Liebes Großbritannien…. #notacriminal

Brexit means Bullshit Part III –  bald wieder mehr Green Man Festival – eine kurze Brexit-Paarthereapie. 

Liebes Großbritannien,

ich bin neu hier, im sehr sehr langen Urlaub auf der Insel. Ich mag dein Quorn, ich freue mich über dein Royal Baby III, ich diskutiere mit Kollegen Great Bake Off.

C_Z7BlGXkAEAOvl

Bei aller Brexit-Panik habe ich die unwissende Hysterie immer verabscheut. Die Angst vieler EU-Bürger, die auf Gerüchten und reißerischen Schlagzeilen basierte fand ich genau so sinnvoll, wie die der Brexit-Wähler, die ja auch nur Gerüchten und Schlagzeilen gefolgt sind. Die selbsternannte Lobbyorganisation 3Million hat mich noch nie repräsentiert und ich würde lieber für die Labourpartie als für diesen Haufen hektischer Londoner auf die Straße gehen. Ich habe mich als Geisel, nie als Pokerchip gefühlt, wie sie es mir so gerne einreden wollten.

Aber, liebes Großbritannien, wenn du mir auf dem Weg zur Arbeit ins Gesicht schreist, dass ich doch bitte schön nicht nur Nutznießerin deiner Großzügigkeit sein soll, dann werde ich blass vor Wut. Ein geheimes geleaktes Dokument der Brexit-Verhandler aus No 10 Downing Street sagt aber genau das: Fingerabdrücke, Registrierung, möglichst komplizierter settled status für die, die lückenlose Beschäftigung nachweisen können, Grenzkontrollen für alle anderen.

Screen Shot 2017-09-06 at 19.15.35

Mein deutscher Pass hat meine Fingerabdrücke gespeichert, genau wie mein Handy. Bitte, nehmt auch das, zusätzlich zur flächendeckenden Videoüberwachung. Ich verstehe ja, dass man niemanden verwalten kann, der nicht erfasst wird. Und dein irrer Verzicht auf Personalausweise führt nun mal dazu, dass niemand so genau wissen kann, wer wo wohnt. Wäre dir verziehen, liebe Insel. Nur meinst du das leider anders: Hier sind nur Kriminelle mit Fingerabdrücken registriert.

Anklageschrift

Ich zahle für deine BBC, deinen Guardian, deine unglaublichen Bahnpreise.

Ich gehe demonstrieren, lokal wählen und spende für zwei verschiedene deiner Wohltätigkeitsorganisationen.

Ich arbeite sogar für Eine. Für deinen lächerlichen Mindestlohn, und unter deinen perversen Arbeitnehmerrechten.

Ich bin ja gerne hier, so gerne bei meinen lieben Lieblingsbriten, in Wales & Manchester, nah an Popkultur & Pubkultur, Mode, Großstadttrubel und atemberaubender Landschaften. SIE sind der Grund, warum ich noch hier bin, nicht du, nicht mal dein Royal Baby. Denke nicht, dass ich alles andere, was du anzubieten hast mehr als in Kauf nehme: Dein lächerliches Nahverkehrssystem. Deine Five-Eyes-Big-Brother Paranoia. Deine Lebenshaltungskosten. Deine zerrissene Gesellschaft. Deine verpestete Luft.

Ich werde niemals einen Handyvertrag unterschreiben dürfen, solange ich hier wohne, weil mein Creditscore als Ausländerin so gering ist. Ich hätte um ein Haar keinen Mietvertrag bekommen, weil ich keine drei Vermieterreferenzen der letzten drei Jahre vorlegen konnte.

Denke nicht, dass du mir etwas schenkst: Was ich von dir bekommen habe sind Bildung und Krankenversicherung – beides nicht umsonst sondern teuer bezahlt.  Meine Studiengebühren waren in der Preisklasse eines Kleinwagens. Ein ordentlicher Teil meines Mindestlohngehaltschecks geht direkt in die NHS-Kasse – und weil ich es für das beste System der Welt hatte, zahle ich es gerne.

