Pure Vernunft und die Tories dürfen niemals siegen. 

Part III: Großeinkäufe, Verträge und Not-to-Do-Listen

Vernünftige und besorgte Menschen in meinem Umfeld verbrachten viele Minuten ihres Lebens mich zu fragen: “Umziehen? Schon wieder? Und das im Ausland? Das muss doch total aufwendig und teuer sein?” Ich spielte währenddessen Candy Crush, oder guckte alte Friends-Folgen und schüttelte den Kopf. “Ne, die Wohnung wird ja eingerichtet vermietet” Das vernünftig-besorgte Umfeld zweifelte: “Aber auch mit Staubsauger? Bettwäsche? Teefiltern?”

Ich antwortete: “Was, jaja, nein, mal schauen, kann man ja kaufen, guck mal hier, da hat Brad Pitt einen Gastauftritt, ist meine Lieblingsfolge, weil er da noch mit Jennifer Aniston verheiratet war und die so tun, als würden sie sich hassen und später hassen sie sich dann wirklich wegen Angelina Jolie, wie ist das eigentlich ausgegangen?”

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Jetzt sitze ich in einer Wohnung ohne Küchenhandtücher und fühle mich von der Zivilisation abgehängt. Vor einer Woche habe ich gebettelt und genörgelt, dass wir rechtzeitig WiFi bekommen und eine Inventarliste unterschrieben, in der eine Einbauküche, eine Waschmaschine, ein Bett, zwei Schränke, Sofa, Sessel, Esstisch, Stühle, Sideboard, Kommode und Nachttische verzeichnet waren – und fühlte mich damit besser eingerichtet, als jemals zu vor. Als irgendeine studentische Pärchenwohnung jemals zu vor. Als irgendjemand in Greater Manchester. Und dann ist da noch der Balkon, der Fluss und ein Sainsbury’s um die Ecke. Internet, Essen, Schlafen, die drei Grundbedürfnisse waren erfüllt und eine Badewanne hab ich auch, Style und das Geld noch dazu.

Also, dachte ich. 

Am ersten Nachmittag zogen wir los, um das Allernötigste zu kaufen. Kleinkram halt, der ja nichts kostet, wenn man ehrlich ist. Wasserkocher gibt es für £5. Geschirrsets für £25. Bestecksets, weil, naja, Nudeln mit den Fingern essen ist auch nicht für immer lustig, für £15. Großbritannien ist günstig, guckt mal, und ihr habt mich vom Friends gucken abgehalten, liebe Vernunftsfraktion.

Günstig war das alles. Die Nudeln. Der Toaster. Das Kaffee-runter-drück-Dings. Die Bilderrahmen. Das Sofatischchen. Das Toilettenpapier. Die Mehrfachstecker. Die Kissen und die Decken und die Matrtzenschoner und die Sofakissen. Die Tischdecke mit dem Hasen mit dem Indianerfederschmuck drauf. Der Gemüseschäler. Die kleinen Badezimmerteppiche. Die Zahnpasta. Salzpfefferbasilikum. Die Lampenschirme. Das Schneidebrett. Die Backroste. Die Kleiderbügel. Das verdammte Spülmaschinensalz, weil ja alle sagen, ‘toll, Spülmaschine, dann streitet ihr euch viel weniger und außerdem ist das viel günstiger als Handwäsche’, jaha, außer wenn man Spülmaschinentabs, -Salz und dieses andere Alchemie-Wundermittel kaufen muss, um sie zu benutzen. Die Hausratsversicherung für den ganzen Kram. Der Vertrag fürs Internet, um den ich iso gebettelt habe und der jetzt teuer in einer Schublade liegt. Die Stromanbieter, die täglich anrufen wollen, um uns günstigere Tarife als ihre Grundversorgung anzubieten, wir aber nie Zeit haben, weil wir wieder in einem Haushaltsladen stehen und beratschlagen, ob wir dringender einen Handfeger oder Müllbeutel brauchen – ein Dilemma, das bisher nicht gelöst werden konnte.

Dass zwischendrin meine deutsch-englische Kontoschieberei in einem bürokratischen Schlamassel über Pfingsten versank, machte es nicht einfacher. Inzwischen kann ich wieder Dinge bezahlen, wenn auch nur in bar, was Großeinkäufe oder Onlinezahlungen schwierig macht und unser Sideboard unter einem Stapel von Quittungen hat verschwinden lassen, die mein Lieblingsboyfriend mit freakigen Excellisten auseinander dividiert.

“Ist das wirklich alles so einfach, wie du es auf deinem Blog klingen lässt?”

Das ist eine andere clevere Frage, die mich die Vernünftigen oft fragen. Nein, es ist nicht alles so einfach. Nicht zuhause zu sein bricht mir mitunter das Herz. Jedes Detail der Wohnungsgestaltung mit jemand anderen diskutieren zu müssen, egal wie sehr ich ihn auch lieb habe, treibt meinen Blutdruck in den zwölften Stock. Vor jeder größeren und kleineren Anschaffung betreten von Fuß zu Fuß zu treten und sich entschuldigend anzuschauen, weil man weder eigenes Geld noch das des Anderen notwendigerweise für Kochlöffel ausgeben will, aber Bequemlichkeit, Gewohnheit, Spießigkeit, Doofheit, Kontostände und Lebensstandards gegeneinander abwiegt, macht auch keinen Spaß.

