Reisetagebuch, Kapitel 1. // Dreamtime.

Vom Ruhrpott nach Brüssel, von Brüssel nach London, von London nach Lincoln, von Lincoln in die Brecon Beacons, von dort aus nach Bristol, von Bristol nach St. Ives, von St. Ives nach London, von London auf NRW-Tournee bis nach Hause, immer dem gelben Ziegelsteinweg nach. Und was sagt der Zauberer am Ende, wenn man nach Glück fragt?

“Turns out, you had it all along.”

 

Ich habe es ausgerechnet: 2000 Meilen. Meine Festplatte hat es ausgerechnet: 1500 Fotos. Meine Kreditkarte hat auch eine Zahl parat, aber die gucke ich mir mal ganz bewusst nicht zu genau an. So viel Mathematik am frühen Morgen am Ende des Urlaubs, am Ende des langen Sommers.

Im letzten Post habe ich erzählt, dass ich mir endlich meinen Interrail-Traum erfülle und so kam es auch: Dieses magische Armband und ein langes Papierticket ermöglichten mir knapp zehn Zugreisen durch vier Staaten zum absoluten Minimalpreis – unter 26 zu sein lohnt sich doch manchmal doch sehr.

Ready, Set, Go – Kapitel 1 

Es lohnt sich auch deshalb, weil ich so langsam Routine im Packen habe und am Vorabend alles bereit liegt. Ich weiß inzwischen auch Schlaf zu schätzen und gönne mir eine Menge davon in der letzten Nach zuhause. Umso nervöser wache ich frühmorgens auf, und weiß, dass ich noch vier Stunden habe, bis der Thalys kommt. Schade, dass ich schon fertig gepackt habe, alle WG-Putzplankleinigkeiten erledigt habe und Emails beantwortet habe. Was macht man denn mit dieser vier Stunden? Ist es blasphemisch, nicht aufgeregt zu sein? Ist es okay, Late Night Shows zu gucken und Tetris zu spielen bis es losgeht?

Am Bahnhof gebe ich auf den Cent genau meine allerletzten deutschen Münzen aus und fühle mich plötzlich sehr leicht. Das Handy liegt mit dem Laptop zuhause und ich bemerke, dass die nächsten zwei Wochen nur mir gehören, nicht facebook, nicht instagram, nicht deprimierenden Spiegel Online Kolumnen, nur mir.

Ein Thalys-Schaffner wartet neben mir, hört Musik, döst. Ich wippe auf den Fußballen, sehe ihn an, er strahlt an mir vorbei, ich folge seinem Blick und er gilt dem schnaufenden lila Zug Richtung Paris, der gerade einfährt. Ich bin ein bisschen gerührt, dass er sich auf diese Fahrt genau so sehr freut wie ich, warum auch immer.

In den dunkellila Plüschsessel eingekuschelt frage ich mich, warum ich noch nie Thalys gefahren bin, es ist der ruhigste und netteste Schnellzug der Welt und ich würde eigentlich gern bis Paris weiterfahren, nur um noch länger die Szenerie aus amerikanischen Touristen und kreuzworträtselnden Pärchen zu beobachten. Eine alte Japanerin läuft durch den Gang mit einer Katze im Arm – dieser Zug ist ein Wes Anderson Film, eine Zeitkapsel.

In Brüssel laufe ich durch Sonne und Schatten, habe zwei Stunden Zeit bis zum Check-In in den Eurostar, und immer noch ist es eine pulsierende, ruppige Stadt voller Street Art. Ein Tor zur Welt, wo eine Gruppe Touristen aus einem Reisebus kletterten und einer anfängt, sich über einem Gulli die Zähne zu putzen. Vor acht Monaten habe ich hier mit Tashi ein kleines bisschen zu viel Absinth getrunken und diese Nacht fühlt sich an wie drei Leben entfernt, so skurril sie auch war.

Der Eurostar wartet und ich schmelze dahin, wenn die französischen Bordbegleiter sich durch englische Worte radebrechen und sich weigern aus Londres ein kleines London werden zu lassen. Wirklich auf Reisen fühle ich mich immer erst, wenn ich einen Kaffee im Bordcafe in der französischen Prärie trinke. Nirgendwo schmeckte der Automatenkaffee so speziell teuer und fad zugleich. Vielleicht muss einfach Lyon am Fenster vorbeirauschen und französische Business-Boys in ihre Blackberries einhacken während die Sojamilch gerinnt. Es ist das absolute Faserlandgefühl: Das Bordcafé als soziales Biotop and den zerfriemelten Rädern Europas.

