Serotonin und Straßenfeste.

Miss Emily sucht das Glück… 

Im letzten Beitrag habe ich aus Patti Smiths M-Train zitiert und ihre ermüdende Suche nach Glück in lethargischen, freudlosen Zeiten. Wie kickstartet man eigentlich Serotonin? 

Die letzten Monaten waren schlimm und anstrengend, jetzt habe ich ein paar Wochen frei, und möchte sie suchen gehen, die Freude und die Leichtigkeit, die ich letztes Jahr trotz Stress und Sorge doch noch hatte. In M-Train steht, man solle in der perfekten Freude der Anderen baden gehen. Okay, Patti, aber was heißt denn das so ganz konkret? Dass mein Sofa nicht der richtige Ort ist, um Glück zu finden? Es sind Krümel und Münzen zwischen den Polstern, bist du sicher, dass sich da nicht auch die gute Laune versteckt hält? Ich könnte doch auch den ganzen Tag Filme gucken… und mir denken:

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Aber ich bin ja auf der Suche und vielleicht finde ich es ja…bei Straßenfesten? 

Also, ich versuche es mal mit einem ersten Gehversuch draußen, an der Sommerluft – und gehe zu zwei Veranstaltungen, die Freude und Ausgelassenheit und Exzess und Zuckerwatte und Musik und Kaltgetränke und Schlendern unter dem Nachthimmel versprechen: Das Essener Rü-Fest am Samstag und das Wuppertaler Luisenfest am Sonntag. Vielleicht finde ich ja Menschen, die gute Laune im Überschuss haben und sie gern teilen.

 

Meine Mitbewohnerin Becca und ich wanderten also am frühen Abend durch Rüttenscheid, was so was wie das Luisenviertel Essens ist, also Altbauten, hohe Timberland-Marken-SUV-Dichte und Espresso-mit-Soja-Milchschaum-für-6,50 bitte. Wer 6,50 für einen Kaffee zahlen kann, der muss gute Laune haben, denke ich mir. 

Fürs Rü-Fest werden aber die Designer-Blumenkästen zur Sicherheit in den Hausflur gestellt, wenn sich Stauder-Wagen, Musikbühnen und Bretzelbuden die 500 Meter zwischen der Philharmonie und dem schnöseligen Stadtteil Bredeney die Rüttenscheider Straße hochziehen. Während meines Studiums habe ich in einem der Hinterhof-Häuser am Rand von Rü’ gewohnt, und es als traumzeitliche Unabhängigkeitserfahrung in Erinnerung  – also beste Vorraussetzungen am Samstag für enttäuschte Erwartungen und zufälliges Glück, denke ich, als wir aus der U-Bahn aussteigen. 

Nach einer halben Stunde ziehe ich eine Glücksbilanz:

  • Das Wetter ist schön. 
  • Die Musik ist sehr sehr sehr schlecht. 
  • Die Stimmung hat unangenehm und hat gewalttätige Anwandlungen von Dorf-Parties der Freiwilligen Feuerwehr
  • Der Himbeer-Mojito ist vergorene Frucht-Bowle. 
  • Man wird durch Menschenmassen geschoben und kann nur schwer Scherben und Kotzepfützen ausweichen.
  • Eine schrammelige Shanty-Band vor dem Irish Pub wird angegröhlt, sie solle gefälligst auf Deutsch singen. 

Als wir nach rechts von der Hauptstraße Richtung Gruga stolpern, gucken wir uns betreten an und machen uns auf den Rückweg durch die Seitenstraßen hinterm Krupp-Krankenhaus. Becca und ich sind ernüchtert und verwirrt, fragen uns: Ist das normal? Sollten wir nicht eigentlich Spaß haben? Was ist denn hier bitte los? 

Vor einem Haus steht eine Sofa-Garnitur, sperrmüllbereit, aber sauber genug, dass wir uns darauf fallen lassen während die Bässe von der Nebenstraße die Fensterscheiben hinter uns zum Klirren bringen. 

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Für zwei Stunden sitzen wir zu zweit in einem Open-Air Wohnzimmer, trinken Punsch, plaudern mit vorbeilaufenden Fremden, lachen, erzählen uns unsere Lebensgeschichte. Als wir gehen, ist es dunkel und wir kriegen die letzte Straßenbahn. 

Seltsam, dass diese erste Dosis entspannter Fröhlichkeit genau am Andere des sozial verordneten Besäufnisses gelegen hat… oder eben nicht? 

 

Am nächsten Tag…

…setze ich meine selbstverordnete Straßenfest-Therapie trotzdem fort und das, obwohl die dunklen Wolken wieder zurückkehren am Mittag. 

“heute strudele ich nur durch nicht erledigte listen und unglück” schreibe ich meiner besten Freundin am Mittag. “so doofes lethargisches alle-gegen-mich-alles-sinnfrei-unglück”

Nicht meine besten Momente, aber ich gerade deshalb bäume ich mich auf und fahre rüber nach Wuppertal, völlig erwartungslos, einfach nur den Tag rumkriegen und es versucht zu haben wird am Abend bei Schlaflosigkeit weniger wehtun, als es vorbeiziehen  zu lassen. Das Luisenfest ist die Familienfeier des Luisenviertels, und das ist so was wie Wuppertals Rüttenscheid, Altbauten, Indie-Kneipen und Kaffee für 4,50,-.

