This sea-town was my world.

30 Fotos –  30 Tage –  3 schlechte, aber ehrliche Gründe für die Funkstille. 

Seit über einem Monat herrscht hier Stille und hat sich so festgefressen, dass ich sie nicht stören wollte. Wie die Spinnweben in der Ecke, die man irgendwann nicht mehr wegzuputzen wagt; ausserdem habe ich mal gelesen, dass die einzelnen Münzen, die man in Sofaritzen findet der Versuch der Spinnen sind, Untermiete zu zahlen.

Erst mal, als kleine Wiedergutmachung, 30 Bilder der letzten 30 Tage ohne Wortmeldung meinerseits:

 

 

Drei Gründe für Stille und ein Versprechen

Zum Einen: 

Ich habe mein Wortlimit erreicht. Buchstäblich, wortwörtlich, im Blocksatz mit Ausrufezeichen.

Ich schreibe jeden Tag:

  • Im Job. Pressetexte, Mails, Onlinecontent, Blogposts, Editorials, Pläne, Präsentationen, auf Englisch.
  • Tagebuch, jeden Abend, inzwischen knapp 300 Seiten Dokument, seit 2015, auf Deutsch
  • Mein Buchprojekt. Im Kopf, auf dem Handy, in drei Dropbox-Ordnern, ohne Punkt und Komma, auf Deutsch.
  • Meine Masterarbeit, am Wochenende, unterm Brennglas auf Englisch.
  • Social Media und SMS; WhatsApps, immer und immer wieder, Englisch und Deutsch.

Das sind tausende Worte, tagtäglich. Hätte man einem ja mal sagen können im Geisteswissenschaftsstudium, dass man Worte mögen muss. Gilt diese Ermüdung auch für andere Jobs? Können Radiomoderatoren zuhause nicht mehr sprechen und Meeresbiologen ihre Aquarien nicht am Leben erhalten?

Jedenfalls wachsen jetzt riesige Tomaten auf dem Balkon, die sind zufrieden, auch wenn ich ihnen nicht täglich Statusreporte schreibe.

Zum Zweiten: 

Ich hatte schon immer ein Problem mit binären Strukturen, die einen zwingen sich zwischen links&rechts, frau&mann, homo&hetero, jung&alt, gut&böse zu entscheiden. Im Zweifel für den Zweifel und die Zwischentöne. Muss mir niemand erzählen, dass die Welt daran verglühen wird, Menschen und ihre Identitäten mehr Gestaltungsraum zu geben. Künstliche Grenzen aufrecht zu erhalten kostet uns mehr Kraft, als sie aufzulockern, denke ich mir in ruhigen Momenten. Gerade bringt mich der krasse Szenenwechsel zwischen sehr unterschiedlichen Modellen um Schlaf und Verstand.

Strand, Wald, Natur – Urbane Hochhauswüste
Fernbeziehung  -Zusammenwohnen

Uni – Bürojob

Ich habe all diese Entwicklungen über Monate vorbereitet, mit Jobsuche, Wohnungssuche, einer Weltkarte, auf der ich nach der Zukunft gesucht habe, die ich haben will. Geworden ist es eine Wohnung in einer Großstadt, Streit über Quittungen und Büroalltag. Und es ist nicht mal jemand anderes Schuld, wie ich mir gerne einrede, wenn es schwierig wird. Dieses Mal ist es nicht die fiese Französischdozentin, das Studentenwerk oder der doofe Exfreund. Dieses Mal ist es einfach und simpel mein Wunsch nach einem ruhigen Erwachsenenalltag, der mich jetzt auffrisst, die Revolution des Spießbürgertums strikes back.

Und ungerecht ist es noch dazu, wo sich doch Manchester und seine Bewohner so anstrengen, eine wilde, bunte, liebevolle Heimat voller Kultur und Clubs zu sein. Wo ich doch nächste Woche auf ein Festival fahre, meine Chefin mir aus der Hand frisst, meine Kollegen ein Quell unendlicher youtubelinks und Instantkaffees sind, wo ich von Freunden und Familie heimgesucht und besucht werde, und der Sommer über den Nordosten hinweg peitscht. Morgen ist Wim Wenders Filmtag in meinem Lieblingskulturzentrumskino, Dienstag ist Yoga&Meditationstag, und Freitag liege ich meinen liebsten Londonern beim Green Man Festival im Brecon Bacons Nationalpark in den Armen.

