Wie wir leben wollen. // Masterarbeit, die Allerletzte.

Das Gras war feucht vom frischen Tau
Ich schaute und war voller Glück verrückt, denn alles stimmt genau. 


Meine Masterarbeit ist abgegeben und ich bin tocotronischer Final- oder eher Fanal- Stimmung. Dann bleibt da noch eine Frage, die mir öfter gestellt wird: Das klingt ja alles toll was du da schreibst mit all den Superlativen, aber ist Swansea wirklich das richtige für MICH?

Swansea ist nicht fancy. Swansea ist nicht malerisch. Swansea ist nicht Oxford, Cambridge oder Harvard. Es liegt in den Kratern am südlichen Rand von Wales, zwischen Cornwall, dem Meer, der Autobahn Richtung Hereford. Es ist eine Industriebrachfläche, zwischen alten Kupfer- und Stahlminen. Die simple, verarmte Mentalität ist oft genug Topos in Komödien, wie der Ruhrpott, nech?

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Swansea ist rau, dreckig, roh und heruntergerockt – auch die Uni, ganz besonders die Uni. Das Holz der Türen ist alt und  schmierig, die Neonröhren flackern, die Aufzüge kaputt, die Regale aus einem Katalog für 60er Jahre Altmetall, und alles, was digitalisiert werden sollte, bricht beständig unter der Datenlast zusammen. Ich könnte eine ganze Anti-Kampagne schreiben, über den jämmerlichen Zustand der walisischen Infrastruktur anhand dieser Hochschule, zum Beispiel diese Werbung für eine Germanistik-Konferenz:

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Die ersten Wochen verbrachte ich mit dickem Kloß im Hals, fragte mich beständig, ob dieses Dorf am Ende der Welt in seiner 50 Jahre alten Käseglocke den Trubel wirklich wert sei. Die wunderschönen Ecken, die Naturwunder, die musste ich mir suchen, erarbeiten und fest umarmen, um sie ins Herz zu schließen.

Swansea, die einzige Stadt der Welt, die ich komplett zu Fuß abgelaufen bin. Von Eiscafé-Dörfchen Mumbles, das die drei Felsen und den Leuchtturm in Beschlag nimmt, bis an den Bay Campus, eine vom letzten EU-Topf hochgezogene Außenstelle der Uni auf den Klippen, sauber wie SimCity.  In Brynmill habe ich gewohnt, wo der Strom für zwei Tage ausfiel, wo Straßen sich mit 80° Neigung Berge hochquälen und das beste Frühstück der Stadt serviert wird, wo sich der hübscheste Park der Stadt versteckt und es nur drei Minuten vom Schlafzimmer bis in den Hörsaal sind, und Möwen über den Wäscheleinen in den Innenhöfen kreisen. In Uplands wuchs Dylan Thomas auf, in einem Kinderzimmer mit Meerblick am steilen Hügel, für mich hielt das Viertel den lokalen Tesco’s, Noahs Yard, die Bar mit den besten Cocktails und Uplands Diner für Katerfrühstücke bereit, das verschnarchte Wohlstandsviertel gähnt sich gerade wieder wach für ein neues Jahr mit neuen Studenten. Singleton ist ein Park, ein Viertel, ein Campus – Heimat der Uni, die sich rund um die Singleton Abbey quetscht und ihre Ränder ausfransen lässt. Durch das Marina-Viertel, durch Boote und Fischgeruch bin ich immer und immer wieder gelaufen, um den höchsten Turm Wales‘ herum, ins Dylan Thomas Centre und das gruseligste Stadtmuseum der Welt. Wind Street ist das Ende der Welt, die Party-Zombie-Apokalypse und weiter die High Street raus geht es zum Bahnhof, zum Volcano Theatre, in die Vivian Glynn Galerie, zur BBC, durch Mount Pleasant, ein adäquat benanntes Viertel, wieder zurück.

Swansea, in all seiner Rauheit ist ganz und gar meins geworden und ich gebe es nur an willige Auslandsstudenten her, die wissen, wie man über Schimmelflecken hinweg sieht und Freunde an den unerwarteten Ecken der Welt findet.

