Auf der Suche nach…dem Polarstern (Special Edition).

Eine Weile schon hat mir niemand mehr Hausaufgaben aufgegeben. Niemand guckt mehr streng über den Rand einer Hornbrille, wenn ich verdruckst zugebe, sie vergessen zu haben, weil in meinem Kopf kein Platz für Vokabeln und Integralrechnung war.

Und doch ist das hier eine Hausaufgabe und es ist eine seltsame noch dazu. Sie beginnt mit dem neuen Florence&The Machine-Album und führt bis ins CBGBs in New York in den 70ern. Alles wegen dieses einen Songs, den ich sehr mochte, noch bevor ich verstand, für wen Florence ihn geschrieben hat.

 

Es ist eine Hausaufgabe, die in einem Therapiegespräch entstanden ist.

Denn all das Suchen nach Glück im Alltag hat nicht viel geholfen – vielleicht ist in den letzten Monaten einfach zu viel passiert oder ich bin zu sehr in den Serotonin-Dispo gerutscht. Trotz aller Bemühungen bin ich immer wieder lethargisch und überfordert von der Perspektive eines neuen Tages aufgewacht. Und irgendwann ist genug die Zähne zusammengebissen, irgendwann tat mir der Kiefer weh vom vielen Zähne zusammenbeißen. Mit einem Profi über die sich immer wieder weiterdrehenden Gedanken zu reden kam mir irgendwann nicht mehr wie die letzte Ausfahrt auf der Autobahn vor, sondern wie eine logische Schlussfolgerung dieses Jahres. Eine der letzten Stunden drehte sich um Konzepte von Vorbildern und Superheldinnen, um Weiblichkeit und emotionale Fallhöhe und die Symbolik von Tattoos. Der Therapeut sieht aus wie ein Pirat in Zivil und ich habe seinen genauen Wortlaut vergessen. Aber er gab mir eine Aufgabe und sie hallt so oder so ähnlich in meinem Unterbewusstsein wider:

Finde ein Vorbild. Jemanden, der für Etwas steht, das dich ausmacht. Das für Kreativität und Stärke und Verletzlichkeit steht. Das immer da war, das dich inspiriert und geprägt und umarmt und abgelenkt hat, wann immer du danach gegriffen hast, auch wenn du es nicht sehen konntest wenn dir der Kummer die Augen verschleiert hat.

Fast so leicht wie Integralrechnung.

Ich dache für fünf Minuten in der U-Bahn nach Hause darüber nach und vergaß die Aufgabe wieder. Zeit verging, ich las ein Buch zu Ende, dann noch eins und noch eins und plante meinen Sommerurlaub und suchte noch immer nach Leichtigkeit. Und fand nichts.

Eine Woche später saß ich im Bus, Kopf an der Scheibe, im Halbschlaf.
Ich hörte Robert Bounds Podcast The Monocle Culture Show über das neue Album von Florence & The Machine. Er sprach über ihren Song Patricia, ein Liebesbrief an Patti Smith.

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Patti Smith, dachte ich und hörte ihn fünf Mal hintereinander. Und dann noch 17 weitere Male.

Oh Patricia, you’ve always been my North Star
And I have to tell you something
I’m still afraid of the dark
But you take my hand in your hand
From you the flowers grow
And do you understand with every seed you sow
You make this cold world beautiful?

Die Autorin von M-Train, aus dem ich so oft bei meiner Suche nach Glück zitiert habe. Die Sängerin, die meine Mutter früher so gerne gehört hat. Die Freundin von Robert Mapplethorpe, dessen Bilder in meiner ersten eigenen Wohnung im Flur hingen. Die Freundin von Bob Dylan, die letzten Dezember in diesem emotionalen Moment für ihn den Nobelpreis entgegen nahm.

 

Die Protagonistin des Bildbandes: Judy Lynn; New York 1969-1976, ein Geschenk zu meinem 16. Geburtstag, das bisher in jede meiner Wohnungen mitumgezogen ist und immer einen Ehrenplatz hatte, sogar in meinem überfüllten Koffer fürs Auslandsstudium, als ich auf das 20kg-Limit achten musste – das sogar hier auf dem Blog ab und an mal aufgetaucht ist:

 

  • Patti et moi, 2014, 2015, 2016, 2017, 2018…

Immer und immer wieder gucke ich mir diese Fotografien an, seit beinahe zehn Jahren. Und jedes Mal frage ich mich mit offenem Mund, wie man so androgyn so viel Weiblichkeit ausstrahlen kann. Wie man in solcher Armut so viel Poesie und Schönheit findet. Wie man solche Freundschaften knüpft, die Liebe und Sex und Vertrauen beinhalten. Wie man die Nouvelle Vague-Ästhetik so mühelos in seinem Alltag integriert. Wie man so mühelos stark und verletzlich und jenseits irgendwelcher Schönheitsideale bildschön sein kann. Wie man so gelassen altern kann.