Als ich nachmittags um den Laurentiusplatz mit seiner großen rosafarbenen Kirche herumwandere und durch die Straßen, Gassen, über den Flohmarkt und vor die Bühnen, da beginnt sie dann doch anzuklopfen, die Fröhlichkeit. 

Ob es an der Stadt liegt, oder der Atmosphäre, ist es nicht egal? Ich treffe alte Bekannte, die mir genau die richtigen Sätze sagen (“Wieso hast du eigentlich noch kein Buch geschrieben?”) und esse glücklich am Fuße der höchsten Treppe der Welt (mindestens) eine vegane Pita-Tasche. An mir vorbei kämpfen sich zwei schätzungsweise Mitt-Sechziger-Damen den Berg hoch, und ich erwarte, dass sie sich über die Musik und die Studenten undundund beschweren, aber stattdessen sagt die eine selig zur anderen: “Ja, weißt du noch, ’75, wie wir da bis zwei in der Diskothek…” und ich strahle in meine Salattasche hinein, wie schön, dass da Erinnerungen hochkommen, auch wenn man keine Lust und Energie hat, selbst mitzufeiern.

Später falle ich in einen Hinterhof, den die Bewohner mit Teppichen und einem Zirkuszelt-Himmel gehängt haben, unter dem Baldachin steh ein DJ-Pult und alle 20 Leute, die gleichzeitig auf die paar Quadratmetern zwischen den Häuser passen, tanzen gleichzeitig zu Techno, Bässe, Wärme. Sie lachen über das skurrile Setting, aber vor allem wirken sie locker, entspannt, glücklich. 

Ich checke mein Glücks-Barometer: Es pulsiert. 

  • Das Wetter ist schön.
  • Draußen fließt die Menschenmenge entspannt durch den privaten Flohmarkt
  • Wer nicht mehr mag, der sitzt eben am Katzengold und beguckt das Treiben
  • Die Rote-Kreuz-Helden sitzen entspannt auf einer Haustreppe, zwei von ihnen tanzen zur lokalen Indie-Band-Musik

Dass ich voll und ganz abgelenkt und glücklich nach Hause kam lag auch an den vielen anderen Themen, die mir Wuppertal immer wieder vor die Füße legt, aber gut ging es mir, anders kann man es nicht sagen. 

Am Samstag ist Ölbergfest, die zweite Wuppertaler Straßenfest-Institution und ich werde mal verifizieren gehen, ob es die Stadt, die Gesellschaft oder die Musik war, die meine Stimmung gerettet haben. Und ansonsten muss ich eben weitersuchen. 

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. rejekblog sagt:

    Danke. Du hast deine Wahrnehmung wundervoll bildhaft beschrieben. Ich lebte mal 3 Jahre in Wuppertal und kann sagen, es liegt an dem Menschen. Sie sind freundlich, nett.
    Herzliche Grüße aus´m Pott

    Gefällt 2 Personen

    1. Emily J. sagt:

      Ach wie schön! Eigentlich habe ich im Ruhrpott insgesamt die netteren Menschen kennengelernt… aber in Wuppertal war die Atmosphäre einfach spezieller, freundlicher… Ich bin gespannt aufs Ölbergfest 🙂

      Herzliche Pott-Grüße zurück!

      Gefällt 1 Person

  2. Anhora sagt:

    Ich wünsch dir viel Spaß beim Ölbergfest (wie kommt denn so ein Name zustande, ist das was Christliches?) und bewundere deinen Willen, dich aus einem Loch wieder rauszuziehen. Es gibt noch viele Straßenfeste, der Sommer fängt ja gerade erst an! 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Emily J. sagt:

      Vielen Dank, das ist ein schönes Kompliment! Samstag wird bestimmt gut, ich bin da großgeworden und liebe das Fest sehr, da merke ich sogar Vorfreude, juhu!

      Der Ölberg ist ein altes Arbeiterviertel und heißt so, weil da früher die Straßenlaternen mit Ölfunzeln beleuchtet wurden, selbst als der Rest der Stadt schon elektrische Lampen hatte. Hat keinen Bezug zur Bibel, aber das fand ich auch lange verwirrend 🙂

      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

      1. Anhora sagt:

        Umso besser, wenn es sich um ein traditionelles Fest handelt, mit dem du sicher auch tolle Erinnerungen verbindest. Schwierige Zeiten gehen vorbei, wenn es einem auch manchmal nicht so vorkommt. Aber du machst das schon richtig, stell dich in die Startlöcher für Samstag, und danke für die Erläuterung zum Ölberg. Ist ja eine nette Geschichte. 🙂

        Gefällt 1 Person

  3. Schöner Beitrag! Freut mich zu hören dass Wuppertal dich wieder fröhlich gestimmt hat 🙂
    bin am Samstag auch da. Vielleicht sieht man sich ja zufällig 😉

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    1. Emily J. sagt:

      Oh, wie witzig wäre das denn bitte? Ich werde die Augen offen halten, ob ein spontanes Bloggertreffen zustande kommt 😀

      Gefällt 1 Person

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