Ich bin nämlich fertig. Meine Masterarbeit, liegt fertig auf einem Server und ist jetzt das Problem meiner Lieblingsdozentin. Swansea gehört der nächsten Generation Studenten, die sich verwirrt die Augen reiben werden, wo genau die shiny-happy Katalogbilder aufgenommen wurden.

Ich kann niemandem versprechen, hier so glücklich zu werden, wie ich. Vielleicht habe ich alles Glück aufgebraucht, in meinen durchtanzten Nächten, Bibliotheksabenden mit Natasha und Pizzalieferungen, Roadtrips, Jungens und Mädchens, Welsh Cakes und 57 neuen Büchern.

Aber Swansea hat mich immer wieder herausgefordert, mehr zu lernen, mehr zu lesen, mehr zu wandern, herumzureisen, zu tanzen, zu schauspielern, zu arbeiten; aber auch: am Strand zu sitzen, fünf gerade sein zu lassen, Probleme herzlich weg zu lachen, durchzuatmen, das Handy auszumachen und auf Flut und Ebbe zu achten.

Jetzt, wo meine Arbeit abgegeben ist, dachte ich, dass mir jemand verrät, was der nächste Schritt ist, was ich mit mir und meinem Abschluss anfangen soll. Ich spoilere mal das Ende eines jeden Geisteswissenschaftsstudiums: wenn dir niemand am Anfang deiner Unitage einen Stundenplan gibt, gibt es am letzten Tag am Campus auch keinen Wegweiser, wohin es als Nächstes geht.

Der walisische Strand und die toughe Mentalität der Menschen, die ich hier getroffen habe, haben mich zu jemandem gemacht, der damit umgehen kann, nur ein paar Meter des Wegs vorauszusehen, wie im Scheinwerferlicht im Auto in einer dunklen Nacht. Die Angst, keinen Plan zu haben, hat mich vorher wachgehalten und zu allerlei halbgaren Schein-Lösungen getrieben – jetzt packe ich Koffer, fahre nach Hause ans Krankenbett und weiß nicht viel mehr, als dass Natasha und ich Halloween zusammen feiern wollen, egal wo, Deutschland, Manchester, London, Russland, mal sehen.

Diese gelassene Resilienz kam für mich nur durch die totale Entschleunigung an der Küste, die Enge des Campusleben und die Sturmböen, die durch Brynmill fegten. Dafür brauchte ich keine glossy Brown-University, Bücher und Supermärkte riechen überall gleich.

Also: Ist Swansea die richtige Wahl für Dich?? 

Keine Ahnung, aber wenn du dringend etwas tief in dir drin suchst und einen Ort brauchst, der es aus dir herauskitzelt, wenn du Strandspaziergänge und dicke Wintermäntel suchst: We’ll keep a welcome.

3 Kommentare

  1. Das ist, was ich unter anrührender Erinnerung verstehe.Was auch den Schmerz des Abschieds mitenthält, die Liebe zu einem Ort, die erst dann vollständig ist, wenn alle Ecken und Kanten, alle Schimmelflecke und Abseite erfasst sind und dann zu dem Reichtum gehören, der uns voller, vollständiger, geläuterter macht. Deine Worte und ihre Wirkungen erinnern mich ein wenig an „Under the milkwood“ von Dylan Thomas. Und die Sehnsucht nach Wales kommt auf, wie die Flut, die an den Strand meiner Erinnerung zurückrollt, nach Tenby, nach Carmarthen, nach Laugharne ……..

    „Es ist Frühling,
    mondlose Nacht in der kleinen Stadt,
    sternlos und bibelschwarz,
    die Kopfpflasterstraßen still,
    und der geduckte Liebespärchen- und Kaninchenwald humpelt unsichtbar hinab
    zur schlehenschwarzen, zähen, schwarzen, krähenschwarzen,
    fischerbootschaukelnden See. “

    (Unter dem Milchwald)

    Herzlichen Gruß

    Achim

    Gefällt 1 Person

    • Da sind so viele schöne Komplimente in diesem Kommentar – da weiß ich gar nicht, was mich am meisten freut.
      Und ja, ein nachmittag in Laugharne mit Kakao in der Hand am Fuß der Burg lang Richtung Bootshaus ist eine süß-süß Erinnerung, bitter nur weil es schon fast ein Jahr her ist!

      Herzlichen Dank!

      Gefällt 1 Person

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