Aber unterstelle mir nicht, ich sei Nutznießerin eines System, das ich mittrage und das du mit deiner haltlosen Austerität kaputtsparst.

Screen Shot 2017-09-06 at 19.15.07

Denn du sparst dich kaputt, liebes Großbritannien. Du wirst Stück für Stück privatisiert, der Rest dem Verfall preisgegeben, von Menschen, die über Grenfell-Opfer lachen, gegen Flüchtlinge hetzen und sich in Zigarrenhauch gönnerhaft lachend auf den dicken Bauch hauen.

Natürlich bist du wütend, natürlich willst du mehr als das, was die letzten Jahren dir gegeben haben. Landschaften verrohen und Innenstädte wie in Scunthorpe oder Blackpool sind raue, drogenverseuchte E-Zigaretten-Außenlager. Aber sag mir nicht, dass sei irgendwie meine Schuld, oder ich nähme dir in meiner bloßen Existenz etwas vom Kuchen weg.

Mein Job könnte sicherlich genauso gut von einem*r Briten gemacht werden. Da ich aber für eine social care charity arbeite und weiss, wie dringend wir Sozialarbeiter, Krankenschwestern, Pfleger und andere support worker brauchen, weiß ich auch, wie viele andere Stellen offen bleiben, ohne EU-Bürger.

Du willst EU Geld, ohne zu zahlen. Du willst deine Großeltern gut betreut wissen und deine Krankenschwestern deportieren. Du willst dich doch einfach nur in Ruhe über das dritte Royal Baby freuen, während der Staat die Sozialleistung nach dem zweiten Kind streicht.

Liebe Insel, du bist auf grenzdebile Nebelkerzen und Facebook-Kampagnen reingefallen und findest jetzt niemanden für die Kartoffelernte. Vielleicht versucht deine Regierung auch nur, so viel Drama und Chaos zu stiften, dass auch der Brexit-Flügel einsieht, dass es so nicht geht.

Hätte ich einen Staat mit unmöglich komplizierter Einwanderungspolitik gewollt, hätte ich auch Australien, Kanada oder Schweden haben können. Ich wollte dich, aber nicht deinetwillen und um jeden Preis. Ich bin nicht deine Vorzeige-Akademikerin, hinter deren Fassade man meine polnischen Kollegen drangsalieren kann. Ich bin nicht der Sündenbock für deine verramschte Sozialpolitik. Ich bin keine Kriminelle.

Jetzt gehe ich Bake Off gucken.

Küsschen

Emily.

11 Kommentare

      • Schon alleine das Wort macht mich rattig … „mugshot“. Der Tommy ma wieder … so viel Sex in der Sprache, dabei erstaunlich wenig Kollateralschaden in der praktischen Umsetzung.
        Wir Deutsche können über sowas ja nur müde grinsen. Bei Begriffen wie „Fahndungsfoto“ rührt sich garnix im Schritt oder sonstwo. Rhetorische Eunuchen sind wir, unsere Idealvorstellung von erotischer Verzückung heißt „Helene Fischer“ und singt Schlager. Nicht das Aussterben fürchten sollten wir, sondern uns gehörig auf die Schulter klopfen, daß wir überhaupt (soweit) gekommen sind.

        So, yes, please, be my mugshot. Forever.

        Gefällt mir

    • Ja, die Spaltung ist gleichermaßen erschreckend als auch interessant!
      Wales war großflächig für den Brexit – sind der auch viele ländliche Regionen da unten.
      Schottland war dramatisch dagegen…

      Das ist das Schlimme, die landwirtschaftlichen Gegenden profitieren so stark von Subventionen, fühlen sich aber von den Städten alleine gelassen und wollen es denen mal so richtig zeigen. Diese wiederum halten alles außerhalb London und Manchesters für ungebildete Landeier – gefährlich-spalterischer Kreislauf!

