The Mystic Valley // Green Man 2017

Kapitel 1 – Green Man FAQ, Packlisten und walisische Waldwege. Reisetipps auf dem Weg zum zauberhaften Musikfestival im Druidenwald. 

Mitte August, England regnet. Donnerstagnachmittags sitze ich im Büro, habe nichts gepackt oder geplant, nur das Ticket, das Zelt und das Zugticket.  Ich hasse hastiges Packen, ungewisses Planen, Orte ohne Handyempfang.

Ich hatte über Umwege vom Festival erfahren, dessen Namen die meisten meiner englischen Bekannten schon mal gehört hatten, aber kaum jemand bisher besucht hatte – ich hatte im Frühling die Twitterseite eines meiner Lieblingsmusiker, Johnny Flynn, gestalkt, der just an diesem Morgen verkündete, Teil des Line-Ups zu sein. Das las sich überhaupt sehr grandios und spätestens bei einem Blick auf die Bilder der letzten Jahre war es um mich geschehen.

Im Vorfeld gab es wenig Berichterstattung rund um das sagenumwobene Festival, aber gleich zwei meiner Lieblingspodcasts drehten sich simultan um das versteckte, „am besten kuratierte“ Festival der Welt:

Seit 15 Jahren feiern Mitte August Künstler, Musiker, Familien, Anwohner und Gäste aus ganz England zusammen in den Brecon Beacons. Erst seit 2007, als Fiona Stewart die Rechte am dann noch sehr kleinen Tagesfestival kaufte, ist es zu einem überquellenden Topf an Inspiration und Wahnsinn geworden. Zusammen mit ihrem Sohn arbeitet Stewart daran, die Festivitäten immer wieder neu zu erfinden, in dem sie neue, junge, etablierte Bands einladen. Diese, wie Pictish Trail von den Hebriden, fabrizieren handgemachten Folk– doch vor allem weil sie seit 15 Jahren immer wieder kommen. Es gibt Fans, die ins nahegelegene Städtchen Crickhowell ziehen, weil sie sich nicht vom Sugar Loaf Berg trennen wollen. Es gibt Tausende, die später twittern, Green Man sei ihr zweites Zuhause und der einzige Jahresurlaub, den sie sich gönnen.

IMG_2331Es gibt Musiker, die sagen, dies sei das einzige Festival, zu dem sie ihre ganze Familie mitbringen und das ganze Wochenende bleiben, weil die Atmosphäre und das Line-Up so einzigartig sind. Zusätzlich zur Musik gibt es auch eine Spoken Word Bühne, auf der Autoren wie Irvine Welsh mit Fans diskutieren, ThinkTanks gehalten und junge Stand-Up Comedians gefeiert werden. Es gibt ein Kunstkino, unendlich liebevolles Kinderprogramm, einen Wissenspark, Schmiede-Kurse, Meditationskreise, Handleser und selbstgebaute Whirlpools. Es gibt das Walisische Bier&Cider Festival im Festival, eine offizielle Radiostation in den Händen der 10-16jährigen Besucher und überall kleine Theatertruppen. Es gibt so wahnsinnig viel zu berichten, und ich werde versuchen, in den nächsten Posts diesem Zauberdorf in allen Facetten gerecht zu werden.

IMG_2593Aber in dieser Augustwoche, die ich mit meinen Lieblings-Inselbewohnern und PJ Harvey, Johnny Flynn und Connor Oberst verbringen wollte, wusste ich all das noch nicht. Für mich war Green Man eigentlich nur ein Festival mit netten alternativen Bands in hübscher Kulisse. Ein Campingausflug mit Freunden und guter Musik im Hintergrund. Dann kam der Packstress und die Masterarbeitsdeadline rückte immer näher und plötzlich war es eher ein Punkt auf der To-Do-Liste, den es abzuhaken galt. Und ich bin doch immer so müde von der Arbeit und so nervös ohne Handyempfang.

Von der Realität des Zeltens eingeholt schrieb ich neurotische Packlisten, Campen war ich lange, lange nicht mehr. Fragen wie:  Sonnenbrille oder Regenmantel kommen auf, aber auch: Trockenshampoo schoen und gut, aber meine Haare haben bei Naesse Afro-Volumen –  Wenn ich da noch Backpulver reinpudere ergibt das doch eineneinzigen stabilen Dreadlock, oder? Oder was heisst das, wenn alle sagen Green Man sei das netteste Festival der Welt? Gibt es da auch die nettesten Dixieklos der Welt? Und wie findet man seine Reisegruppe ohne WhatsApp zwischen 20.000 anderen? In all dem mentalen Trubel sagte ich immer wieder sage ich mir, wann ich mich entspannen kann – das erste Cider ist die Ziellinie.

Vorher nur noch: einkaufen, packen, duschen, packen, Pflanzen gießen, sim karte in altes Handy umbauen, Kamera Akku laden, packen, Karte raussuchen, Geld auf Top-Up-Karte laden, packen, Zug fahren, Opa zum Geburtstags gratulieren, den Shuttle Bus finden, den Berg hoch fahren, Ticket abholen, Freunde finden, Zelt aufbauen, festellen was man alles vergessen hat, durchatmen, Cider trinken.

Unsere Truppe kommt aus allen Ecken zusammen, S. und ich aus Manchester reisen mit schweren Rucksaecken aus Manchester, Amy und Stella machen sich in Newscastle auf den Weg, Natasha in Swansea, Temi und Benedi ct in London. Fuer uns zwei  bedeutet das: 2,5 h Zugfahrt durch England und Nord-Wales, die durch meine Lieblingslandschaft und in den Ort hinein, den treue Harry Potter Fans als einen der Stops des Fahrend Ritters kennen – Abergavenny, das Tor zum Brecon Beacons Nationalpark. Dort standen wir im diesigen Regen, und ich war immer noch nicht entspannt, die Liste in meinem Kopf noch lang und hektisch, Cider noch gefühlt Stunden entfernt. Ein kostenloser Shuttlebus quälte sich durch die Huegel, am Fluss Urk entlang und spuckte uns schließlich an einer Zugbrücke zwischen zwei Ufern aus.

Über den Nieselregen, den Stress niemanden unserer Gruppe zu finden und die schlammige Schlange an den Box Offices hinweg bemerkten wir nicht, dass die Zugbrücke die schnelle, hektische, wirkliche Realität von einer kleinen Hippie-Kommune trennt. Während der ersten tropfenden Minuten, in denen niemand aus der Reisegruppe aus Handy ging (wie auch, fiel uns später auf), die Zeltstadt unendlich groß wirkte und die Großstadtwelt so weit entfernt war, fühlte ich mich vor allem einem bizarren Freizeitstress ausgesetzt: Das ist ein wertvoller Prozentteil deines Jahresurlaubs, die Abschlussfeier deiner Studentenzeit – GENIESS ES, Damn it. Ich stand in mitten herzensguter walisischer Musikfans, zwischen Karnevalständen und einer meterhohen Green Man Statue und fühlte mich einsam und überfordert. Ich tat was ich immer tue und folgte stoisch meiner To-Do-Liste.

Das erste Cider kam aus einer Walisischen Familienbrauerei und schmeckte auch im Nieselregen köstlich.  Ab da ließ mich auf all den schillernden Irrsinn ein, den Green Man zu bieten hatte. Mehr dazu in den nächsten 6 Geschichten aus dem Walisischen Zaubermusikkonvent.

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