wasser, bezahlbare Mieten und historische Bibliotheken. Und ihn.

Bekommen habe ich: Manchester.

Coming Up Next: 

Part III: Großeinkäufe, Verträge und Not-to-Do-Listen.

Part IV: Bienen-Tattoos und Trauer.

Part V: Chilenischer Wein, Jenga und Riesenspinnen.

9 Kommentare

  1. Der Regen erinnert mich an Gelsenkirchen. Ich bin seit fast 2 einmal in der Woche dort und kann mich nicht erinnern, dass es mal nicht geregnet hätte… Gelsenkirchen macht das allerdings nicht gerade schöner. Das soll aber nun nicht heißen, dass ich keinen Regen mag. In meiner Erasmus-Wahlheimat Santiago de Compostela nennt man ihn nicht umsonst Champagner.
    In diesem Sinne, genieß es, die Tropfen auf der Haut zu spüren (oder auf den Schirm prasseln zu hören – ganz wie du magst!) und nimms wie der Hahn von Helme Heine. Bei Gewitter leuchtet das Gefieder besonders schön!

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    • Hihi, gerade schüttet es Champagner auf den Fluss, während die Stadt in der Sonne schwitzt und in der Mitte führt ein Regenbogen über die Schnellstraße. Lustiger Ort – und allerliebste Grüße!

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