Die unerwartete Heilkraft von Zuckerwatte. // Part 1. 

Und Vitamin D. Und lautem Elektropop. Und Achterbahnen. Achtung, ein bisschen too long to read. Deshalb ein Zweiteiler, beginnend mit Part 1,  der Tragödie erster Teil. 

Momente, die man nicht vergisst. Zum Beispiel, das Gespräch mit meiner Dozentin in einem der Uni Coffee Shops, in dem plötzlich Nenas 99 Luftballons im Radio läuft. Über 80er Pop hinweg sagt sie:

„You’re one of those strong, organised, go-and-get-it-kind of people. I know that, because I am that way, too. And sometimes you have to admit that something shakes you up and stop being  organised and got-it-all-under-control, and that is hard because that’s you. And you don’t want to stop being you. That’s what we are here for, seeing when being you is taking it all out of you.“

Anderthalb Wochen lang habe aus einer Umhängetasche heraus gelebt, was braucht man außer Kontaktlinsen, einer Kreditkarte und einer Zahnbürste, durch Wales, durch Manchester, mit dem Zug durch den Norden, durch pittoreske Kleinstädte, durch den Garten der Classics Conference in Leeds, runter nach London, nach Brixton, durchs British Museum, durch Südengland, zurück nach Wales. Ich bin jede einzelne Minute dankbar, dass ich Freunde habe, die so einen Quatsch nicht nur mitmachen, sondern vorschlagen, Sekt kaufen und sagen give yourself a break. Jetzt erst konnte ich aufstehen und mit meiner Dozentin ein paar ehrliche Worte über die letzten Wochen wechseln.

Zwei Monate lang habe ich nicht nur business as usual betrieben, sondern auch noch meine letzten Unikurse und Abgabefristen eingehalten, habe einen Job gesucht und gefunden, war in Deutschland auf Familienbesuchstournee, und bin mit der ersten Hälfte meiner Dinge nach Manchester gezogen. All das forderte ohnehin schon seinen Tribut in Form von grauen Haaren und Augenringen.

Gleichzeitig steht eine Version von mir immer noch mit einem zitternden iPhone in der Hand vor der Bibliothek, am 20. April. Drei Tage nach diesem Geburtstags-Post beginnt eine Mail meiner Mutter mit Sorry. Und seitdem ist alles ein bisschen langsamer und schmerzhafter, als würde die Realität noch buffern während man ein großes Datenpacket runterlädt.

Die grauen Haare (und alle anderen) habe ich rot gefärbt. 

Über dieses Sorry bin ich noch nicht hinweg. Sorry, ich bin Krankenhaus. Alles wird wieder gut.

Die letzten zwei Monate waren: OPs, warten auf Updates aus dem Aufwachraum über WhatsApp, Warten auf Ergebnisse, weitere OPs, warten auf weitere Ergebnisse. Als ich in Schottland auf einer Klippe stehe und unter Tränen im Krankenhaus anrufe, denke ich, dass nichts schlimmer ist, als nicht vor Ort zu sein. Als ich zwei Wochen später vor Ort bin, um zu hören, was für einen interessanten bösartigen Magentumor meine Mutter doch mit sich herumträgt, denke ich sehnsüchtig an die Unwissenheit der schottischen Klippen zurück. Innerhalb von zwei Monaten verschieben sich alle Prioritäten.

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Hoffentlich musst du nicht übers Wochenende bleiben, das ist ja immer doof, wenn man dann den Tatort verpasst nur weil niemand im Labor ist 

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Hoffentlich sind die Medikamente für den Nierenstent nicht zu heftig 

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Wenn sie den Tumor operieren, muss bestimmt nur ein Eierstock entfernt werden, mach dir keine Gedanken

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Es gibt ganz tolle Medikamente, man kann auch prima ohne Eierstöcke gesund weiterleben 

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Es ist kein schlechtes Zeichen, wenn der Arzt zwei Wochen auf Ergebnisse wartet

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Na, man kann ja auch den Magen entfernen, das ist nicht so schlimm 

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Es ist bestimmt das Allerbeste erst ein paar Monate Chemo zu machen, bevor sie den Tumor entfernen. 

