Brexit means Bullshit & other stories of Heimweh und Entfremdung

Am Sonntag habe ich nach langer langer Pause die Talk Welsh Story weitergestrickt. Den Sommer über war aus „Zu wenig Zeit zum Schreiben“ geworden, daraus wurde „Uff, schon lange nichts mehr geschrieben“ wurde „So lange nichts mehr geschrieben, dass es eh niemanden mehr interessiert“. Mein Selbstmitleid und ich standen also Spalier und gucken nicht schlecht, als all die treuen, charmanten und wunderabren Leser aus der digitalen Tiefsee auftauchten und sich mit Kommentaren und Nachrchten zu Wort meldeten. DANKE. Ihr habt mir den Wochenstart wirklich versüßt.

Gerade herrscht Sommerloch – wie früher in den Ferien, mit Kratzeis, Sand zwischen den Zehen und drohendem Atomkirieg, Naziaufmaerschen, Wirtschaftschaos und Wahlkoma.  Also kurz Zeit ins Weltgeschehen einzutauchen und an einer Trinkhalle in Essen-Frohnhausen an den letzten Sommer denken wieder aufzutauchen:

Ich hänge ja von Berufes wegen viel zu viel auf Social Media Seiten herum – Britischen während der Arbetiszeit und deutschen während der Pause und der Heimfahrt. Ich schreibe viel (zu wenig) mit meinem Ruhrpott-Club, Familien und anderen Lieblingen, schicke Fotos, telefoniere nach Hause und skype gefühlt jeden zweiten Tag über dien Ärmelkanal hinweg. Deshalb habe ich meistens das Gefühl, in meiner kleinen westeuropäischen Nachrichtenwelt ganz gut informiert zu sein, wer gerade wen abwählt und warum, welcher Theaterindentant sich mit wem verkracht, wie das dänische Königshaus mit dem verzärtelten Ego ihres Prinzgemahlen umgeht. Die Welt im digitalen Schaukasten zu verfolgen macht einen enormen Teil meines Lebens aus und ich hasse es, von neuen Entwicklungen überrumpelt zu werden. Zum Beispiel die Ex-Grüne Sympathieträgerin, die das Niedersächsische Parlament zerlegt hat – die habe ich im Volkswagenskandal voll verpasst. Finde ich sehr ärgerlich, erst am dritten Tag das Twitter-Meme zu verstehen. Ich bin gerne die nervige Person auf der Hausparty, die über Eklats bei FDP-Parteitagen lacht.

Seit gut einem Jahr versuche ich, meine Neugierde für Politik und Weltgeschehen auf zwei Staaten auszudehnen. Dass wir uns in einem Brexit-Wirbelsturm befinden, in dem wöchentlich Minister ausgetauscht werden und die BBC mit hilfreichen Erklärvideos durchleuchtet, was genau das Parlament hier darf und was nicht, ist schon mal hilfreich. Trotzdem klaffen manchmal Wissensluecken auf, die nur Wikipedia oder verwunderte Kollegen stopfen können und die mir in Deutschland nicht so einfach passiert wären.

Ich kichere über Werbeplakate der RAF, habe keine Ahnung wer Jimmy Saville war und habe im Schnellverfahren versucht zu verstehen, warum die homophobe, Kilmawandel- und Evolution leugende DUP Theresa May im Amt halten kann, ohne Belfast zu verlassen.

Also höre ich stundenlang Podcasts, abonniere Zeitungen und folge so vielen politischen Kommentatoren wie möglich auf Twitter. Und denke nebenbei, dass ich auch über Deutschand ganz gut Bescheid weiss. Ich habe sowieso nie daran geglaubt, dass man so schnell entwurzelt wird, dass man vergisst, auf welcher FM-Welle 1Live läuft, dass Alverde besser ist als Alterra oder das Autos von der anderen, also der richtigen Seite kommen. Bis ich im Frühling fast vor ein Auto gelaufen wäre. Mir wird schon kein massiver gesellschaftlicher Umbruch entgehen, dachte ich, das Hupen noch im Ohr.