      Gefällt 1 Person

      • Hello Emily, das kann ich nur bestätigen, dieses Spalten in Great Britain, das war schon vor 40 Jahren so, als ich Scotland bei Nacht und Nebel verließ, aber aus anderen Gründen. Was meinen diese elitären Städter nur, wenn mal ihre „Landeier“ nen Generalstreik organisieren? Dann zeigt sich ganz schnell, wer hinterher gebildeter lamentiert. In diesem Sinn, sehr gut verfaßter Text von Dir über einen Zeitgeist, den man in der Tat nicht nachvollziehen kann. Statt sich wirklich kritisch mit einer EU auseinanderzusetzen, setzt dieser Brexit ein komplett verkehrtes Signal in eine vielfältigere Abhängigkeit.

        Gefällt 1 Person

  1. Wendehälse, Stimmenrattenfänger, stiff upper lip …. ich möchte gerne verzweifeln, weiß aber nicht mehr wohin. Toller, informativer rant … und trotzdem, auch wenn ich vermutlich meine Rente nicht in England verprassen werde, das Land steckt in mir wie eine unausrottbare Seuche.

    Liebe Grüße

    Achim

    Gefällt 1 Person

    • Tja, wohin noch verzweifeln gehen? Manchmal denke ich, dass wir ja wenigstens die Wahl haben – viele Briten würden auch gerne weg und wissen gar nicht wohin mit sich, mit Sprachkenntnissen A1 in Spanisch.

      Manchmal bedeutet die Auswahl aber auch, über zwei bis drei Staaten hinweg zu Verweifeln, was sogar noch anstrengender ist. Ziehe mir für den 24.9. schon mal die Decke über den Kopf.

      Trotzdem, wie immer: Herzliche Grüße!

      Gefällt mir

  2. Nur mit der Ruhe. UK settled Status:

    „EU citizens who have been living in Britain for five years will be able to apply for ‘settled status’ under the scheme.

    This will guarantee their right to stay in the country after the UK has left the European Union.
    Those who were here for less than five years will be able to carry on living in the UK and then apply for settled status after they pass the time limit.
    Dependent relatives can also apply if they join an EU national before Brexit and have been living here for five years.“

    EU-Exit: 30. March 2019
    possible Cut off date: 30. March 2017
    Date of Entry 2014: settled
    Date of Entry >2014: not yet settled.

    Soweit die Pläne nach meinen Informationen.

    Gefällt mir

    • Hätte gleich die Version vom Guardian nehmen sollen … [Guardian urgh]:

      The prime minister told them the UK was willing to agree to a “cutoff point” between 29 March this year, when May formally triggered article 50, and the later date of March 2019 as preferred by the European commission.

      EU citizens already in the UK – and those who arrive lawfully during a subsequent “grace period” – expected to be up to two years – will be given the opportunity to build up five years’ worth of residence. The grace period could start at any point up to the date of Brexit and would allow EU citizens time to regularise their status.

      That will entitle them to a special category of “settled status”, conferring the same rights to work, pensions, NHS care and other public services as British citizens, which they will maintain for life.

      Gefällt mir

      • Hey, entschuldige die lange Antwort-Dauer, ich war in einer Masterarbeits-Höhle.
        Danke für die Infos!

        Der Text selbst ist ja eher eine empörte Polemik als ein Immigrations-Faltblatt. Dass das alles noch offen und zur Verhandlung steht, ist mir auch klar….

        Ich finde die Haltung, die in dem geleakten Paper zum Ausdruck gebracht wird nur so fürchterlich anmaßend. Weder gebürtige Briten, Eingewanderte, Gastarbeiter noch Erasmusstudenten sind Nutznießer – sie bilden doch die Gesellschaft, die das Parlament repräsentieren soll. Ich finde es schlimm, unter permanentem Verdacht zu stehen, diesem Staat etwas wegzunehmen.

        Darum ging es mir – wie es mit Brexit und all dem anderen Unsinn weitergeht ist ja wirklich nur Spekulation.

        So oder so oder so – beste Grüße!

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s