Even the Darkness has Arms. 

Part IV: Bienen-Tattoos und Trauer. 

Am 22. Mai sang Ariana Grande noch einen letzten Song, die instagram-girls, die Eltern, die ganz kleinen selig-glücklichen Mädchen drängten durch die Manchester Arena nach draußen. Ich kenne keinen einzigen Ariana Grande Song und finde es hauptsächlich faszinierend, dass es Popstars gibt, die genau so alt sind wie ich.

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Vor zwölf oderso Jahren war ich auf meinem ersten Konzert, Avril Lavigne spielte in Frankfurt und ich hätte stolzer, begeisterter, aufgekratzter nicht sein können. Die Konzertkarte habe ich heute noch. Ich war auf unzählbar vielen Konzerten seit dem, in Hallen, auf Festivals, in Kellern und, dank sofar, des öfteren in Wohnzimmern. Freitag erst wieder, in einem Café in den Manchester Docklands der Media City. Ob ich so oft mit nach Trockeneis riechenden Haaren und scheppernden Pfeifen in den Ohren nachts ins Bett gefallen wäre, wenn sich jemand nach dem Avril Lavigne Konzert neben uns in die Luft gejagt hätte? Wenn ich statt des Klingelns der Soundanlage in den Ohren geplatzte Trommelfelle gehabt hätte, in der Panik meine Familie verloren und stundenlang durch eine unbekannte Stadt geirrt wäre?

Vielleicht nicht.

Vielleicht ist es egal, ob sich Manchesters widerwärtigster Fanatiker eine neue Dimension der Perversion ausgedacht hat und kleine stolze Mädchen in neuen Fan-T-Shirts ermorden wollte. Wäre an dem Abend eine Gasleitung unter der Halle explodiert und hätte eben so viele Menschen verletzt, verstört, getötet und in Trauer zurück gelassen, wäre das Ergebnis neutral betrachtet das Gleiche. Es gäbe nur weniger Misstrauen, Hass und Paranoia. Und die Gewissheit, dass sich niemand auf der Welt in blindem religiösen Wahn einen auf die Jungfrauen runterholt, die nach dem großen Knall warten. Ich hoffe, sie tragen Ariana Grande T-Shirts.

Passiert nicht überall auf der Welt gleichzeitig genauso viel Schreckliches? Ist nicht in Teheran, ist nicht…. Ich weiß.

Wäre ich eine Woche nach dem Anschlag nach Teheran gezogen, hätte dort studiert, Freunde, Erinnerungen und Hoffnungen geknüpft, ich wäre genauso erschüttert. Habe ich aber nicht. Das kann man jetzt mit strukturellem Rassismus begründen, oder mit dem überlegenen britischen Universitätssystem. Aber was interessiert es überhaupt irgendwen um wen ich wann und wie trauere?

Ich halte nichts von leeren Gesten und gefärbten Facebook-Bildern, aber wenn es im Moment des Schocks das Einzige ist, das man glaubt tun zu können, ändern, anfassen zu können, dann bitte. #IlvMRC.

Im Zweifel für den Zweifel, im Zweifel für die Trauer. Um Fremde, Freunde;  um den amerikanischen Traum und was Trump aus ihm macht; um Prominente von denen man nur den einen Song kennt, aber den auswendig; um Zootiere, die Monarchie.

Mir möge noch mal jemand erklären, warum weniger Empathie besser ist als zu viel. 

In Manchester haben Tattoo-Künstler bei einer Aktion knapp 35.000,- für die Opfer des Anschlags gesammelt. Mit kleinen Bienen-Tattoos, die jetzt tausende Manchesterianer mit sich herum tragen. Leere Geste, oder? Was bringt es den Betroffenen, wenn sich Andere mit Symbolen zustechen, sie bei Instagram teilen und irgendwann flapsig erzählen “ja, das war nach so’nem Anschlag, fand ich cool!”.

Dazu zwei Gedanken: Trauernden hilt, meiner Meinung nach, nicht viel. Zeit, Geduld, Max Porters Grief is the thing with feathers. Bestenfalls. Die Bienen sind kein Heilmittel. Im besten Fall für die geschockten Überlebenden, denen Facebook-Bilder-Färben nicht genug ist.