Aber dann sehe ich die Wahlprognosen und frage mich, wo diese zehn Prozent AfD herkommen. Mit bitterem Gescghmack im Mund zweifle ich dann doch wieviel von der Insel es durch die Nordsee auf den Kontinent schafft. Und ob die Stimmung, die gerade im Vor-Wahlsommerloch im Ruhrgebiet herrscht, hier wirklich durch ein paar Facebookposts und Spiegel Online Artikel durchdiffundiert.

Deshalb ein paar Fragen an euch (D), und im Gegenzug ein paar live&brandneue  Antworten aus England (E), ungeilftert und zollfrei – Anektdoten, von denen ich mir nicht sicher bin, ob sie schon so erzählt wurden: 

D: Gibt es noch andere Wahlplakte der CDU als dieses eine, dass ich auf ZEIT Online gesehen habe, auf dem ernsthaft steht „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“, als hätte der Texter-Praktikant vergessen, noch rechtzeitig politisch relevanten Content zu liefern?

E: Hier gibt es die These, dass Theresa hauptsächlich wegen ihres grenz-humanoiden Interviews die Wahl verloren hat, in dem sie auf die Frage „What is the naughtiest you’ve ever done“ erst zimperte und zögerte, und dann sagte „Well the farmer probably wasnt too happy about us kids running through his fields of wheat“. Eine unendliche Internet-Spirale aus Weizenfeld-Witzen brach los. Weltfremder und weniger authetisch hätte man kaum antworten können.

D: Sind Studenten eine Zielgruppe im Wahlkampf? Also, inklsusive Curriculum-Verbesserung, Lehrmittel und Drittmittelförderung, Bafög-Erhoehung, NC-Überarbeitung? Irgendetwas?

E: Die Wahlbeteiligung unter 18-30 Jaehrigen war auf einem Hoechststand, auch weil die Labour-Partei unter Corbyn versprach, die horrenden Studiengebühren (9,700 pro Bachelorjahr) abzuschaffen. Ds sorgte fuer eine wilde öffentliche Debatte ueber Genertionengerechitgkeit – jammernden Millenials gegen überprivilegierte Baby-Boomer stritten über hre Anteile vom Avocado-Kuchen.

D: Ist es normal, den Ferund/Freundin/Partner/Ehegatten per Handy zu tracken?

E: „In a relationship, you give up your right to privacy“ sagte mir ein Kollege, als ich perplex der Geschichte lauschte, wie eine Bekannte die Untreue ihres Freundes an seinem Bewegungsprofil erkannte. Ein zehnkoepfiges Team nickte. Nach dem Facebook-Beziehungsstatus kommt das gegenseitige Tracken ueber die „Find my friends“ App.

D: ist der Deutsche Buchpreis omnipräsent?

E: Hier werden Bücherpäckchen mit allen Long-List Titeln des Man Booker verkauft und keine größere Zeitung kommt ohne eine Debatte ueber die Hautfarbe der Autoren aus.

D: Läuft Dunkirk schon im Kino und The Crown schon bei Netflix?

E: Einziges Bürothema, wer hat diesen Fim schon wie oft gesehen – Alle sind hin und weg, egal ob Remainer oder Leaver.

D: Brexit, überhaupt. Ist das schon gelaufen? Spricht da noch jemand drüber, außer den SZ-London Kommentatoren?

E: Hier haut sich das Hard Brexit und das Soft Brexit Lager gegenseitig auf den Schädel, so dreckig und wütend, wie es nur Uderzo&Gosciny zeichnen koennten. Die Linke zerfleischt sich selbst, ob ein neues Referendum oder ein Sof Brexit die beste Option ist, während die Tories bereit scheinen, die Verhandlungen jederzeit platzen zu lassen. Nebebei setzt langsam die Sorge ein, sogar die walisische Industrie warnt vor den Wirtschaftsfolgen des Ausstiegs.

D: Wenn man jetzt das Radio anmacht, bei Rewe einkaufen geht oder in einen poppigen Club fällt – welcher Song würde laufen? Gibt es deutschen Grime?