Es ist nicht Manchesters Schuld, ziemlich sicher. Vielleicht hatte ich es zu eilig mit dem Umziehen, Ankommen, Jobanfangen. Das ist nicht Punk, nicht David Bowie, nicht Patti Smith. Vielleicht ist es alles zu viel, das zweisprachige, ewig-besorgte, heimwehkranke, Masterarbeitsvergrabene, kriselnde Herumtigern am Kanal. Aber das ist nicht die Version von mir, die ich mag, mit der ich gut auskomme, mit der ich gern befreundet wäre. Das ist die seltsame Gestalt mit den müden Augen im Spiegel, die nicht vorwärts oder rückwärts weiß, und die ich in Deutschland zurücklassen wollte, als ich nach Wales gezogen bin.

Zum Dritten:

Speaking of which: Ich bin nostalgisch in Gedanken an die jüngste Vergangenheit in Swansea. Ich vermisse das schimmelige Haus, die sinnlosen Kurse und die Küstenstürme. Ich vermisse meine Dozenten, meine Volcano-Crew, meine Natasha. Meine Vorstellung von Idylle ist ein langer Brunch in Uplands Diner nach einer durchtanzten Nacht, ein Nachmittag mit klugen Gedanken in der Bibliothek und ein Bier am Strand in der untergehenden Sonne. Ich würde mehr als alles geben, um noch ein Jahr im Master zu studieren, einen phD zu machen, diese Zeit behalten zu dürfen. Der Kontrast zur Gegenwart ist umso harscher.

Swansea war und ist für mich ein Sehnsuchtsort, der in seinen Hügeln liegt und mit offenen Armen wartet. Im September bin ich für zwei Wochen da, um die Arbeit fertig zu redigieren, zu laminieren und einzureichen. Man darf Fotos und Gin erwarten!

Ich vermisse die aus der Zeit gefallene Neugierde und Lebenslust da unten im Süden.

Ich hatte heute einen Ohrwurm, den ich auf mit Hängen und Würgen nicht zuordnen konnte, googelte den Refrain und landete bei der Kirmesszene aus Grease, und “You are the one I want”. Die Nostalgie traf einen Nerv.

 

Die Zeit in Wales war für mich eine zweite, eine schönere Pubertät, eine flirrende Dimension aus Popkultur, Kitsch; Neugierde auf Filmklassiker, Neugierde auf Wissen, auf endlose Lesenächte und Spaziergänge, eine Spähre für Experimente und Lebensentwürfe auf der Pinnwand.

Ich habe mich aus guten Grünen für Diesen hier entschieden, aber trotzdem bleibt die Frage, wie lange ich mich hier unglücklich mache, bis ich realisiere, dass es nicht der richtige ist, so sehr ich es auch wollte. Vielleicht muss ich noch mal Grease gucken, in Swansea, am Strand.

Als erstes aber gelobe ich Besserung: Dieser Talk Welsh Blog war immer eine meine liebsten Freizeitbeschäftigungen, und jetzt, in der Stille, fehlt mir mein Logbuch, das Tage sortiert, schöne Momente festhält, und Platz zum Brabbeln bietet. Ein herzliches Dankeschön auch an all die Lieben Leser & wordpress’ler da draußen, die sehr sanft nachgefragt und weitergedrängelt haben – ohne euch hätte ich noch ein bisschen weiter schweigend gegrübelt.

9 Kommentare

  1. „I never know why, I only know who.“ ~ The Doctor

    Ich mag keine Menschen. Keine Travel-Blogs. Glückliche Beziehungen sind mir ein Greul. Weder bin ich Schöngeist, noch Naturliebhaber, noch Fernwehfaschist noch Philanthrop.

    Deine Schreibe war mir von Anfang an sympathisch. Ich fühl mich wohl hier und komme gerne wieder. Auch wenn das Schweigen Monate dauern sollte.
    Nur kein Streß. Streß fördert Pflichtgefühl und das macht alles Angenehme zunichte.

    Gefällt 1 Person

  2. Ich habe Heimweh nach Swansea. Auch nach dem Swansea, wie du es uns aufgetischt hast. Und klar, ich vermisse diese virile, instinktsichere Schreibe, die so Vieles transportieren kann, auch in weniger als 1000 Worten. Never give all your heart. Es scheint so, als könnten wir an anderen Orten nur dann leben, wenn wir an den Orten davor nicht das ganze Herzblut gegeben haben.

    Gefällt 2 Personen

    • Wie schön auch von dir wieder zu lesen, das ist ein bittersüßes Kompliment – habe das Schreiben selbst auch arg vermisst und es erst jetzt gemerkt.

      Dieses Herzblutgefühl hatte ich, als ich aus dem Ruhrpott weg- und nach Wales gezogen bin. Aus dem, was ich für den perfekten fröhlichen Freundeskreis in einer coolen urbanen Gegend gehalten habe, ins große blaue Unbekannte hinein. Ich war also schon im Herzblutdispo, und den hat Swansea ohne Vorwarnung noch mal überspannt.
      Das arme Manchester hat kaum eine Chance..

      Beste Grüße!

      Gefällt mir

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