Und dann ist da der Bürokratische Kreidekreis. Solange sich Boyfriend nicht als Student registriert hat, kann er nicht vergünstigte Council Tax beantragen. Das spart uns eventuell mehrere hundert Pfund im Jahr. Ohne Council Tax kann ich mich aber nicht als lokale Wählerin oder beim NHS ummelden, was auch bedeutet, dass ich mich noch nicht bei einem neuen Hausarzt registrieren kann.

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Aber dann verlieren die Conservatives mit ihrer durch Weizenfelder hüpfenden, Füchse jagenden und öffentliche Gelder zusammenstreichenden Theresa May die Mehrheit im Parlament, wir picknicken auf unserem Balkon und haben nach einer Woche noch genug Geld für Wein. Das ist manchmal schon genug, auch wenn es gerade weder einfach noch vernünftig ist. Auch ohne Küchenhandtücher.

Coming Up: 

Part IV: Bienen-Tattoos und Trauer.

Part V: Chilenischer Wein, Jenga und Riesenspinnen.

11 Kommentare

  1. Tip zum Geldüberweisen: Transferwise. Das spart Gebühren ohne Ende.
    Tories Verlust sehe ich anders. Bin halt netto-Taxpayer im oberen Band, Grund genug, Corbyns Geberlaune mit unsereinem seinem Geld nicht zu mögen.

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      • Danke für den Tipp, Transferwise wollte ich mir mal in Ruhe anschauen. War allerdings auch ein „Neue Kreditkarten freischalten“-Dilemma!

        Zu den Tories: Naja, ich finde die homophobe DUP-Koalition eher unsäglich. Und was das Einkommen angeht, sagte Irvine Welsh mal so schön:
        „When you’re not doing so well, vote for a better life for yourself. If you are doing quite nicely, vote for a better life for others.“

        All the best!

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  2. „If you are doing quite nicely, vote for a better life for others.“

    Deshalb wähle ich die Tories – denn ein Land kann man nicht dadurch besser machen, dass man Geld mit beiden Händen aus dem Fenster wirft, nur dadurch, dass man so vielen wie möglich die Chance gibt, etwas aus sich zu machen – in Eigenverantwortung.

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    • Hm, das sehe ich eben anders. Freie Bildung, Gesundheitswesen und Sicherung im Alter sind für mich die einzigen Garantien, dass jeder die Chance hat, etwas aus sich zu machen. Streicht man diese, herrscht mehr Angst, Armut, Spaltung.
      Die nächsten Monate werden jedenfalls sehr spannend – dass du hier in den GEs wählen darfst neide ich dir jedenfalls sehr 😉

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      • Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und bin irgendwie zum Bildungsforscher geworden, weshalb ich im Hinblick auf Freie Bildung sehr skeptisch bin. Anyway, hinter dem, was Du schreibst, scheint für mich der Ruf nach dem Staat, zu stehen. Das dürfte das größte Rift sein, denn ich kann überhaupt nichts Gutes darin finden, Staaten viel Geld zu geben und sie in individuelle Lebensentscheidungen eingreifen zu lassen (vor allem nicht, wenn die Vertreter der Staaten vorgeben, sie würden dies im besten Interesse derer tun, deren Leben sie sich bemächtigen wollen). Wenn man Politikern Geld gibt, dann geben sie es aus, zuerst für sich, dann für ihre Kumpel und am Ende vielleicht für den eigentlichen Zweck. Deshalb wäre mein Staat u.a. einer, in dem es keine Beufspolitiker gäbe, Biildung über Gutscheine, die man nutzen kann oder nicht, funktionierte (insofern frei wäre), die Bereitsstellung von Bildung Aufgabe privater Unternehmen wäre und das Budget eines Staates ausschließlich für besagte Bildungsgutscheine, Infrastruktur, Verteidigung und innere Sicherheit ausgegeben werden darf.

        Get yourself a British Citizenship, nothing else needed to gain the right to vote.

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  3. „Mir fehlen für die britische Staatsbürgerschaft aber noch knapp drei Jahre residence…“

    Da habe ich wohl einfach ein paar Jährchen voraus, 10 um genau zu sein.

    Zu diesem sehr großen Thema habe ich erst die Tage noch einen schönen Artikel gelesen:

    Wenn ich ZEIT sehe, dann schwillt mir eigentlich der Kamm. Hab‘ dennoch gelesen. Fast rationaler Text mit nur einem Schönheitsfehler, wie der Wahlforscher in mir meint: „Die Briten“ wählen nicht mehr Staat, die meisten die Corbyn gewählt haben, haben mehr Vorteile für sich gesehen, mehr Geld, mehr Benefits … Wer weiß, was „mehr Staat“ bedeutet (die alten Briten), der wählt die Tories.

    Was einem angesichts von Theresa nicht leicht gemacht wird.
    Aber ich bin voreingenommen und BoJobian.

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