The Night My Piano Upped and Died // Green Man 2017

Ein kleiner Einblick in das Herzstück eines jeden Festivals: Das Green Man 2017 Line-Up.

Für vier Tage hing eine lange Line-Up-Liste an meinem Green Man Schlüsselband – immer wieder fummelte ich nach dem zehnseitigen Miniaturprogramm um zu sehen, was es auf den vier Bühnen und in den Tanzzelten zu sehen gab.

Vier Tage lang voller Musik – Aufwachen zu den Soundchecks, Frühstück im 24h Hurly Burly Jazz-Café, Musikfilme im Cinema-Zelt, bärtige Gitarrenmänner als Hintergrundklangteppich beim Mittagessen im „Walled Gardens“ Innenhof, ab nachmittags bombastische Sounds von der Mountain Stage, nachts dann Brass-Electro-Tanzsounds aus den Zelten.

Unten findet ihr die offizielle Green Man Spotify Liste, aber hier ein kleiner Abriss meiner eindrücklichsten Momente:

Johnny Flynn

Ein schlecht gelaunter, aber deshalb nur umwenig süßer Johnny Flynn sprang am Freitag auf die Mountain Stage, hinter ihm der Sugar Loaf, in der Menge gefühlt 76% verliebter Mädchen. Ich würde ja gerne cool abwinken und irgendetwas distinguiertes sagen als „Uihuiu“, aber der junge Mann aus der Serie Lovesick ist schon knuddelig. Wolkig-folkigen Gitarrensound kann er auch. Nette Ansprachen ans Publikum allerdings nicht. Relation Albumsound zu Livesound – kaum ein Unterschied, trotz aller Bemühungen seiner Ukulele und Violine spielenden Bandmitglieder. Ob das jetzt ein Qualitätsmerkmal ist, wage ich zu Bezweifeln.

Ryan Adams

Allesamt waren wir überrascht, wie schlecht Ryan Adams sich auf der Hauptbühne machte. Als Popstar und alleiniger Rom-Com-Soundtrack für emotionale Momente war er augenscheinlich ein Anreiz, kommerziellere Bands und ihre Fans, auf die Agenda zu setzen. Bloß setzte Green Man Ryan Adams und seine unendlichen, semi-talentierten Gitarrensoli nicht auf die Agenda. Natasha und ich hatten uns vorgenommen, vor der Bühne zu tanzen, zu grölen und den ersten Abend auf dem Festival angemessen zu feiern – nach dem dritten vollkommen identischen Song herrschte um uns herum betretenes Schweigen, was wir nutzen, um relativ laut Mr. Brightside zu singen. Wenn schon Pop, dann schon richtig trashig. Das restliche Wochenende wurde „das ist ja sowas von Ryan Adams“ zu einem Slogan für Langeweile. Er wäre wohl gerne Neil Young, klingt aber leider wie Ryan Adams. Relation Albumsound zu Livesound: Keine Ahnung, aber eventuell ist das Album noch langweiliger, die Gefahr besteht durchaus.

Pictish Trail

Über die treuen Green Men der ersten Stunde, Pictish Trail, habe ich ja hier schon kurz berichtet. Die Band bildet nicht nur 10% der Bevölkerung ihrer Heimatinsel, sie kommt jedes Jahr aufs Neue nach Wales und hofft in einem Post-Brexit-Zeitalter darauf, eines Tages auf ein Referendum und eine EU-Mitgliedschaft ihrer Insel. Was sagen wir – dürfen sie? Ich sage, wer so schönen Rockfolkpop produziert darf auch nach Straßburg! Kannte sie vorher nicht und war augenblicklich hin und weg, als sie am Freitag die Hauptbühne eröffneten. Wir saßen auf den sanften Hügeln und lauschten den bärtigen Jungs, die das Festival als ihre zweite Heimat betrachten.

Kate Tempest

Hier muss ich gestehen, dass ich mich auf die leuchtenden Augen meiner Freunde nach ihrem Set verlasse – ich habe Kate Tempest gegen einen Waldspaziergang und ein Tanzzelt ausgetauscht. War wohl die schlechtere Wahl, alle meine Londoner waren hin und weg von ihrem punkten Spoken Word, Rap, Rock. Keinerlei Wertung meinerseits – alle, die sie gesehen haben sagen allerdings, dass sie zu den absoluten Highlights gehörte.

Michael Kiwanuka

Die total überraschende Entdeckung für unsere Reisegruppe. Ehrlich gesagt haben wir ihn ein bisschen als Vorband zu Ryan Adams verstanden, bis Michael auf die Bühne kam und uns allesamt mit der wohl schönsten, souligsten, zigarettenverkratztesten, klaren Stimme aufgerüttelt hat. Nicht nur hatte Ryan danach keine Chance mehr, wir alle verbrachten eine wunderschöne Stunde mit diesem traumhaften Sound im Ohr. Danke. Mehr davon, jederzeit!

Chai Wallah Tent – Diplomats of Sounds

Jaja, Youtube Links zu DJ-Sets bringen niemandem besonders viel, ohne die Gruppe von tanzenden, glücklichen Menschen, einem G&T in der Hand und klebrigen Clubgeruch in der Nase. Aber: Falls ihr mal die Möglichkeit habt, empfehle ich dringend jeden noch so klebrigen Club zu besuchen, in dem das Team auflegt. Dass sie das Soundsystem in residence in meinem Lieblingszelt waren, sagt auch viel über die musikalische Qualität des Green Man aus.

Connor Oberst

Ein rotziger fahrender Musiker, der sich gekonnt in Bob Dylans Schatten wälzt, seinem Publikum die Welt erklärt, über Trump schimpft und überschwänglich erklärt, dass er sich Welttourneen nur leisten kann, weil sein Vater ihm reichlich Taschengeld gibt. Am Ende las er noch Papas Emailadresse vor, falls sich jemand direkt beim Spender bedanken will. Lustiger Typ. Habe ich zuvor schon in mal in Köln gesehen und würde immer und immer wieder hingehen. Die Alben, sowohl solo als auch mit den Bright Eyes sind traumhaft, schleierhaft, düster und süß – live ist das Ganze ein aufregendes Orchester.

The Shins

Die Shins sehen zwar aus wie ein Kollektive rauchender Erdkundelehrer, machen aber seit Jahren fetzigen Indierockkrams, der es in den Titelfilm der verlorenen Kinder der Generation zwischen Generation X und den Millenials geschafft hat – in Garden State mit Zach Braff und Natalie Portman. Ihr Australia war jahrelang mein Weckerklingelton, also stand ich hellwach in der Menge und lauschte gespannt, tanzte und genoß ein sehr sehr schönes Alternativ-Indie-Gitarrenset am Fuß des Berges. Da gehören sie hin, die Guten. Live definitiv besser als auf den Alben!

Meine große Favoritin und musikalische Erweckung PJ Harvey bekommt in den nächsten Tagen noch ihren eigenen Post – bis dahin kommen noch ein paar Eindrücke aus dem Zauberwald. Schrecklich weit weg sind die Brecon Beacons jetzt schon – mein iPod ist dagegen frisch aufgerüttelt.

Hier noch mal zum nachlesen:

Green Man 2017 – Intro – The Community of Hope 

Kapitel 1 – The Mystic Valley 

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