E: Ich bin vielleicht ein kultureller Volltrottel, weil ich erst hier das erste Mal von Stormzy gehoert habe – aber nach wie sprudelt neue Musik durch London und dann, langsamer, durchs Land. Die BBC1 A List vom letzten Freitag sah so aus: Chasing Highs – Alma; Everything Now – Arcade Fire und Feels (feat. Pharrell Katy Perry & Big Sean) von Calvin Harris. Aber das ist auch das ultimative Top of the Pops Programm. Meine Freunde sind nach wie vor besessen von MSMR – ich persoenlich habe mich mit meiner Vorliebe fuer traurige Menschen mit Gitarren in Laura Marling und Johnny Flynn&The Sussex Whit verguckt.

D: Essen immer noch alle Froyo?

E: Es essen immer noch all Froyo.

Über Tipps, Hinweise, Geschichten, Antworten und Anekdoten würde ich mich freuen. Will mich bei meinem nächsten Besuch, der wohl nach der Bundestagswahl liegt, nicht allzu auffällig verhalten.

Ich weiss nur, in Deutschland taucht jedes Jahr im Sommerloch ein Krokodil auf. In England ist es dieser Artikel über Superflöhe mit Riesenpenissen (Link): http://www.manchestereveningnews.co.uk/news/greater-manchester-news/your-home-set-invaded-sex-13472124

Schön zu wissen, dass wir gemeinsam in Irrelevanz baden gehen, auf beiden Seiten des Kanals.

 

6 Kommentare

  1. A: Die Wahlplakate werden gerade erst aufgehängt bei uns, direkt vor der Haustür lächelt mich seit heute Frau Merkel an. Und das ist gut so, egal was druntersteht. Auf den Slogan hab ich nicht geachtet. 😉

    A: Brexit ist noch ein Thema hier, in den Medien, aber auch privat zu Hause. Ich hör das Wort jeden Tag, es wächst mir zu den Ohren raus 😦 was vor allem daran liegt, dass ich mit einem Briten zusammenlebe. Er kann sich immer noch nicht beruhigen und hat vor kurzem die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Brexit machts möglich! 😉

    Alles in allem sind wir aber mehr mit diesem Mickey-Maus-Präsidenten der USA beschäftigt. Man schüttelt den Kopf. Und das kann niemand so gut wie die Deutschen. 😉

    Gefällt 1 Person

  2. Wahlplakate nehme ich nicht wahr, aber sie hängen wohl, mehr präsent als omnipräsent, so wie ich es in früheren Zeiten erlebt habe. Auf die Plakat Texte muss ich jetzt einmal achten.
    Wahlprogramm der SPD (unter anderem zur Bildung): http://www.bundestagswahl-bw.de/wahlprogramm_spd_btwahl2017.html#c33474 Die Programme der anderen Parteien zum Thema Bildung interessieren mich nicht (als SPD Wähler, eingefleischter, genetisch sozusagen). Der Buchpreis ist nicht in aller Munde. The Crown läuft auf NETFLIX. Für mich und meine genervte Umgebung ist der BREXIT ein wichtiges Thema (allerdings nur, weil ich da einige Finger in die Wunden lege). Ich hatte vor, mir in England/Wales ein Residentual Home zu kaufen. Jetzt steht der ganze Plan auf Abriss, sollte Frau May an der Freizügigkeit und dem Aufenthaltsrecht die Axt anlegen. Und ich gestehe, dass ich erst einmal googlen musste bei „grime“ und „Stormzy“ und „Froyo“. Insofern, Emily, bist du in jeder Hinsicht auch immer bewusstseinserweiternd. „In Irrelevanz baden gehen“, diese Sentenz ist ja sowas von cool 🙂

    Liebe Grüße

    Achim

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    • Aaaww! Danke schön, wie immer, für lange und reizende Kommentare und Anregungen.

      Dass der Brexit deine Retirement Pläne betrifft finde ich mehr als traurig – gibt es Ersatzpläne? Irland?

      Herzliche, Bewusstseinserweiternde Grüße 🙂

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      • Ich bin tatsächlich ab der nächsten Woche 10 Tage in Dublin. Da werde ich mich aber nicht um Retirement Dinge kümmern, sondern den Aufenthalt unter dem Sternenhimmel der irischen Literatur und Folklore genießen. Ich werde dir dann einmal über die Irische See hinweg tröstende Gedanken nach Manchester schicken 🙂

        Liebe Grüße

        Achim

        Gefällt 1 Person

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