Flucht und Himmelfahrten sind unsere Koordinaten. 

Die Aurevoir Swansea Tour Edition.

Nur am Rande, meine Titel sind immer Songzitate. Bei dieser Holterdiepolter-Tocotronic-Anspielung war mir das ein Anliegen, noch mal zu betonen, dass ich privat ja nicht so rücksichtslos mit dem Konzept Metrum umgehe.

Draußen liegt London unter einer lilafarbenen Hitzewolke. All der Smog und Schweiß der Stadt haben eine Käseglocke gebildet und Alles tappt bedröppelt herum und staunt. Natasha und ich haben hier Halt gemacht, weil sie für ihren Umzug noch Sachen abholen, klären, planen muss, und weil Londoner*Innen eingehen, wenn sie nicht alle paar Wochen Londoner Luft riechen.

Es sind immer noch selbstverordnete Ferien im Hitzestau über der Insel. Die Haut auf meiner Stirn pellt sich und wir liegen mit Tee und Sandwiches im Park.

Später sitze ich in einem Bus nach Brixton. War ich noch nie und David Bowie, der Rebel Boy aller Rebel Boys, kommt hier her und es soll posh und rough gleichzeitig sein, was will man denn mehr, an einem Tag, an dem man sich hauptsächlich durch die Metropole treiben lassen will. Erst einmal lasse ich mich vor einen Bus treiben, was noch glimpflich ausgeht. Aus den Nebenstraßen und der Markthalle dringt das Chaos eines Viertels, in dem noch ein paar Menschen leben, auf dem Markt Gemüse kaufen und über die England-Hüte und David Bowie-Poster nur den Kopf schütteln können. Es riecht nach Gewürzen und Plastik.

Ich falle in einen Laden mit David-Bowie-Postern und lustigen Postkarten und veganen Kochbüchern und Plastikdinos und Fotobänden über Schweizer Innenarchitektur und Duftkerzen. In diesem Moment legt Bonnie Tyler los und schmettert Eclipse of a Heart. Im Laden ist außer mir nur der Verkäufer, der mich panisch anguckt und sagt, dass ihm sein Chef immer verbiete so einen Scheiß zu spielen, aber er stünde einfach so auf diesen 80er-Gay-Ikonen-Kram. Gemeinsam schmettern wir den Refrain, die Plastikdinos gucken kritisch, every now and theeeeeeeen; nachher erzählen wir uns Herzschmerzgeschichten. Er sagt, dass so viele Leute nur noch über Terror und Gefahr reden wollen, wenn sie denn reden wollen und ich sage, dass mir nichts weniger in den Sinn kommt und wie sehr ich mich dafür verachte, einmal tief durch zu atmen bevor ich in die Tube, in Kaufhäuser oder auf große Plätze gehe. Wir verabschieden uns.

 

 

Ich mache genau das. Fahre nach Covent Garden und schlendere durch die Markstände. Mit sechzehn war ich das erste Mal in London, mit meiner Mutter und einem irren Reisebus. In Covent Garden habe ich mir ein T-Shirt mit einem Comictier gekauft, ich glaube, es war ein Meerschweinchen. Der Meerschweinchen-Comictier-Tshirt-Mann steht immer noch da. Austerität frisst viel, nicht die Nippesläden in Covent Garden. Draußen liege Blumenberge und deutsche Englisch-LKs laufen an mir vorbei, aufgekratzt, betrunken. Ich schlendere ins British Museum, schaue mir die Japan-Ausstellung zur Großen Welle an. Ob man sich irgendwo besser verlieren kann, als in Londoner Museen? Nachher wandere ich die Tottenham Court Road runter und frage mich, warum Hermine im siebten Harry Potter ausgerechnet hierhin appariert ist. Als ob London anderswo nicht auch voll wäre. Ich probiere stundenlang Kleider, Schuhe, Unterwäsche an, während draußen die Hitzewelle abklingt. Dieser versnobte deutsche Shopping-Toursitenquatsch hilft gerade ganz gut gegen Gedankenspiralen.

Abends gucken Natasha und ich Plötzlich Prinzessin auf VHS-Kassette, während London langsam abkühlt. Was für ein unglaublich süßer und schlechter Kinderfilm das ist hatten wir beide erfolgreich verdrängt. Rotwein hilft, wir packen das Auto und stoßen auf die letzte Etappe unsere England-Tournee an: Zurück nach Wales.

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