Wenn jemand unsere Skype-Gespräche überwacht, hat er hoffentlich ein paar Pakete Taschentücher neben sich liegen. Träumen Spy-Bots von digitalen Tumoren?

In den zwei Monaten habe ich erst einmal gar nicht reagiert. Habe mich gesorgt, aber Sorgen gehört ja zum Alltag dazu, und ich wollte meine To-Do-Listen und die Zukunft nicht warten lassen. Du kannst ja eh nichts ändern wurde zu einer beliebten Begrüßung meiner Freunde und Familie.

Was macht man da? Zieht man zurück nach Hause, sofort? Setzt sich in den Alltag meines Bruders und ihres Partners und bringt die Dynamik aufs Neue durcheinander? Sagt man, ganz tocotronisch, alles ab? Sucht einen Job zu Hause, kündigt die noch nicht bezogene Wohnung? Du kannst ja eh nichts ändern, egal wo, war die Antwort. She wouldn’t wont you to, war noch so ein herzzerbrechender Satz.

Ich habe die letzten Monate weitergemacht, weil auch das zur Biographie gehört, weil ich es nicht eingesehen habe, mich ändern zu lassen. Weil sie es auch macht, meine starke, toughe, mutige Mutter. Da habe ich nicht das Recht, hier in Swansea auf meinem Bett zu liegen und zu jammern, dass ich will, dass meine Mama sofort wieder ganz gesund wird. Aber das letzte Du kannst ja eh nichts ändern habe ich nicht verdaut. Als wäre damit alles gesagt. Als wäre die Wut über die Ungerechtigkeit, das Timing, die Entfernung damit wertlos. Bringt ja nix. Neoliberale Scheißmentalität, in der alles entweder effektiv oder sinnlos ist.

Momente, die man nicht vergisst, in mein Swansea-Zimmer kommen, und sehen, dass  Freundin Natasha eine Flasche Sekt hingestellt hat, mit einer Karte, die sagt I know you’re going through hell right now and, if nothing else, I’m here for you. 

Das war der Moment, in dem ich erst durch die Rührung über die Geste gemerkt habe, wie dringend ich sie gebraucht habe. Und der Moment, in dem ich mir eine Pause gegeben habe. Vom Alles-Schaffen-Müssen-Können. Ich kann vielleicht nichts ändern, aber wenn ich über die Schockstarre und das toughe Gesicht vergesse zu realisieren wie scheiße das alles ist, wird auch nichts besser.

In No 2: Hitzeschlag, Zuckerwatte und Ruhe.

11 Kommentare

  1. Ich weiß, dass das, was ich jetzt schreibe, für Sie nur ein kleiner bis gar kein Trost ist. Als Betroffener dieser blöden Krankheit weiß ich aus eigener Erfahrung und von anderen, dass irgendwann man an den Punkt kommt, wo einem der Zuspruch derer, die einen Lieben, ziemlich nervt. Mit solchen Aussagen wie: „Das wird schon.“ „Heute siehst du aber besser aus.“ „Was hat der Arzt gesagt“ wird man ständig zugeschüttet. Man verbringt mehr Zeit damit den anderen Mut, Trost und Hoffnung zu zusprechen, als selber innerlich zur Ruhe zu kommen. Dass man sich darüber freut, wenn der Krankenhausbesuch mal ausfällt und man sich so banalen Dingen wie Gala oder Bild der Frau lesen zuwenden kann. Bei meiner dritten Erkrankung kam ich so weit weg, dass mich kaum einer aufsuchen konnte, was sehr erholsam war, da ich niemanden beruhigen musste. Und vielleicht ergeht es Ihrer Mutter genauso. Und sie freut sich mehr darüber, dass Sie an sie in Liebe denken und weiterhin Ihren Weg gehen. Liebe Grüße.

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