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  • Patti Smith by Annie Leibovitz

Well, you’re a ‚real man‘, and you do what you can
You only take as much as you can grab with two hands

Die Autorin von Just Kids, das Buch, dem ich in ein Kaninchenloch ins New York der 70er gefolgt bin. Die mich zu einem Fangirl der Musik der Autorin gemacht, die natürlich zu erst da war – zu erst gab es Horses und Privilege und Ghost Dance – und ihre Coverversionen, von When Doves Cry und Everybody hurts. Außerdem natürlich Bruce Springsteens Because the Night –  Ihre waren die letzten beiden CDs, die ich mir als Teenager in der Stadtbibliothek Wuppertal ausgeliehen habe, bevor mir jemand YouTube gezeigt hat.

In M-Train lernen wir, dass Patti noch immer in New York lebt, gerne britische Krimis guckt, Mitglied in der geheimen Alfred-Wegener-Gesellschaft zur Rettung der Polkappen war. Dass sie im gleichen Jahr ihren Mann und ihren Bruder verloren hat. Dass sie zwischen Katzen und Bücherstapeln lebt und einmal mit Lebensmittelvergiftung in Frida Kahlos Bett geschlafen hat.

Vielleicht sollte man niemandem bedingungslos bewundern, den man nicht persönlich kennt. Pattis bizarre Spiritualität und ihr Wille, in allem Vorsehung und Symbolik zu decodieren zum Beispiel, die sind mir fremd. Dazu passt auch, das einer ihrer chorälen Gesänge gerade in dem Biopic über Papst Franziskus im Hintergrund dudelt – nicht, dass ich es gesehen hätte, das steht nur so bei Spotify und die kleine Agnostikerin in mir hustet verächtlich auf. Auch Florence zeigt diese Dialektik auf und fragt:

With your big heart, you praise God above
But how’s that working out for you, honey?
Do you feel loved?

Über meinem Schreibtisch hängt ein Poster mit Schreibregeln und eine davon lautet: „Skepsis formt das Bewusstsein, Bewunderung erweitert es.“ Ich habe immer zu viel kritisiert, zu oft den negativen Spin gesucht. Dann doch lieber so:

She told me all doors are open to the believer
Well, I believe her

…was für ein schöner Satz, der den Glauben der Anderen immer noch ernst nimmt.

Patti Smith schaut seit fast zehn Jahren von all meinen Bücherregalen auf mich runter. Ihre Bücher sind einzige inspirierende Lese- und Reiselisten. Dass ihre loyalen und bedingungslosen Freundschaften Tiere, Kaffeehausbesitzer auf der ganzen Welt, Filmemacher, Autoren und Künstler, Lebende und Tote umfassen finde ich beinahe so beeindruckend wie ihr Vermächtnis als Godmother of Punk, die Stadien ebenso wie das CBGBs mit schnarrender Gitarrenstimme füllt.

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Vielleicht war sie ja tatsächlich immer mein Polarstern, wie auch für Florence, wie auch für Rory Gilmore  – immer da, immer auf der Suche nach Glück und gutem Kaffee.

I drink too much coffee and think of you often
In a city where reality has long been forgotten
And are you afraid? ‚Cause I’m terrified
But you remind me that it’s such a wonderful thing to love

Das ist das einzig valide Fazit dieser fremdverordneten Suche nach Glück und Vorbildern: Die Realität ist aus dem Fugen geraten und Angst zu haben ist Teil davon – aber das heißt nicht, dass Patti Smith nicht da ist, um uns zu erinnern, dass Liebe schöner ist als Angst.

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9 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wunderschön zu lesen gewesen! Und inspirierend dazu! Freundliche Grüße, Olaf

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  2. rejekblog sagt:

    Ein sehr schönes Schlusswort!
    Liebe Grüße aus´m Pott

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    1. Emily J. sagt:

      Vielen vielen Dank! ❤

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      1. rejekblog sagt:

        Ich habe zu danken. Für den herrlichen Beitrag. Mag Patti Smith sehr. Aus anderen Gründen, aber jeder hat seine eigenen.
        Vielen Dank und reichlich Spaß.
        Herzliche Grüße

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  3. Gosh, ist das berührend, ihr Auftritt anstelle Bobby … da bleibt kein Auge trocken, bei dieser Würde ..

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    1. Emily J. sagt:

      Nicht wahr? Ich wünsche mir insgeheim ein Live-Album, auf dem sie nur Dylan-Songs neu interpretiert…. was für eine Frau!

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  4. tiker sagt:

    Was für eine Frau und was für eine schöne Liebeserklärung an sie und an das Leben!

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