Dafür sind sie seit über zweihundert Jahren ein Symbol für Manchester und das Selbstverständnis seiner Einwohner. Als summender Industrialisierungsbienenstock, als linke Textil-Stadt. Als Familie. Als Live-Musik-Punk-Gaypride-Rock’n’Roll-Kulturzentrum des Nordens. Ich habe nie einen Ort mit mehr Gemeinschaftsgefühl erlebt, nicht vor, und erst recht nicht nach der Attacke. Deshalb trauert die Stadt, deshalb hat jedes Geschäft eine Biene im Fenster und gefühlt jeder Mensch unserer Generation eine Biene unter der Haut.

Eigentlich halte ich es gern un-uniformiert. Und mit Tomas aus Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, wenn er seinem Sohn sagt, dass er einen Protestbrief nicht unterschreibt. Nicht, weil er nicht zustimmt, sondern weil er seinen Namen nur unter Worte setzt, die er selbst verfasst hat.

Aber wenn ich der Oxford Dictionary Definition von Symbol traue, und die Biene als Versinnbildlichung der Stadt, ihrer Gemeinschaft, ihrer Wut, ihres Kummers, ihres sich-von-nichts-einschüchtern-Lassens nehme, dann mache ich gerne eine Ausnahme. Under my skin, so hieß schon das Avril Lavigne Album.

Tat übrigens fies weh.

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Coming Up: 

Part V: Chilenischer Wein, Jenga und Riesenspinnen.

14 Kommentare

  1. Ich lese diesen Artikel heute das zweite Mal. Weil mein Sohn nämlich seit Freitag auf dem Hurricane Festival in Scheeßel zwischen Bremen und Hamburg weilt. Ich habe ihn gebeten, mir Videos und Eindrücke über What’s App zu schicken und das macht er. Er macht das deswegen, weil er weiß, dass ich Angst habe und ihm das aber nie sagen würde, weil ich ihn liebe, weil ich will, dass er keine Angst hat vor den Wahnsinnigen dieser Welt, auch wenn es allen Grund gäbe, sie zu fürchten. Er soll ein Kind des Friedens sein, wie ich es das unbeschreibliche Glück hatte, bis jetzt, bis heute sein zu dürfen. Bleiben zu dürfen…
    Vielleicht ist es eine Art Gutgläubigkeit oder Naivität meinerseits, vielleicht auch nur das Mutterherz, das seinen Beruhigungspost wünscht, doch ich finde, das, was passiert, darf auf gar keinen Fall totgeschwiegen werden oder weg geredet. Eine kleine Biene auf dem Knöchel ist ein be(stechender) Beweis, ein bleibender, für eine Solidarität, die sich ausdrücklich von diesem Terror in der Welt distanziert.
    Auch ich distanziere mich davon.
    Indem ich meinem Sohn richtig viel geilen Spaß wünsche, indem ich ihn seinen Traum unbeschwert leben lasse und unbelastet von den Sorgen einer Mutter, die immer noch die Bilder von kaputten toten Kindern überhaupt kein bisschen aus ihrem Kopf bringen kann…

    Merci für Deinen großartigen Artikel.
    Avril Lavigne ..
    geht beides
    under my skin!

    Liebe Grüße von der Karfunkelfee

    Gefällt 1 Person

    • Danke schön, das bedeutet mir sehr sehr viel!

      Das Hurricane war auch für mich das erste Festival und ich habe wunderbare Erinnerungen an Schlamm, Chaos, Musik (Florence and the Machine bei Sonnenuntergang) und eine meiner liebsten Freundinnen, mit der ich dieses Jahr wieder auf ein Festival fahre, fast zehn Jahre später.

      Ich wünsche dir alles Liebe und deinem Sohn eine genauso wunderbare Zeit wie ich sie hatte!

      Nochmal: Danke für diesen offenen, warmherzigen und tollen Kommentar!

      XXX

      Gefällt 1 Person

  2. Das klingt grandios und so sollte ein Festival sein.
    Vergessen, dass man Gummistiefel trägt und sie wie feinste Tanzschuhe in den Modder bohren, so geflasht von der Musik und den andern, dass selbst Schlagregen nur als Fissel wahrgenommen und zehn Grad Kälte auch mal mit Sommerkleid ganz gut gehen wenn sie denn swingen.
    Ich wünsche Dir so viel Freude mit Deiner Freundin wie reingeht ohne zu platzen und vor allem Sommerwetter und schöne warme Nächte.

    Liebe Grüße✨

    Gefällt 1 Person

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