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Einer der Business-Boys quatscht mich an, aber er ist kein Franzose, sondern ein IT-Spezialist aus Reading namens Alex. Wir plaudern kurz, er spricht mich auf meinen Akzent an, ich sage wie immer gewitzt: German with a hint of Welsh” und er nickt wissend. Wir reden kurz über den Brexit und Universitäten und er sagt glatt: “I wasn’t fortunate enough to go to University”, auch mal eine neue Perspektive, das eigene Privileg ins Gesicht gedrückt zu bekommen – wie er an seinen IT-Job gekommen ist wüsste ich immer noch gern.

Aber der Zug fährt in den dunklen tiefen Tunnel, um uns herum nur Wassermassen, Motoröl, Fische.

Sekunden später leuchtet eine Neonlichtinstallation über die Gleise in St. Pancras: “I want my time with you” steht da. Ich gehe durch die Sicherheitsschleuse, während jemand Coldplay auf einem der öffentlichen Klaviere klimpert, es ist so kitschig, dass mein Herz ein bisschen überquillt. Menschenmassen schieben sich vom Internationalen Bahnhof rüber nach Kings Cross und ich kann nicht anders als zu denken, dass sich England in all dem Trubel trotzdem an wie das Land der unbegrenzten Möglichkeiten anfühlt, voller Bildung und Freundschaft und Musik und Glitzer.

Die Fahrt geht weiter nach Norden, nach Lincoln. Vor dem Fenster lange nur Wasteland, aber ich bin ruhig und erleichtert und plötzlich tiefenentspannt, debil grinsend. Lieblingskommilitonin Natasha holt mich am Bahnhof ab, wir lachen und lachen und fühlen uns wieder wie in der Bibliotheks-Cafeteria in Swansea, die Frau ist ein einziger laufender Happy Place. Wir reden über Suppen, Bücher, alte Sprachen, Reisen, Ethik, fahren durch die Nacht in ihre neue Wohnung in einer alten Fabrik mit angeschlossener Mühle. Das klingt mighty fancy, wird aber dadurch gemindert, dass die Wohnung komplett mit schimmeligweichem Teppich ausgelegt ist, vom Flur durch die Küche bis ins Badezimmer. Das riecht auch so, und ich bin für einen Moment völlig perplex über diese Gewalt an der Bausubstanz: “It’s a Northern thing” sagt sie da nur, und ich zucke hilflos mit den Schultern. Die Flasche Wein auf fie Hochzeit ihrer Freunde Stella und Amy trinken wir auf dem Balkon, dem einzigen Flecken der Wohnung, der vom Teppich verschont wurde.


In der Ferne funkelt die Kathedrale von Lincoln auf einem Hügel und ich frage mich, ob alle Tage so lang sind wie heute – und warum 24 Stunden nicht immer so wild und reichhaltig sein können.

Glücksthermometer am ersten Tag: 8/10, easy.

 

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anhora sagt:

    Tolle Schilderungen, bin grad eine Weile dabei gewesen! Vor dem Klavier in der St. Pancras Station bin ich auch schon stehen geblieben und hab gestaunt über den surrealen Anblick. Inzwischen weiß ich, dass auch in anderen Bahnhöfen Klaviere herumstehen. In Zürich zum Beispiel.
    Freu mich schon auf den nächsten Bericht! 🙂

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    1. Emily J. sagt:

      Danke, danke schön! Selbst wenn ich Klavier spielen könnte, würde ich es mich so öffentlich dann wohl doch nicht trauen… aber schön, dass sich der Coldplay-Fan getraut hat 😉

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  2. Habe das letzthin in Paddington Station auch erlebt. Eine Frau. Ein Klavier. Strategisch gut aufgestellt. In der Nähe der elektronischen Zugverbindungsanzeigetafeln. Ragtime und Chopin Nocturnes. Klang zumindest so.
    9/10 auf dem Glücksthermometer, hoffe ich doch, spätestens nach drei weiteren Tagen.
    Gruß

    Achim

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    1. Emily J. sagt:

      Oh, unbedingt, das Thermometer steigt mit Übertritt der englischen Grenze ja sowieso immer um drei Punkte… Alles Liebe!
      (und an Chopin habe ich auch sehr selige Erinnerungen…)

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